Tag der Städtebauförderung Große Pläne für Tiefenort

Akteure waren sie eigentlich alle beim Tag der Städtebauförderung 2022 – Bürgermeister Klaus Bohl, die Vertreter der verschiedenen Planungs- und Ingenieurbüros, die fleißigen Vereinsmitglieder und die zahlreichen interessierten Tiefenorter.

Der Tag der Städtebauförderung wird bundesweit seit 2015 begangen. Die Kreis-, Kur- und Garnisonsstadt Bad Salzungen hat genug Stoff, um bei dieser Gelegenheit ihre Ergebnisse und Vorhaben öffentlich darzustellen. In Tiefenort, dem größten Ortsteil, wurden viele Themen bei einem Rundgang von der vom Erdfall gezeichneten Frankensteinstraße bis zu „Krugs Haus“ erörtert. Neben zahlreichen Bürgern begrüßte Bürgermeister Klaus Bohl (Freie Wähler) Landtagsabgeordnete und Kommunalpolitiker, Planungsspezialisten der verschiedenen Projekte, die Bürger- und Behindertenbeauftragte des Wartburgkreises, Pfarrer Thomas Volkmann und die Leiterinnen der Regel- und der Grundschule.

Magerrasen für den Erdfall

Die Tiefenorter Frankensteinstraße hat durch den Erdfall von 2002 bundesweit traurige Berühmtheit erlangt. Der promovierte Geologe Dietrich Simon, selbst Anwohner und von Beginn an mit der wissenschaftlichen Untersuchung des Vorfalls beschäftigt, erläuterte die Auswirkungen der in Tiefenort schon ab 50 Meter unter der Erde auftretenden Lauge, die in Verbindung mit den regionalen Kalivorkommen steht und auch an anderen Stellen des Dorfes bereits Schäden verursacht hat, darunter in der früheren August-Bebel-Straße. Er dankte für die endlich gefundenen Lösungswege. Nach langjährigen Verhandlungen dürfen die geschädigten und leergezogenen Häuser endlich abgerissen werden. Planer Björn Engelhardt erläuterte anhand der Planskizzen, dass die gewonnenen Flächen begrünt werden sollen, allerdings nicht im Parkstil, sondern mit Magerrasen, und dass am oberen Ende zur Kantstraße ein Wendehammer vorgesehen ist.

Am Alten Amtshaus wurden die Teilnehmer unter anderem vom Tiefenorter Ehrenbürger und Heimatforscher Werner Krah erwartet. Er berichtete, wie nach dem 30-Jährigen Krieg auf Veranlassung des Gothaer Herzogs Ernst der Fromme angesichts der verfallenen Krayenburg im Dorf ein Schul- und Verwaltungskomplex errichtet worden war. Das Gebäude beherbergt heute das Heimatmuseum. Georg Rietig vom Planungsbüro Wittig & Rietig zeigte anhand grafischer Darstellungen, wie die historische Bausubstanz, darunter die Toreinfahrt und die Sandsteinmauer entlang der früheren Schlossgärten, erhalten werden und ein zum benachbarten Supermarkt abgegrenzter barrierefreier Weg von der als Dorfachse fungierenden Großen Amtsgasse zur Grundschule an der Kantstraße entstehen soll. Das oben gelegene Areal bietet sich an, die schönen Aussichtsmöglichkeiten zu nutzen. Die Kosten für dieses Vorhaben sollen sich auf rund 400 000 Euro belaufen.

Vereine ins Rathaus

Das ansehnlich sanierte, nach der Eingemeindung von der Verwaltung nicht mehr benötigte Rathaus am Molterplatz habe weitere Aufmerksamkeit und Nutzung verdient, stellte Bürgermeister Bohl an der nächsten Station des Rundgangs fest. Zugleich betonte er, der Salzunger Stadtrat habe das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) für Tiefenort einstimmig verabschiedet. Hier kam die Stadtplanerin Ines Klinke aus Erfurt zu Wort, die maßgeblich an der Erstellung des ISEK mitgewirkt hatte, das sich auf die Aussagen einer gut angenommenen Bürgerbefragung stützte. Sie verwies darauf, dass sich die Maßnahmen zur Entwicklung Tiefenorts nach 1990 zunächst vorrangig an aktuellen Erfordernissen orientiert hätten.

