Suhl/Zella-Mehlis Für zwei Wochen im Advent in der Zelt-Stadt am Meer

Kurz vor Weihnachten war das ASB-Fast-Teams auf Lesbos im Helfer-Einsatz. Nico Litschikowsky (Mitte hockend) war diesmal als einziger Thüringer dabei. Foto:  

Wenn ein Hilferuf des ASB bei Nico Litschikowsky eingeht, dann überlegt der Suhler nicht lange. Er reicht Urlaub bei seinem Arbeitgeber ein, packt seine Koffer und reist überall dort hin auf der Welt, wo es gerade brennt. Erst am Samstag ist er aus dem griechischen Flüchtlings-Camp Kara Tepe zurück gekehrt.

Suhl - Dort, wo sonst Urlauber am Strand auf der Insel Lesbos in der Sonne liegen, ist jetzt das Camp Kara Tepe entstanden. Nur wenige Kilometer von Moria, dem abgebrannten Lager entfernt. Während dort zuletzt 20 000 Menschen untergebracht waren, sind es in der neu entstandenen Zelt-Siedlung derzeit 7500 Männer, Frauen und Kinder. Sie alle brauchen ein Stück Normalität. Dazu gehört auch die medizinische Versorgung. Der Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland (ASB) hat mehrere Fast-Teams auf den Weg geschickt, um zu helfen. Mit dabei war der Suhler Nico Litschikowsky.

Er ist schon seit Jahren in der Auslandshilfe für ASB und THW im Einsatz. Als vor Kurzem bei ihm die Anfrage einging, ob er für 14 Tage ins griechische Flüchtlings-Camp Kara Tepe als Logistiker mitkommen könnte, gab es für ihn nichts zu überlegen. Der Notfallsanitäter reichte kurzerhand bei seinem Arbeitgeber Urlaub ein, packte seinen Koffer und machte sich auf den Weg.

Das, was ihn auf der Insel Lesbos erwartete, war eine gigantische Zelt-Stadt mit direktem Blick aufs Meer. Klingt erst mal nach Urlaub. Aber: „Beim nahen Blick ist von Romantik nichts zu spüren“, sagt Nico Litschikowsky. Auch wenn die Menschen dort mit allem Nötigen versorgt sind. Gegen Nässe sind die Zelte mit Planen gesichert. Geheizt wird nicht – bei Außentemperaturen von 13 bis 15 Grad. In den Unterkünften sind Teppiche ausgelegt. „Die Leute haben Bekleidung und es ist keiner unterernährt. Ihnen geht es nicht schlecht“, beschreibt der Suhler die Verhältnisse vor Ort. Aber: „Zwischen der Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Friedberg und der Zeltstadt liegen Welten“.

Dennoch ist das Camp mit einer funktionierenden Infrastruktur ausgestattet. Diese ist einfach gehalten und baut zunächst auf Hilfe aus dem Ausland auf. Dazu gehört auch der Klinikbetrieb, der in einer Halle eingerichtet wurde. Ärzte, Krankenschwestern, Medizinstudenten und Rettungssanitäter der insgesamt vier ASB-Teams waren hier eingeteilt. Behandelt wird, genau wie in Deutschland, jeder Patient. Von Rückenschmerzen, bis zu Hautabszessen, von Krebsleiden bis zu Geburten – der Querschnitt an Behandlungen ist ähnlich wie anderen Krankenhäusern dieser Welt.

Als Logistiker ist Nico Litschikowsky ein Stück weit auf der Insel herumgekommen. Er hat sich die verkohlten Rest des Lagers von Moria angeschaut. Er weiß, dass die Flüchtlinge ihr jetziges Camp täglich verlassen dürfen. Aber er hat auch den harten Lockdown in Griechenland erlebt. Geschlossene Geschäfte, leere Restaurants.

Ganz trostlos ist das Leben im Camp dennoch nicht. Die Kinder haben einen Bolzplatz, lassen in einem Graben Schiffchen schwimmen oder gehen angeln. Nico Litschikowsky hat gesehen, wie Weihnachtspäckchen im Lager an die Bewohner verteilt wurden. Von vorweihnachtlicher Stimmung sei dort jedoch nichts zu spüren. Einen Weihnachtsbaum sucht man vergeblich. „Die meisten Menschen im Camp haben muslimischen Glauben“, sagt der Suhler.

Rechtzeitig vor Weihnachten ist er nach Hause zurückgekehrt. Für seine Frau Babette sind die Hilfs-Einsätze nicht Außergewöhnliches mehr. Und sie weiß: Wenn die nächste Anfrage für einen Einsatz eingeht, dann wird ihr Mann erneut seine Koffer packen. „Ich mache es gerne“, sagt er. Selbst Weihnachten wäre für ihn kein Grund, einfach Nein zu sagen.

 

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