Theo Waigel hielt Festrede auf Point Alpha „Ich bin kein Historiker, aber ich war dabei“

Der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel gilt als einer der Mitgestalter der Wiedervereinigung Deutschlands. Beim Festakt am Samstag in der Gedenkstätte Point Alpha plauderte er über Begebenheiten, nannte aber auch Fakten und Zahlen.

Geisa/Rasdorf - Sechs Kränze, gestiftet von den Landesregierungen aus Thüringen und Hessen, den Landtagspräsidenten beider Länder, Wartburgkreis-Landrat Reinhard Krebs (CDU) sowie den CDU-Bundestagsabgeordneten Christian Hirte und Michael Brand, legten Politiker aus Hessen, Thüringen und Bayern sowie Repräsentanten der Point Alpha Stiftung am Samstag vor dem Festakt am Denkmal der deutschen Teilung und Wiedervereinigung nieder. Unterstützt wurden sie von der Kyffhäuser-Kameradschaft Grüsselbach.

Stefan Heck, Stiftungsratsvorsitzender der Point-Alpha-Stiftung und hessischer Staatssekretär, erinnerte an das Inkrafttreten des Einigungsvertrages am 3. Oktober 1990. „Die Nachkriegszeit war damit beendet. Es war ein historischer Wendepunkt für Deutschland, Europa und die ganze Welt“, sagte er und blickte zurück auf die friedliche Revolution ein Jahr zuvor. In den Demonstrationszügen gab es immer wieder Transparente mit der Aufschrift: „Kommt die D-Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, gehen wir zu ihr.“ Ein Mann, den diese Botschaft besonders betraf, sei heute hier, begrüßte Heck den damaligen Bundesfinanzminister Theo Waigel als Festredner. Waigel sei einer der Mitgestalter der deutschen Wiedervereinigung und stehe auch als Namensgeber für den Euro in den Geschichtsbüchern.

„Freiheitstag für unser Volk“

Den 3. Oktober bezeichnete Stefan Heck als „wichtigsten gesamtdeutschen Feiertag in der jüngeren Geschichte“ und zugleich „Freiheitstag für unser Volk, der nie vergessen werden darf“. Der Stiftungsratsvorsitzende betonte: „Wir wollen unsere Geschichte als Fundament für unsere Zukunft begreifen. Deshalb ist es notwendig, die richtigen Lehren daraus zu ziehen.“ Dazu wolle die Point-Alpha-Stiftung einen Beitrag leisten.

Für ihn sei es eine große Ehre, beim Festakt auf Point Alpha zu sprechen, sagte Brigadegeneral Jed J. Schaertl (Stellvertretender Kommandierender General für Mobilisierung und Reserveangelegenheiten), welcher das Grußwort der US-Army sprach. Schaertl, der seine Familie mitgebracht hatte, bedankte sich insbesondere für die tolle Musik und speziell bei den Trompetern. Das Blechbläserensemble des Landespolizeiorchesters Hessen unter Leitung von Gerhard Schultheis umrahmte den Festakt musikalisch.

„Wunder der Geschichte“

Theo Waigel erinnerte sich an seine erste Fahrt durch die DDR – im Jahr 1965 mit der Jungen Union. An der Grenze wurde die Gruppe drei Stunden lang kontrolliert. „Es war gespenstisch“, erinnerte sich der Politiker. Weitere Reisen folgten, stets unter Beobachtung der Staatssicherheit. Sie legten Akten mit insgesamt 1200 Seiten über ihn an, 120 Spitzel überwachten ihn. Einmal, in einem Hotel in Dresden, habe er sich bei seinen Bewachern für ein paar Stunden abgemeldet, und erklärte, es gehe jetzt schlafen und daher gebe es nichts zu beobachten. Darüber las er später in seinen Akten ebenfalls.

Als „Wunder der Geschichte“ bezeichnete Theo Waigel die friedliche Revolution in der DDR. Wenn man 1939 geboren und in nicht gerade glücklicher Zeit aufgewachsen sei, mit fünf Jahren den Bruder verlor und sich an den ersten Schultag im Jahr 1945 noch gut erinnert: „Wenn man sieht, wo wir heute stehen, darf man ruhig dankbar sein und dem Herrn vergelt’s Gott sagen.“

