Tag des Lokaljournalismus Warum die Heimatzeitung wichtig ist

Wer hier lebt, will wissen, was vor der eigenen Haustür passiert. Viele dieser Informationen gibt es nur an einem Ort: in der Lokalzeitung.

In der Meininger Redaktion: Die beiden Mitarbeiter Lea Pauline Kellermann und Erik Hande arbeiten an einem Beitrag für eine der nächsten Ausgaben. Foto: Marko Hildebrand-Schönherr

Was fehlt, merkt man oft erst, wenn es verschwunden ist. So war es mit dem Meininger Bier. 2011 gingen in der Brauerei die Lichter aus – Insolvenz. Das Aus kam trotz preisgekrönter Sorten, trotz kreativer Biermischgetränke wie „Banana Jack“, trotz charismatischer Braumeisterin.

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Man kann heute anderes Bier trinken, keine Frage. Die Regale sind voll, der Durstige wird fündig. Aber es schmeckt nicht genauso wie das Meininger. Nicht schlechter. Nur nicht mehr nach Heimat.

Heimat lässt sich nicht ersetzen. Das gilt auch für die Lokalzeitung.

Unsere Zeitung hält die Stellung: gedruckt auf Papier, als E‑Paper und digital auf dem Portal insuedthueringen.de. Tagtäglich informieren wir unsere Leserinnen und Leser – aktuell, seriös, abwechslungsreich. Doch die Bedingungen werden schwieriger. Mediennutzung verändert sich rasant, Erlöse gehen zurück, während Kosten steigen. Papier, Energie und Zustellung sind teurer geworden, Anzeigenmärkte haben sich verlagert. Gleichzeitig erwarten Leser verlässliche Informationen – schnell, gründlich, auf allen Kanälen. Sie zahlen gutes Geld dafür. Wir wissen das und verstehen es als Auftrag.

Redaktionelle Arbeit ist anspruchsvoll. Recherchen, Gespräche, Termine, die Begleitung kommunaler Entscheidungen erfordern Zeit, Präsenz und genaue Kenntnis der Region. Nur so entstehen Berichte, die die Lebenswirklichkeit der Menschen hier korrekt abbilden. Genau darin liegt die besondere Stärke der Heimatzeitung: Kein anderes Medium ist dichter am Geschehen.

Unsere Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten kennen die Region und die Menschen hier – und werden von ihnen gekannt. Man begegnet sich auf dem Marktplatz, im Vereinsheim, bei Ratssitzungen. Fehler bleiben nicht anonym, Kritik nicht folgenlos. So entsteht Vertrauen. Vertrauen ist die zentrale Währung im Journalismus.

Wie vielfältig diese Arbeit ist, zeigt ein Blick auf jüngste lokale Schlagzeilen: Archäologen entdecken in Meiningen die größte Südthüringer Fundstelle. Kupfersucher bohren weiter. Herzog Georg auf dem Denkmalsockel löst Empörung aus. Ein Späti-Markt schließt, ein Kindergarten steht vor dem Aus. Im Theater wird gefeiert, im Bauausschuss gestritten.

In der Heimatzeitung steht, was die Region bewegt, aufregt und prägt: Berichte über medizinische Versorgung und Arbeitsplätze, über Kommunalpolitiker und ihre Entscheidungen, über Unfälle und Feuerwehreinsätze, Mobilität und Infrastruktur, über Vereine, Kultur und Sport. Das alles stammt aus einer kleinen Region, ist aber alles andere als Kleinklein. Es ist gesellschaftlicher Kitt.

Gerade in einer Zeit, in der soziale Netzwerke Meinungen, Gerüchte und Empörung in hoher Geschwindigkeit verbreiten, braucht es Medien, die prüfen, einordnen und Verantwortung übernehmen. Die Lokalzeitung ist dabei mehr als Chronistin. Sie ist Kontrollinstanz. Sie schaut hin, wenn Gebühren steigen sollen, Schulstandorte wackeln oder Windradflächen geplant werden. Sie macht Entscheidungen sichtbar, bevor sie vollzogen werden. Verlässliche Information ersetzt Vermutung – das ist gelebte Demokratie vor Ort.

Diese Arbeit gelingt besonders gut, wenn Verwaltungen transparent handeln und Unterlagen zu öffentlichen Sitzungen rechtzeitig zur Verfügung stellen. In vielen Städten und Gemeinden funktioniert das vorbildlich. Leider nicht überall. Ein Negativbeispiel sind Kommunen der Verwaltungsgemeinschaft „Dolmar-Salzbrücke“. Mit dem neuen jungen VG-Chef hat sich die Situation bislang leider nicht verbessert. Die Bitte an ihn lief ins Leere. Wo Informationen unnötig zurückgehalten werden, leidet nicht die Zeitung – sondern die Öffentlichkeit. Auch damit müssen Lokaljournalistinnen und ‑journalisten umgehen.

Die Nähe zu den Menschen ist dabei Chance und Herausforderung zugleich. Wer sich kennt, berichtet nicht aus sicherer Distanz. Berichterstattung kann unbequem sein – gerade dann, wenn sie Nachbarn, Bekannte oder langjährige Gesprächspartner betrifft. Nähe darf nicht zu Nachsicht werden, Vertrautheit nicht zu Schonung. Diese Spannung auszuhalten, gehört zur Professionalität des Lokaljournalismus.

Natürlich ist die Lokalzeitung nicht perfekt. Sie darf und soll kritisiert werden. Zugleich sind Reporterinnen und Reporter darauf angewiesen, dass ihre Arbeit wahrgenommen und wertgeschätzt wird: durch Interesse, Rückmeldungen, Hinweise – und vor allem durch den regelmäßigen Blick in die Zeitung und auf insuedthueringen.de.

Ohne Lokalzeitung entstünde vor Ort eine große Lücke. Das ist ein großes Wort, aber es stimmt. Für die demokratische Grundversorgung ist sie unverzichtbar.

Das Meininger Bier kommt nicht zurück. Die Lokalzeitung gibt es noch. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Frage ist, welchen Wert wir ihr beimessen, heute. Nicht erst dann, wenn wir sagen müssen: Sie fehlt wie ein Stück Heimat.

M.Hildebrand-Schoenherr@meininger-tageblatt.de