Suhl Stadt erinnert an Ludwig Mühlfelder

Andrea Walther
1996, nach 57 Jahren, kehrt Ludwig Mühlfelder (rechts) mit seiner Frau erstmals wieder zurück in seine Heimatstadt Suhl – auf Einladung des damaligen Suhler Oberbürgermeisters Dr. Martin Kummer. Foto: privat

Am 13. Juni jährt sich der Geburtstag von Ludwig Mühlfelder zum 100. Mal. In Suhl geboren, zählte Mühlfelder zu jenen jüdischen Mitbürgern, die während der NS-Herrschaft ihre Heimatstadt verlassen mussten.

 
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Ludwig Mühlfelder gelang es, 15-jährig gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester Nazideutschland in Richtung USA zu verlassen, nachdem sein Vater zuvor schon dorthin ausgereist war und die erforderlichen, vor allem finanziellen Grundlagen für den Nachzug der Familie geschaffen hatte. 57 Jahre später, vom 12. bis 15. August 1996 kehrte Ludwig Mühlfelder nach langem Zögern, erneut deutschen Boden zu betreten, zum ersten Mal wieder nach Suhl zurück.

Den Kontakt zwischen der Stadt Suhl und ihm hatte Prof. Erhard Roy Wiehn aus Konstanz hergestellt, der hunderte jüdische Schicksale in Europa erforscht und dazu publiziert hat und 1995 bereits das Buch „Juden in Suhl“ von Hans Nothnagel und Ewald Dähn herausgegeben hatte. Der damalige Suhler Oberbürgermeister Dr. Martin Kummer hatte Mühlfelder eingeladen, unter anderem mit den Sätzen: „Die Stadt ist eine andere geworden, so wie auch die Menschen andere geworden sind. Seien Sie willkommen in Ihrer Heimatstadt. Es wäre... ein Zeichen dafür, dass neues Aufeinanderzugehen auch nach den Gewalttaten der Vergangenheit heute noch möglich ist.“ Und Ludwig Mühlfelder kam.

Aussöhnung mit der Vergangenheit

Sein Besuch gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter beinhaltete unter anderem eine Ausstellung zu den Ergebnissen eines von der Stadt initiierten und im Stadtarchiv angesiedelten Schülerprojekts zur Erforschung des hiesigen jüdischen Lebens, Gespräche in Schulen und die Suhler Premierenlesung aus seinem 1995 ebenfalls von Roy Wiehn publizierten Buch „Weil ich übrig geblieben bin – Ein jüdisches Überlebensschicksal aus Suhl in Thüringen und Amerika“. Wer bei dieser Lesung im voll besetzten Buchhaus Suhl zugegen war, erlebte, wie er nach mehr als 50 Jahren diesen Besuch als eine Aussöhnung mit seiner Vergangenheit verstand – und zudem Satz um Satz wieder in seinen unvergessenen Suhler Dialekt verfiel. 1999 kam er ein zweites Mal nach Suhl, um auch den Söhnen Danny und Barry seine einstige Heimatstadt nahe zu bringen. Seine Witwe Beatrice schließlich weilte 2008 ein drittes Mal hier, gemeinsam mit allen Kindern und Enkeln. Auch dieser Besuch wurde von der Stadt Suhl begleitet und organisatorisch unterstützt.

Patente zeugen von Forschungsvermögen

Ludwig Mühlfelder, dessen Vorfahren aus Mühlfeld im Fränkischen und aus Marisfeld kamen, wurde später Elektroingenieur und leitete am Ende seiner Berufslaufbahn bei der Firma RCA den Bereich Stabilisierung von Satelliten im Raumfahrtprogramm der NASA. Zahlreiche US-Patente zeugen von seinem Forschungsvermögen. Zuvor war er 1943 freiwillig der US-Army beigetreten und kam 1945 mit den Befreiungstruppen bis nach Themar ganz in die Nähe seiner alten Heimat.

Ludwig Mühlfelder verstarb am 9. Januar 2004, knapp 80-jährig, in seiner zweiten Heimat Livingston/New Jersey. Mit seinen Besuchen in Suhl, mit seinem Buch, das bis heute eine wertvolle Quelle des Wissens zum alltäglichen NS-Terror gegen jüdische Mitbürger in Suhl darstellt, mit seiner zugewandten Dialogführung und seinem Engagement für Geschichtsvermittlung gerade an junge Menschen leistete Mühlfelder einen überragenden Beitrag zur Verständigung und Aussöhnung der Menschen über Kontinente und Zeitepochen hinweg. Die Stadt Suhl erinnert sich an ihren Sohn anlässlich seines 100. Geburtstages mit Dankbarkeit und in größter Hochachtung.

Andrea Walther ist Leiterin des Stadtarchivs Suhl, Holger Uske ist Herausgeber der „Kleinen Suhler Reihe“.

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