Dankbar ist Waigel auch den Vereinigten Staaten von Amerika, die Deutschland bei der Wiedervereinigung unterstützten. „Wir hatten keinen besseren Verbündeten als George Bush sen.“, betonte er. Das habe auch geholfen, als die Skeptiker Frankreich und Großbritannien überzeugt werden mussten. Ein weiterer wichtiger Faktor war in Moskau: Der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow habe 1989 Bundeskanzler Helmut Kohl und auch George Bush mehr vertraut als dem damaligen DDR-Staatschef Erich Honecker. „Er hat dafür gesorgt, dass im Herbst 1989 die sowjetischen Panzer in den Kasernen blieben und wurde zum Bruder für uns.“

Länger gedauert und mehr gekostet

Vor der Wiedervereinigung hätte er der Bundesregierung seit längerer Zeit wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen können. „Die Wiedervereinigung hat das verhindert, aber das war sie mir wert“, erzählte der Ex-Finanzminister. Die Bundesregierung habe stets am Ziel der Wiedervereinigung festgehalten.

Die Frage, was die Wiedervereinigung kosten würde, habe er damals nie beantwortet, betonte Theo Waigel. Rückblickend stellte er fest: „Es hat länger gedauert und mehr gekostet, als wir uns vorgestellt haben. Aber ganz Deutschland ist in einer Demokratie, ganz Deutschland gehört dem westlichen Bündnis und der NATO an, ganz Deutschland ist ein Sicherheitsanker in Europa und der ganzen Welt. Daher denke ich, dass es das Geld wert war, das wir aufgewendet haben und dass es nicht zu viel gekostet hat.“

Der Ex-Finanzminister rechnete zusammen, wie viel Deutschland in den vergangenen 30 Jahren insgesamt für die Wiedervereinigung aufgewendet hat: „Es hat mehr als zwei Billionen Euro gekostet“. Jedes Jahr habe man zwischen vier und fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts hierfür aufgewendet. Finanziert habe man es zu je einem Drittel durch Einsparung von Ausgaben nebst Kürzung von Subventionen; durch den Solizuschlag und die Erhöhung der Mineralölsteuer sowie durch Kreditaufnahmen. Darüber hinaus habe die Bundesrepublik Milliardenbeträge an Hilfen für andere osteuropäische Staaten und Länder der ehemaligen Sowjetunion zur Verfügung gestellt, damit die Stabilität in Europa erhalten bleibt. „Die neuen Bundesländer liegen heute im europäischen Vergleich im Mittelfeld und weitaus besser, als alle anderen ehemaligen Staaten des Warschauer Paktes“, so Waigel. Er erinnerte daran, dass in der DDR durch Vertreibung wirtschaftlicher Eliten sowie durch Fluchten erhebliches wirtschaftliches Potenzial verloren gegangen sei, und diese Menschen hätten in der Bundesrepublik erheblich zum Wachstum und zur positiven Entwicklung beigetragen. „Was Bürger aus Ostdeutschland im Westen zur Steigerung des Bruttosozialproduktes geleistet haben, sollten wir nicht vergessen und auch nicht, was sie mit ihrem Streben nach Freiheit erreicht haben“, so wörtlich.

Ein Historiker habe ihm einmal gesagt, dass der Zeitzeuge der schlimmste Feind des Historikers sei. „Ich bin kein Historiker. Aber im Gegensatz zu vielen Historikern, die darüber Bücher schreiben, war ich dabei“, sagte er mit Blick auf die Wiedervereinigung.

Dauerausstellungen weiterentwickelt

Sebastian Leitsch, Geschäftsführer der Point-Alpha-Stiftung, erklärte, dass die letzten zwölf Monate eine Herausforderung für die Gedenkstätte gewesen seien. Aufgrund des mehrmonatigen Lockdowns habe man die Gedenkstättenarbeit neu überdenken müssen. „Online können wir zwar ein großes Publikum erreichen. Aber es gelingt uns nicht, die Menschen so anzusprechen, wie es uns direkt in der Gedenkstätte gelingt“, erklärte er. Die Zwangspause habe man genutzt, um die Dauerausstellungen auf thüringischer und hessischer Seite weiterzuentwickeln. In der Fahrzeughalle wird derzeit eine Sonderausstellung „70 Jahre Bundesgrenzschutz“ gezeigt, weshalb der Festakt mit rund 250 Gästen in einem Zelt davor stattfand. „Die Potenziale und Strahlkraft dieses Ortes, seine Verankerung in den Regionen auf beiden Seiten der ehemaligen innerdeutschen Grenze und die Verbindung über den Atlantik machen Point Alpha zu einem einzigartigen Punkt der Geschichte“, erklärte Leitsch.

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