Suhl/Erfurt Eine schöne Schweizerin ist eine zu viel

Sie tanzten nur ein Jahr im Fußball-Oberhaus der DDR: die BSG Motor Suhl. Im Juni 1985 stieg der Club wieder ab und kam nie wieder zurück. Hier erzählen die, die damals mit dabei waren, wie es war, ganz oben zu sein.

Immer unterwegs. Immer auf der Suche nach Erfolg. So könnte man den Weg des Fußballers Wolfgang Reuter beschreiben. Zwei Jahre in Tiefenort, zwei in Eisenach, dann wieder Tiefenort; später, während der Armeezeit, Dessau und das erste Mal Suhl, aber nur für kurze Zeit. Wieder Eisenach, drei Jahre lang. Dann Suhl, das erste Mal DDR-Oberliga. Endlich. Darauf hat er lange gewartet. Wolfgang Reuter ist da bereits 32. Aber immer noch topfit. "Es gab in der ganzen Mannschaft vielleicht vier, die schneller waren als ich", erzählt er. Reuter, Jahrgang 1952, spielt Libero, letzter Mann, die letzte Verteidigungslinie vor dem Torwart. Er ist einer, der was zu sagen hat auf dem Platz.

Im Juli 1983 kommt Reuter das zweite Mal in die Waffenstadt. Hinter ihm liegt eine lange Reise. Reuter kommt in der Lüneburger Heide zur Welt, in einem Ort namens Walsrode. Die Eltern ziehen Anfang der 1960er Jahre in die DDR, nach Frankfurt (Oder). Wolfgang Reuter besucht die Sportschule, spielt im Nachwuchs des FC Vorwärts Frankfurt. Als er 16 Jahre alt ist, zieht die Familie abermals um. Diesmal nach Bad Salzungen, wo Reuter für die BSG Stahl aufläuft; ein paar Jahre später für Kali Werra Tiefenort.

Aber auch hier wird Reuter nicht richtig heimisch. Er wechselt nach Eisenach. Ein Jahr spielt die Wartburgstadt in der zweitklassigen DDR-Liga, steigt sofort wieder ab. Reuter geht zurück nach Tiefenort. Man könnte ihn einen Wandervogel nennen, doch wenn man keine Verbundenheit zu einem Verein habe, erklärt er, "dann gehst du halt, wenn du noch eine Klasse höher spielen willst".

Als er Ende der 70er Jahre in Suhl anheuert, kann er endlich gegen die Großen des DDR-Fußballs zeigen, was er kann. Im FDGB-Pokal 1978/1979 gelingt Motor Suhl der Sprung unter die letzten Acht. Der Gegner: der 1. FC Magdeburg. Das Hinspiel wird mit 1:3 verloren. Zum Rückspiel kommen 10.000 Menschen in den Sportpark der Freundschaft. Trotz Heimvorteil ist das Ergebnis diesmal deutlich: 2:5 verliert Suhl. Ausgerechnet der für den Rennsteig typische Schnee wird den Spielern zum Verhängnis. Denn im Gegensatz zum großen Club aus Sachsen-Anhalt ist Suhl schlecht ausgerüstet. Es mangelt an Schuhen mit Lederstollen. "Das war schon eine Benachteiligung. Magdeburgs Standfestigkeit war brutal, wir sind nur umhergeeiert", erinnert sich Reuter.

Zum Saisonende 1980 packt der Verteidiger wieder seine Koffer. Wenige Jahre später nimmt er erneut Anlauf für den ganz großen Sprung. Reuter löst Suhls Kapitän Paul Kersten, der seine aktive Laufbahn beendet hatte, als letzter Mann ab. Der Aufstieg, mit dem niemand gerechnet hat, glückt. Fortan wird Fußball in Suhl anders definiert. Die Spieler bekommen Fußballschuhe aus dem Westen, innerhalb von wenigen Wochen wird das Stadion Oberliga-tauglich gemacht. Und der Sommer 1984 wird heißer als man es bislang in Suhl gewöhnt war.