Das Konzept, auf dessen Basis über einen Zeitraum von zehn Jahren Fördermittel eingeworben werden können, konzentriere sich auf ein Vorranggebiet von circa 35 Hektar im Ortskern und füge die Geschichte und die Substanz einschließlich des Ehrenhains und der Wege zusammen, so Klinke. So hat der Betrachter vom Rathaus aus einen Blick auf den historischen und aktuellen Schulstandort. Die so genannte Weiße Schule könne allerdings nicht erhalten werden, fügte der Bürgermeister an. Das ehemalige Verwaltungszentrum der Gemeinde solle dagegen ein Domizil für die Vereinsarbeit werden; insbesondere der Ratssaal im Dachgeschoss eigne sich für Zusammenkünfte und Veranstaltungen.

Radwegekirche

Als erfolgsträchtig habe es sich erwiesen, die Peterskirche als erste Thüringer Radwegekirche auszuweisen, stellte Pfarrer Volkmann fest. Insbesondere viele Nutzer des – zurzeit leider gesperrten – Werratalradweges nehmen das Angebot an, die zwischen Ostern und Erntedank täglich geöffnete Kirche zu Besichtigung oder Gebet aufzusuchen.

Es gibt freilich auch Sorgen mit dem Bauwerk. So sind einige der in den 1960er Jahren aufgebrachten Schieferplatten auf den flachen Abschnitten des Turmdaches beschädigt. An der bereits stabilisierte Westfassade der Kirche habe sich zudem das Mauerwerk um einige Millimeter nach außen bewegt.

Die Aufgaben aus dem ISEK fügen sich in die langjährige Zusammenarbeit ein, die Bad Salzungen mit Gitta Steinke von der DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksgesellschaft mbH aufgebaut hat. Am Treffpunkt vor dem Kulturhaus „Stern“ am Markt informierte sie über die Absicht, die letztmalige Thüringer Förderperiode mit EU-Mitteln zu nutzen, wofür die Antragsfrist im Juni dieses Jahres endet. Der Förderzeitraum wird dann bis 2027/28 laufen. In diese Kategorie sollen das Kulturhaus „Stern“ und – unter Zustimmungsbekundungen der Anwesenden – die Sanierung des kompletten Kaffeetälchens fallen und nicht zuletzt die Krayenburg. Bei Letzterer geht es nicht nur um bauliche Maßnahmen an Burg und Straße, sondern auch um eine energetische Ertüchtigung und den Brandschutz.

Klaus Bohl stellte vorsichtshalber fest, bei all den vorgestellten Projekten könne es sich nicht um Versprechen handeln, schließlich liege die Entscheidung über die benötigten Mittel insbesondere beim Land Thüringen. Doch angesichts der bisherigen Vorbereitungen und des durchdachten und einhellig unterstützten Konzepts ließ er keinen Zweifel an seiner Zuversicht. In diesem Sinne konnte er zum abschließenden, geselligen Teil des Tages der Städtebauförderung überleiten: dem musikalischen Frühschoppen an „Krugs Haus“, das sich seinerseits ebenfalls zur Darstellung der geleisteten Arbeit und der weiteren Vorhaben anbot.

Da geht was ab

Auf dem Dreiseithof entboten die Oberkrayenberger Musikanten aus Kieselbach den Gästen einen klangvollen Empfang. Hier sorgten die Mitglieder des Heimat- und Kulturvereins für die Betreuung und das leibliche Wohl. Vorsitzender Steven Gebhardt, der in diesem Zusammenhang bereits mit dem Denkmalpreis geehrt wurde, lud zu einem Rundgang ein. Viel Arbeit wurde schon investiert; teilweise musste abgerissen, teilweise grundhaft entrümpelt werden. Die Mitbürger bringen sich unter anderem mit historischem Gerät ein, das dem entstehenden Heimat- und Aktivmuseum zur Verfügung gestellt wird. Im Erdgeschoss ist der Schankraum mit seinen baulichen Verzierungen und der Fotoschau zur Tiefenorter Kneipengeschichte ein für Versammlungen und die lebensprallen Schankwirtschaftsabende mit handgemachter Musik ein gefragter Ort. Das Obergeschoss hat schon große Fortschritte zu einem Brauchtumsmuseum gemacht.

Fazit: Der Tag der Städtbauförderung in Tiefenort verströmte einen reichhaltig illustrierten Optimismus, der sich aus einem Komplex aus kommunalpolitischem Willen, ideenreichen Planungen und mitwirkungswilligen Bürgern speist.

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