Thüringen Anne-Sophie: Zu Hause, aber noch lange nicht angekommen

Das Schicksal von Familie Ewald aus Wasungen hat viele Leserinnen und Leser bewegt. 57 000 Euro spendeten sie, damit die Mutter und ihre drei Kinder nach einem tragischen Unfall finanziell abgesicherter zurück ins Leben finden.

Wasungen - Schon von außen ist zu erkennen, dass sich im Erdgeschoss des Wohnblocks in der Caspar-Neumann-Straße in Wasungen etwas tut. Da, wo einst ein Fenster war, ist nun ein Türloch geschnitten, unten breiter als oben. Hier soll der Aufzug für den Rollstuhl installiert werden, auf den die gerade 15 Jahre alt gewordene Anne-Sophie nach einem Verkehrsunfall angewiesen ist.

Das Mädchen ist am 21. Mai aus einer Spezialklinik entlassen worden. Anfang Juni wurde sie aber bereits wieder in Meiningen operiert. "Das Schlüsselbeinimplantat und eine Beckenschraube wurden entfernt", erzählt Mutter Mandy und zeigt das Metallteil, das so lang ist wie ihre Handfläche.

Während die Mutter berichtet, was sich in den letzten Wochen alles veränderte, liegt Anne-Sophie auf der Couch und schaut fern. Die Wohnlandschaft und weitere Möbel mussten neu gekauft werden, denn die Familie zog mittlerweile vom dritten Stock ins Erdgeschoss, weil hier die Möglichkeit bestand, die angrenzende Wohnung behindertengerecht umzubauen. Da kommt das Spendengeld von "Freies Wort hilft - MITEINANDER-FÜREINANDER", dem Hilfsverein der Heimatzeitungen, gerade recht. Die alte Couch habe nicht ins neue Wohnzimmer gepasst und sei zudem viel zu tief gewesen, sagt Mutter Mandy. Schließlich muss Anne-Sophie nun fast den ganzen Tag auf ihr verbringen. Mit Hilfe der Mutter schafft sie es von der Couch ins Bad, zur Toilette, in ihr Zimmer oder in den Rollstuhl. In ein paar Wochen soll die Wohnung nebenan fertig umgebaut sein. Der Durchbruch ist in der Wohnzimmerwand der Ewalds schon sichtbar.

Im Moment werkeln die Handwerker auf der anderen Wandseite, um die Zimmer rollstuhlgerecht herzurichten. Gerade werden die Elektroarbeiten erledigt. Das Hämmern, Bohren und Klopfen beeinträchtigt die Genesung natürlich. Denn auch Mutter Mandy ist noch krankgeschrieben, ihr Arm ist noch nicht wieder voll funktionsfähig.

Anne-Sophie hatte es bei dem Unfall im September nahe Schwallungen am schlimmsten erwischt. Ihre Geschwister Tonny (13) und Lindsay (11) können zwar wieder zur Schule gehen, Corona-bedingt waren sie jetzt lange zu Hause. Beide seien noch immer traumatisiert nach dem Unfall, an dem Mutter Mandy schuldlos war. Ein Großtaxi hatte ihnen die Vorfahrt genommen. Der Kleinwagen der Ewalds war Schrott. Jetzt hat die Familie einen Kleinbus gekauft, damit kann Anne-Sophie mit dem Rollstuhl transportiert werden.

Markus, der Freund der Mutter, hat bei der Wohnungsverwaltung nachgefragt, ob die Familie einen festen Stellplatz genau neben dem Aufzug der jetzt im Bau befindlichen Wohnung bekommen kann. "Das wäre eine Erleichterung", weiß er. Schließlich muss Mandy als alleinerziehende Mutter von drei Kindern, davon jetzt eins im Rollstuhl, schon so genug wuppen - und damit ist nicht die Muskelkraft gemeint.

