Theaterabend Weil wir es glauben wollen …

Im zweiten Teil des Theaterabends holte Schauspieler Steve Karier den Maler Harald R. Gratz auf die imaginäre Bühne. Foto: /Annett Recknagel

Steve Karier brachte sie ans Licht. Thüringen, die ganze Wahrheit. Sie begann bei der Körpergröße Goethes und endete beim Übereinander-Lachen können.

Schmalkalden - Steve Karier war baff. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich einen Pfarrer vor die Flinte kriege!“ In Schmalkalden bekam er sogar einen Dekan. Und das interessierte den Schauspieler, dessen Wurzeln bis nach Luxemburg reichen, wahnsinnig. Was hat es nun mit dem Glauben auf sich? Karier stellte die Gretchenfrage an Ralf Gebauer. Und der, ganz Pfarrer, Pardon, ganz Dekan antwortete: „Es hat etwas mit Vertrauen zu tun.“ Und was, wenn der Glaube abhanden kommt? Das könne tatsächlich geschehen. „Dann hänge ich in der Luft“, antwortete Gebauer. Er persönlich könne eh nicht verstehen, was für ein Blödsinn heutzutage manchmal geglaubt würde, auch wenn die Faktenlage anders sei. Vielmehr sei Glaube ein Geschenk. Wenn man das im religiösen Sinne nicht annehmen könne, dann suche man sich etwas anderes, an dem man sich festhalten könne.

„Irgendetwas braucht der Zweibeiner“, stimmte auch Harald R. Gratz zu. Im Geiste könne man sich seine eigene Welt schaffen – wenn man damit glücklich sei, dann „ist das okay“.

Und was ist mit der Wahrheit? Mit der ganzen Wahrheit? Die Wahrheit schlechthin – jenseits von Gerüchten, Legenden, Mythen. Wie war das nun eigentlich mit Goethes Körpergröße? War er etwa kleiner als Schiller? Tatsächlich, Karier hatte sich informiert. Schiller überragte seinen Dichterfreund tatsächlich um zwölf Zentimeter. Aber: Gerüchte besagen, dass Goethe in seinem Testament angeordnet habe, beide als mögliches Denkmal gleich groß darzustellen. „Ich habe das geglaubt, weil ich es glauben wollte“, erklärte Karier.

Reden konnte er. Muss er auch, er ist ja schließlich Schauspieler. Ein stressgeplagter. Wenigstens während des aktuell stattfindenden Kunstfestes in Weimar. Unter der Überschrift „Thüringen – die ganze Wahrheit“ hat er 20 Abende auszugestalten. 20 Performances. Eine davon fand jetzt im Schloss Wilhelmsburg statt. Steve Karier erzählte sich warm. „Jetzt aber – Thüringen, die ganze Wahrheit“ – das Publikum zuckte zusammen und wartete gespannt. Karier berichtete von Gerüchten und deren Gebrauchsanweisungen. Da wollte doch so ein Hobbyarchäologe eine versteinerte Bratwurst gefunden haben „Komplett mit Brötchen.“ Den Senf gab Karier höchstpersönlich dazu. „Da ging die Post ab, da wurde geflunkert.“ Wo bitte schön? Na, als die Leute aufgerufen worden waren, Gerüchte zu erfinden.

Karier seinerseits brauchte nicht lange zu überlegen. Er machte einfach mit. „Nichts davon war böswillig.“ Und so frage er sich immer wieder, ob das Streuen von Gerüchten nicht in den Menschen drin liege. Irgendwann sei er nicht mehr imstande gewesen, echte und erfundene Gerüchte zu unterscheiden. „Ein Zeichen meiner zunehmenden Verwirrung.“

Mittlerweile war es 20.41 Uhr und das Publikum wartete noch immer auf Thüringen, die ganze Wahrheit. Oder Schmalkalden, die ganze Wahrheit? In Kleinschmalkalden stieß Karier auf die größte Kuhglocke der Welt - „das ist ein Versuch in die richtige Richtung!“, meinte er und Harald R. Gratz kommentierte: „Damals waren das noch ganz andere Kühe“ und regte an, wieder mehr übereinander und miteinander zu lachen. „Durch Lachen wäre alles viel entspannter, mit nur noch Ratio würden wir verkommen“, meinte er weiter. Seiner Ansicht nach trage unsere heutige digitale Welt als unglaubliche Verführung zu vielen Wahrheiten bei.

Und genau das sei der Unterschied zum Leben früher. Ein jeder könne im Netz seine eigene Kampagne lostreten, sich seine eigene Wirklichkeit bauen. Man sollte versuchen, sich ein Stück Wahrheit, ein Stück Demokratie zu erhalten. „Auch, dass wir über uns lachen können.“ Das Moment was Harald R. Gratz an diesem Abend gesehen habe, sei rosa gewesen. Na gut – Steve Karier hatte rote Schuhe an und wollte keinen Dauermonolog leisten. Deshalb durfte Gratz für einige Minuten zu ihm nach vorne kommen. Diskutieren sei allemal besser als nur zuhören.

War das nun die ganze Wahrheit? „Also ich bin Schauspieler und wir lernen schon im ersten Semester wie man lügt . Wir sind Profis“, lautete das Urteil Kariers.

 

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