Tagebuch eines Bahnreisenden Unterwegs im Land der dichten Nichtdenker

In den Zügen der Südthüringen Bahn sind zwischen Ilmenau und Erfurt meist Pendler und Studierende unterwegs – und manchmal auch ganz besondere Sprachtalente. Foto: Danny Scheler-Stöhr

Das Auto stehen lassen und mit dem Neun-Euro-Ticket und der Bahn auf Arbeit pendeln. Danny Scheler-Stöhr, Leiter der Ilmenauer Lokalredaktion, testet genau das derzeit. Dabei erlebt er so einiges.

Deutschland war einst das Land der Dichter und Denker: Schiller, Goethe, Nietzsche, Heine, Einstein – die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch das war offenbar einmal. Heute ist Deutschland wohl vielmehr das Land der dichten Nichtdenker.

Es ist früher Abend. Wie jeden Tag derzeit sitze ich im Zug von Ilmenau in Richtung Erfurt. Hinter mir sitzen drei junge Männer, vielleicht Anfang 20. Die knabbern laut schmatzend Chips. Es erinnert mich ein bisschen an die Karnickel meines Onkels, wenn die ihre Karotten nagen. Es ploppt, irgendeine Flasche wird geöffnet.

Im Land, wo einst Faust oder das Lied von der Glocke geschrieben wurden, ist die Sprache heute eine ganz andere: „Digger, pass auf. S‘läuft aus.“ Hektik. „Wisch mal, Alder!“ Plötzlich werden die drei von etwas abgelenkt. Wir fahren gerade an der Jäcklein-Brauerei vorbei. Auf dem Gelände stehen unzählige Bierkästen. Es ist quasi zu hören, wie ihnen der Sabber aus dem Mund läuft. „Ey Digger, schau mal. Stellt dir vor… Gehst da rein. Alles voll, Digger. Ewig ausgesorgt, Alder. Krass Digger.“ Die anderen sind begeistert. „Ja, Alder, lass mal reinschleichen, Digger!“

Das einzige was bei mir gerade digger, äh dicker wird, ist meine Halsschlagader. Ich krame in meinem Rucksack nach meinen Kopfhörern. Ich brauche Musik. Irgendetwas, das mich aus diesem unfreiwillig mitgehörten Gespräch ausklinkt. Vielleicht Scooter? Mit maximal aufgedrehter Lautstärke. Hyper, Hyper statt Digger, Alder.

Beim Kramen im Rucksack fällt mir mein Stifte-Etui ins Auge. Ich überlege kurz, den Jungs drei Textmarker in die Hand zu drücken. „Schreibt eure Sätze auf. Dann markiert bunt: Subjekt, Prädikat, Objekt. Ist gar nicht so schwer.“ Jedoch: Meine Angst vor einem blauen Auge ist vermutlich größer als deren Freude an einem blauen Textmarker. Ich verwerfe meinen Plan also.

Wir sind mittlerweile auf Höhe Elgersburg. Während ich noch immer im Rucksack wühle, ist hinter mir Themenwechsel. Die Jungs entpuppen sich nicht nur als Meisterganoven, sondern auch als Sprachexperten. Warum auch immer, aber sie diskutieren plötzlich über Schweden. „Digger, was laberst du? Schwedisch ist Englisch mit deutschem Sprachfehler!“ Ein anderer pflichtet bei: „Genau, Alder. Wie holländisch. Hö-hö-hö-hö-hö!“ Er lacht wie Didi Hallervorden.

So vergeht die Fahrt. Knapp eine Stunde braucht der Zug zwischen Ilmenau und Erfurt. Und so eine Stunde kann lang sein. Sehr lang.

Doch mein Bahnhof kommt Bahnschwelle für Bahnschwelle näher. Plaue, dann Arnstadt. Richtig idyllisch wird immer zwischen Haarhausen und Sülzenbrücken. Die Sonne geht gerade unter, taucht die Wachsenburg ebenso in ein schönes Licht wie die wenigen Wolken am Himmel. „Ey Alder, guck! Wie schön sieht das aus?“, fragt einer der Jungs. „Du musst schwören! Wenn dich mal jemand kaputt macht, musst du danach wieder so strahlen wie die Sonne durch die Wolken, Brudi!“

Wow, denke ich mir. Dass ich kurz vor meinem Ausstieg diesen poetischen Höhepunkt noch miterleben durfte. Das war jetzt vielleicht nicht Goethe oder Schiller… Aber näher werden wir an das Land der Dichter und Denker an diesem Abend wohl nicht mehr kommen.

Sind auch Sie schon mit dem Neun-Euro-Ticket gefahren und haben lustige, skurrile, schöne oder auch ärgerliche Situationen erlebt? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen an lokal.ilm-kreis@freies-wort.de.

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