Tagebuch eines Bahnreisenden Dem Rentner sitzt der Tod im Nacken

Die Züge der Südthüringen Bahn (hier am Bahnhof in Ilmenau) sind derzeit stets gut ausgelastet. Foto: Danny Scheler-Stöhr

Das Auto stehen lassen und dank Neun-Euro-Ticket die Bahn nutzen. Danny Scheler-Stöhr macht genau das derzeit – wie viele andere auch. Doch wer ist da eigentlich in den Zügen unterwegs? Eine Typologie.

Rentner

Der Rentner ist für gewöhnlich ein Rudeltier. Nur in seltensten Fälle ist er in Pärchenformation oder ganz alleine unterwegs. Auch ohne Blickkontakt ist er in den Zügen schon von Weitem auszumachen, so ist die ausgepackte Leberwurststulle auch am anderen Ende des Abteils gut zu riechen. Optisch ist das männliche Exemplar gerade jetzt im Sommer meist an beigen, kurzen Hosen zu erkennen, die es mit einem Gürtel zwischen Brust und Bauchnabel festgeschnallt hat. Das Weibchen macht akustisch durch grelle Nörgeltöne auf sich aufmerksam. „Herbert! Los jetzt! Der Zug kommt gleich!“ Mitunter pikst es dabei ihrem Partner mit spitzem Finger grob in die Hüfte. Aufgrund des hohen Alters sitzt dem Rentner der Tod immer im Nacken. Das hat Einfluss auf sein Verhalten. Um in der wenigen Zeit, die ihm auf Erden noch verbleibt, möglichst viel zu erleben, ist er meist schon sehr früh in den Zügen unterwegs, was mitunter zu erbittert geführten Revierkämpfen mit den Berufspendlern führt.

Berufspendler

Der Berufspendler ist vor allem in den frühen Morgen- und frühen Abendstunden zu finden. Ihm ist das Neun-Euro-Ticket ein Graus. Plötzlich muss er sich mit dem ganzen Pöbel in die Sardinenbüchse auf Schienen quetschen. Vor Juni war er die meiste Zeit alleine in den Zügen unterwegs. Das hatte natürlich seinen Preis. Um sich eine reguläre Monatskarte leisten zu können, musste er bisher schon Omas Goldschmuck, eine Niere und das erstgeborene Kind verkaufen.

Studenten

Neben dem Berufspendler ist der Student der häufigste Nutzer des Nahverkehrs. Anders als der Berufspendler hat er aber keine festen Zeiten, zu denen er im Zug zu finden ist. Uhrzeiten, das sind doch bürgerliche Kategorien! Und der Vorlesungsplan ist ja auch eher als Empfehlung zu verstehen. Im Gegensatz zum Rentner ist der Student meist Einzelgänger. Dennoch beansprucht er in der Regel einen Viererplatz komplett für sich. Laptoptasche und der mit Büchern gefüllte, sehr große und schwere Rucksack brauchen schließlich ihren Platz. Kurios dabei: Verdächtig oft klirrt dieser schwere Bücherrucksack beim Abstellen.

Assis

Während der Student seinen Elferkasten Sterni als schwere Bücher im großen Rucksack tarnt, ist der Assi nicht so zimperlich. Laut rülpsend poltert er für gewöhnlich in den Abendstunden mit einer Dose oder einer Flasche köstlichen Hopfengetränks in den Zug. Hat er sich’s irgendwo bequem gemacht, ist zeitnah ein lautes „Zisch“ oder „Plopp“ zu hören. Während der Fahrt parliert er philosophengleich mit seinen Assi-Freunden. „Ey Digger, isch schwöre, deine Mudder badet immer in Fanta, damit sie auch mal aus ‘ner Limo winken kann. Isso, Alder!“

Schüler

Kurz vor den Sommerferien war fast jeder Zug randvoll mit Schülern. Ist ja auch eine klasse Idee vom Lehrer, in die ohnehin schon überfüllten Züge noch eine Schulklasse zu stopfen. Panik gibt es immer beim Aussteigen. Der bange Blick: Sind auch alle raus? Ja, natürlich. Außer Ryder, der fuhr weiter.

Familien

Gerade jetzt in der Ferienzeit sind Züge ein beliebtes Fortbewegungsmittel für Familien. Dann wollen Papa Björn-Alexander und Mama Agnes-Siglinde mit ihren Kindern Thorben-Friedrich, Fynn-Bruce und Loraine-Tschakkelin (ja, so geschrieben, weil der Name wie auch das Kind etwas ganz Besonderes sein soll) raus aus der Vorstadthölle. Doch während Conny Froboess damals nur eine Badehose brauchte, wenn sie an den See gefahren ist, müssen heute drei bereits aufgeblasene Schwimminseln, zwei Laufräder und ein XXL-Koffer für das ganze Sandspielzeug mit in den Zug gequetscht werden.

Radfahrer

Der Radfahrer ist der Endgegner für die Bahn in diesem Sommer und der Feind Nummer 1 für alle anderen Passagiere. Ist der Zug auch noch so voll, der Drahtesel wird da noch irgendwie rein gequetscht. Immerhin: So kann keiner mehr umfallen, wenn der Lokführer mal geizig bremsen muss. Wichtig zu wissen: Bei Radfahrern gilt stets das Gesetz des alten, radrogermanischen Gottes Ehbeik: Der Drahtesel, der zuerst wieder raus muss, steht meist ganz hinten. Das führt bei jedem Halt zu kurios anmutenden Szenen. Zunächst steigen – wie in einem Clownsauto – 24 Radler aus dem Zug aus, kurz darauf 23 von ihnen wieder ein.

Journalisten

Der Journalist ist der allerschlimmste der genannten Vertreter, weil er typischerweise gleich mehreren Gruppen angehört. Erst drängelt sich der Schmierfink mitten im Berufsverkehr mit seinem fetten E-Bike an allen vorbei in den Zug und besetzt dann selbstbewusst einen Viererplatz, weil er den Tisch braucht, um am Laptop zu arbeiten. Über sein Notebook hinweg schielt er dann stets heimlich in die Menge und beobachtet, was um ihn herum passiert. Daraus schreibt er dann ein reißerisches Tagebuch. Widerlich!

Lesen Sie auch die bisher erschienenen Teile des Bahntagebuchs:

Teil 3: „Und jetzt rennt, ihr Fettsäcke!“

Teil 2: Unterwegs im Land der dichten Nichtdenker

Teil 1: Ey Digger, die angeln hier alle – und riechen nach Knoblauch

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