Ihre Arbeit will Mandy Ewald, wenn der Arm wieder in Ordnung ist, wieder aufnehmen. Allerdings kann sie nicht mehr in Schichten arbeiten, denn Anne-Sophie soll künftig im Förderzentrum in Schmalkalden beschult werden. Das Mädchen wird dann morgens geholt und nachmittags wieder gebracht. "Und da muss ich zu Hause sein", sagt Mandy Ewald.

Anne-Sophie kommt mit der neuen Situation noch nicht zurecht. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie ehrlich: "Scheiße." Sie will, "dass das Metall aus meinem Körper rausgemacht wird". Und meint damit unter anderem die Implantate in beiden Beinen und im Schambein. Und sie meint, dass sie jetzt "plemplem" sei. Die Teenagerin beschreibt mit diesem Wort ihre Gedächtnislücken, ebenfalls eine Folge des Unfalls.

Eine Begutachtung wegen des Schulwechsels steht noch bevor, ein Schulassistent sei beantragt. Auch wenn Anne-Sophie noch nicht damit klarkommt, "dass ich jetzt auf die Behindertenschule muss".

Mit dem Rollstuhl üben will sie nicht. Sie will eigentlich gar nicht in den Rollstuhl, sagt sie trotzig. Einziger Lichtblick: ihr kleiner Terrier, der wie ein Wirbelwind in der Stube der Familie herumhüpft. "Der muss dreimal am Tag raus", sagt Anne-Sophie. Eine Aufgabe, die sie wieder unter Menschen bringen kann. Doch ihr bisheriges Leben hat sich für die 15-Jährige komplett geändert, es wird nie mehr so sein, wie vor diesem Tag im September. Ob und, wenn ja, wie sich ihre Gedächtnisleistungen verbessern, könne oder wolle ihr niemand sagen, erzählt Mutter Mandy. Ohne Rollstuhl werde es aber wohl nie mehr gehen.

Zumindest verbessert sich bald die Wohnsituation für die ganze Familie, wenn die Zimmer nebenan fertig sind. Dann hat Anne-Sophie ihr eigenes Reich, große Zimmer, ein eigenes rollstuhlgerechtes Bad, breite Türöffnungen und durch den außen angebrachten Aufzug die Möglichkeit, auch alleine das Haus zu verlassen. So richtig freuen darüber kann sich der Teenager nicht. "Ich muss mein ganzes Leben bei meiner Mutter bleiben", sagt sie bedauernd. Ob das in ein paar Jahren wirklich so ist, wird sich zeigen. Natürlich muss Anne-Sophie mithelfen, ihren Gesundheitszustand zu verbessern. Mit der Ergotherapie hat sie schon begonnen.

Wenn die Zimmer fertig sind, wird der Hilfsverein mit dem gespendeten Geld helfen, die Wohnung für Anne-Sophie nach ihren Wünschen auszustatten. Dann soll ein Mietfonds eingerichtet werden, von dem ein Teil der künftigen Miete der Ewalds getragen wird, die mehr als das Doppelte der jetzigen kostet, nämlich 1135 Euro. Wegen der hohen Investitionskosten läuft der Mietvertrag auf zehn Jahre. Der Umbau der Wohnung verursacht Kosten in Höhe von 51 000 Euro, davon erhält der Eigentümer 50 Prozent Förderung des Landes Thüringen und einen Zuschuss der Krankenkasse der Mieterin zur Verbreiterung der Türen in Höhe von 4000 Euro. Die Restkosten in Höhe von 21 000 Euro will der Eigentümer auf die Miete umlegen. Deshalb ist Mandy Ewald froh über die so große Hilfsbereitschaft der Leser der Heimatzeitungen, die ihr damit finanziell eine große Last nehmen.

Spenden auf das Konto des Hilfsvereins bei der Rhön-Rennsteig-Sparkasse IBAN: DE39 8405 0000 1705 017 017 sind weiter möglich. Bitte mit dem Stichwort "Ewald".

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