Einige Wochen vor dem Hinrundenstart am 18. August bricht die Mannschaft von Trainer Ernst Kurth nach Ungarn auf. Zwei Wochen Trainingslager in Budapest. Die Unterkunft ist erstklassig, "richtig schick", erinnert sich Reuter. Eine Hotelanlage für Pferdefreunde; mit großen Koppeln und auch sonst reichlich Annehmlichkeiten, auch Gästen aus dem nicht-sozialistischen Ausland. Vor dem Start der Reise müssen alle Spieler schriftlich versichern, dass es zu keinerlei Kontakten mit Personen aus dem nicht-sozialistischen Ausland kommen werde.

Auch Wolfgang Reuter unterschreibt die Anordnung. Die Reise beginnt. An einem Tag - die Mannschaft genießt gerade ein paar freie Stunden - erscheint eine hübsche Schweizerin auf der Bildfläche. Während der Rest der Mannschaft, die Trainer und die Offiziellen die Zeit nutzen, um sich die Stadt anzusehen, ist Wolfgang Reuter im Hotel geblieben. Er sitzt auf der Terrasse. Der groß gewachsene Fußballer bleibt nicht lang allein. Er kommt mit der schönen Schweizerin ins Gespräch. "Sie sah gut aus; eine attraktive Frau, kurze braune Haare." Reuter und die Schweizerin trinken einen Kaffee, flirten miteinander.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Plötzlich kehrt der Suhler Tross aus der Stadt zurück. Reuter wird schlagartig bewusst, dass das kleine Tete-à-tete vermutlich keine gute Idee gewesen ist. Er bleibt dennoch bei der Frau aus dem Ausland sitzen. "Ich habe die Mannschaft ja kommen sehen. Ich hätte weggehen können, aber das wäre ja noch unangenehmer gewesen." Auf der Terrasse angekommen wünscht man Reuter und der Schweizerin einen Guten Tag und lässt die beiden wieder allein.

Wolfgang Reuter ist noch eine halbe Stunde mit der neuen Bekanntschaft vergönnt. Dann gibt es Ärger. "Ich musste rein. Man hat mir ganz klar gesagt, dass das ein Verstoß ist." Eigentlich hätte Reuter nun seine Koffer packen müssen. Doch auch die Club-Bosse wissen, dass sie nicht auf ihren letzten Mann verzichten können. Reuter darf bleiben.

Sportlich ist der Ausflug ein Erfolg: Motor Suhl bestreitet in Ungarn mehrere Testspiele, unter anderem gegen Erstligist Honvéd Budapest. Nationalspieler Lajos Détári, der 1987 zu Eintracht Frankfurt wechseln sollte, ist einer der Gegenspieler. Die Südthüringer verkaufen sich gut, trotz brütender Hitze. 45 Grad sind es im gänzlich leeren Stadion, das sich wie ein Kessel aufheizt. Suhl unterliegt nur 0:1. Auch die weiteren Testspiele verlaufen durchaus positiv. Wolfgang Reuter glaubt, dass man die Ergebnisse vielleicht ein bisschen überschätzt habe. Zum Saisonauftakt wird der Aufsteiger auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Als Tabellenletzter steigt man schließlich sofort wieder ab.

Wolfgang Reuter ist da schon nicht mehr Teil des Kaders. Nach 18 Oberliga-Einsätzen sagt er wieder servus. "Es war die beste Lösung. Ich hatte Riesenprobleme mit dem Trainer Ernst Kurth. Die älteren Spieler, die eine eigene Meinung hatten, mochte der Trainer nicht so. Da gab es immer Differenzen." Dazu kamen wohl auch private Turbulenzen, nachdem Reuters Bruder einen Ausreiseantrag gestellt hatte.

Wolfgang Reuter wird in Suhl nicht heimisch. "Meine damalige Frau hat damals noch in Leipzig studiert. Wenn du alleine dort wohnst, ist Suhl furchtbar. Die Stadt war einfach zu klein. Am nächsten Tag wussten alle sofort, wer wo war und was gemacht hatte." Über Nordhausen und Stendal führt ihn sein Weg wieder nach Eisenach, wo er bis heute lebt. Im Rückblick würde er manches anders machen. Aber Reuter sagt auch: "Wenn man bei vielen Vereinen war, ist man zwar nirgendwo zu Hause, aber man hat viel gesehen." Die Schweizerin, die er im ungarischen Trainingslager kennengelernt hat, sah er übrigens nie wieder. kt

Lesen Sie nächste Woche, wegen welch haariger Angelegenheit Motor-Mittelstürmer Uwe Büchel den Club kurz nach Saisonstart verlassen musste.

 

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