Es ist kein alter Plunder, der sich da im Magazin des Museums türmt. Die Sammlung bewahrt, was aus dem Gedächtnis der meisten Menschen verschwunden ist. Dieses Vergessen ist eine Art kultureller Demenz, für die Suhl besonders anfällig ist. Der Grund liegt in der Vergangenheit: Der Aufstieg zur Bezirksstadt brachte einen gewaltigen Zuzug von Menschen aus der gesamten DDR. 1960 zählte Suhl etwas mehr als 25 000 Einwohner (und damit noch deutlich weniger als das Industriezentrum Sonneberg). Innerhalb der kommenden Jahrzehnte explodierte diese Zahl förmlich: 1971 - 31 600 Einwohner, 1981 - 49 800 Bürger und Ende 1988 mit 56 345 Menschen den Allzeit-Höchststand.
Bei den wenigsten von ihnen ist die Familiengeschichte mit dem Ort verwurzelt. Es gab keine Großmutter, die über Alt-Suhl, über die Zeiten der Not und über die des Frohsinns in der Waffenstadt berichtet hat. Es gab keinen Dachboden mit dem Dragonersäbel des Ur-Ur-Großvaters, dem Blechspielzeug eines unbekannten Cousins dritten Grades und den Lebensmittelmarken der Tante. Mit diesem Blick zurück fehlt auch das Verständnis für die Herausforderungen, vor denen vergangene Generationen standen. Und damit fehlt auch der Vergleich mit der Gegenwart, die trotz aller Probleme niemand mit der Zeit der Igelit-Schuhe, des flackernden Gaslichts oder der Prügel-Lehrer eintauschen wollte.
Das Museum mit seinem prall gefüllten Magazin könnte die Rolle der Alt-Suhler Großmutter sehr gut übernehmen. Heimatgefühl und Stolz auf sie speisen sich zu einem wesentlichen Teil aus den Wurzeln der Vergangenheit. Geschichte wird nicht mit den Genen vererbt, man kann sie sich aneignen. Ein Heimatmuseum, von dem viele träumen, wird Suhl so schnell trotzdem nicht bekommen. Die Stadt kann es sich nicht leisten und einen Verein, der sich der Aufgabe annimmt, gibt es nicht. Da muss man nicht lamentieren, sondern schlicht auf b essere Zeiten setzen. Auch das zeigt ja die Geschichte: Die Zukunft wird in der Regel besser sein als die Gegenwart. Bis dahin muss Suhl sein - bisweilen in Schränken verborgenes - Gedächtnis aber pflegen und erweitern. Das Magazin des Museums braucht unbedingt ein passendes Gebäude. Ob im einstigen Kulturhaus oder im jetzigen - zu sanierenden - Standort ist zweitrangig.
Suhl/ Zella-Mehlis Kulturelle Demenz
Von Olaf Amm 15.06.2016 - 00:00 Uhr