Selbst Kritiker Zierer sieht grundsätzlich die Chance, dass Technik in der Schule sinnvoll eingesetzt werden kann. Er verweist aber darauf, dass es in erster Linie um die Kompetenz des Lehrpersonals gehe. Zierer ist überzeugt: "Ein schlechter Unterricht wird durch digitale Medien eher schlechter, nur ein guter Unterricht kann durch den sinnvollen Einsatz digitaler Medien noch besser werden."
Auch digitale Vorreiter in Skandinavien werden skeptisch
Unsere nördlichen Nachbarn in Dänemark oder Schweden wurden lange betrachtet als die Digital-Pioniere im Bildungswesen, die uns Jahre voraus seien. Doch mittlerweile sei die "Digitalisierungseuphorie" im Schulbereich in beiden Ländern durch wissenschaftliche Veröffentlichungen gebremst worden, berichtet Erziehungswissenschaftlerin Sieglinde Jornitz in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung.
Beispielsweise werde in den Ländern jetzt auch auf das Ablenkungspotenzial der Technik verwiesen. In Schweden werde als eine Gegenmaßnahme diskutiert, den Unterricht wieder auf den Wissenserwerb über gedruckte Bücher und das Fachwissen der Lehrkräfte auszurichten. In Dänemark würden Maßnahmen wie die handyfreie Schule und das Sperren bestimmter Webseiten geprüft.
Jornitz betont ebenfalls, dass bei dem Thema didaktische Ansätze wieder ins Zentrum der Diskussion gestellt werden sollten. "Nicht allein der Einsatz von digitalen Lernmitteln ist entscheidend, sondern die Frage was und wie über sie und mit ihnen vermittelt wird", sagt die Wissenschaftlerin vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation in Frankfurt am Main.
Handyverbote für alle - auch für die Lehrkräfte
Landauf, landab wird darüber diskutiert, ob es für die Kinder an den Schulen ein Smartphone-Verbot geben soll. In Bayern gibt es bereits ein Handy-Verbot für alle Grundschüler - eine Ausweitung auf weitere Klassenstufen wird geprüft. Schulpädagoge Zierer begrüßt solche Initiativen. Er spricht sich für ein vollständiges Smartphone-Verbot an allen Schulen aus. Von der Grundschule bis zum Gymnasium sollten auch die Lehrerinnen und Lehrer auf ihre Handys verzichten müssen, betont er.
Der Augsburger Bildungswissenschaftler arbeitet seit Jahren mit dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie zusammen, dessen Studie "Visible Learning" weltweit von Pädagogen beachtet wird. Laut Zierer sind für die Langzeituntersuchung mittlerweile rund 200.000 Primärstudien zusammengefasst und die Lernergebnisse von etwa 400 Millionen Schülern ausgewertet worden.
Zierer sagt, die Bildungsforschung lege zwei Schlussfolgerungen nahe: Erstens sollte der außerschulische Bereich reguliert werden, um Kinder und Jugendliche zu schützen und Familien zu unterstützen. Zweitens müsse der Fokus in den Schulen wieder verstärkt auf die Unterrichtsqualität gelenkt werden: "Die bloße Anhäufung von immer mehr Technik macht die Schulen nicht besser."