Suhl Im grünen Wald die blaue Stadt

Der Bundesvorstand der AfD tagte am Freitag zwar hinter verschlossenen Türen. Zuvor hatte man sie den Partei-Promis aber in Suhl bereitwillig geöffnet.

Suhl -Wenn eine Bundespartei mit ihrer Spitze ausnahmsweise mal in der Provinz tagt, dann legt man dort eigentlich den Schmuck an. Der Ortsverband stellt Fähnchen auf, lokale Parteiprominenz schaut vorbei, oft schickt gar der Bürgermeister ein Grußwort, und alle sonnen sich im Glanz der fernsehbekannten Gesichter. Doch bei der AfD ist alles anders. Ihre Bundesvorstandssitzung am Freitag im Simson-Saal des CCS war eine geschlossene Veranstaltung.

Und zwar nicht mal eine mit Ansage. Erst durch ein Interview mit Jörg Meuthen im ARD-Hauptstadtstudie war Donnerstagnachmittag durchgesickert, dass die in Berlin mit Spannung erwartete AfD-Krisensitzung zum Thema Kalbitz in Suhl stattfindet. Wenige Stunden später saß Meuthen bereits mit Vorstandskollegin Beatrix von Storch beim Griechen im Suhler Steinweg und genoss beim Abendessen die Gastfreundschaft in der Stadt. Die Polizisten, die schon zu diesem Zeitpunkt verstärkt in Suhl präsent waren, waren nicht die einzigen, die schon zuvor von der ungewöhnlichen AfD-Tagung wussten und das für sich behielten.

Gebucht hatte die Partei den Vorstandstreff samt anschließender zweitägiger Klausurtagung vorab beim City-Hotel, dem Hochhaus am CCS, das zur Thurmann-Gruppe um den "Goldenen Hirsch" gehört. Geschäftsführer Andreas Sommer-Kessel hatte nach eigenem Bekunden kein Problem mit der Anfrage, es handele sich um ganz normale Gäste. Die Bundespartei mache das immer so, sagte ein Sprecher der Thüringer AfD. Die Bundespartei wähle eben verkehrsgünstige Tagungsorte aus und solche, bei denen man auf wenig Ablehnung treffe, verlautete aus der ebenso überraschten AfD-Landeszentrale. Aus anderer Quelle hieß es , dass sich die hoteleigenen Sitzungszimmer als für die Corona-Regeln zu klein herausstellten und das City-Hotel deshalb selber Räume im CCS buchte.

Der Suhler Linken-Landtagsabgeordnete Philipp Weltzien gehört zu denen, die das kritisieren. "Ich bin sehr irritiert, was das Hotel treibt", sagt er auf der kleinen Protestdemo, die er kurzfristig organisiert. Im Aufruf attestiert er der AfD ein "unerträgliches Maß an Provokation" und wirft dem Hotel ein "willfähriges" Eingehen auf die Partei vor. Rund 30 Männer und Frauen halten Stellung, auch wenn der erhoffte Pulk an AfD‘ler vor Beginn der Landesverbände-Klausur um 17 Uhr ausbleibt. Da müsste auch der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke dazu stoßen, aber niemand erblickt ihn. Nur die Bundestags-Vizefraktionschefin, Beatrix von Storch läuft vorbei. "Nazis raus", rufen die Demonstranten. Das Bündnis für Demokratie und Toleranz mit seinem "Suhl bekennt Farbe"-Banner ist da, andere haben selbst gefertigte Plakate dabei. Wie Jugendpfarrerin Anna Böck: "Lieber Blau auf dem Kopf, als Blau im Kopf".

Blau, die AfD-Parteifarbe, sieht man indes nirgends. Gauland, Weidel, Chrupalla, Storch: All die Promis sind da, bleiben aber im fensterlosen Innern des CCS. Einige rauschen irgendwann im Auto aus der Tiefgarage, andere bleiben bei der Länder-Tagung, die bis Samstag dauern soll. Ob man die AfD’ler vielleicht im Restaurant trifft? Polizisten weisen jeden Neugierigen am Hotel ab. Auch an der Suhler AfD geht das Promi-Event vorbei, Stadtrats-Fraktionschef Bernhard Meinunger spricht am Telefon von einer "internen Geschichte".

Philipp Weltzien schüttelt den Kopf. Er sei "erschüttert über die Art und Weise, wie mit dem CCS umgegangen wurde, das erst sehr kurzfristig erfuhr, wer tatsächlich in seinen Räumlichkeiten Tagungen abhalten wird", sagt er. Wie genau die Stadtverwaltung mit dem plötzlichen Einschweben der AfD umging, wer was wann wusste, blieb jedoch offen.

Die Rathausspitze steckte am Freitag den Kopf in den Sand. Oberbürgermeister André Knapp (CDU) hielt nicht nur kein Grußwort, sondern verzichtete auf jede Form von Kommentar oder öffentlicher Schadensbegrenzung.

 

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