Suhl/Berlin Wie der Deutschlandtakt den Thüringer Zügen Dampf macht

Wie der Deutschlandtakt den Thüringer Zügen Dampf macht Quelle: Unbekannt

Der Deutschlandtakt verändert bis 2030 den Südthüringer Bahnverkehr. Der Fahrplan wird übersichtlicher, Züge fahren häufiger, manchmal langsamer, es gibt Top-Verbindungen nach Bayern und in die Wartburgregion.

Suhl/Berlin - Für die Bundesregierung ist es "das größte Eisenbahn-Projekt seit der Bahnreform von 1994": Der Deutschlandtakt soll das Bahnfahren bis 2030 Stück für Stück attraktiver machen und einen Schub neuer Linien und Angebote bringen. Dreh- und Angelpunkt ist ein bundesweiter Netzfahrplan mit häufigeren ICEs und Regionalzügen und schnellerer Anbindung der Provinz an den Fernverkehr. Seit zwei Jahren feilen die Experten im Auftrag des Bundes an diesem Taktverkehrs-System und den entsprechenden Ausbauplänen, seit Anfang Juli ist nun ein dritter Entwurf in Umlauf, einschließlich der Planungen für den Süden Thüringens.

Bahn-Vision für 2030

Ein idealer Fahrplan für den Bahnverkehr, nach dessen Anforderungen Gleise gebaut und Züge beschafft werden sollen: Das ist der "Deutschlandtakt", den das Bundesverkehrsministerium seit zwei Jahren zur Leitlinie aller Bahn-Planungen gemacht hat. Dabei wird die traditionelle Logik (Fahrplan folgt der Infrastruktur) umgekehrt: Basis ist das Ziel, die Zahl der Fahrgäste bis 2030 zu verdoppeln. Erreicht werden soll das unter anderem durch einen 30-Minuten-Takt für ICEs zwischen den größten Städten, Expresslinien in der Fläche und schnellerem Regionalverkehr im Ein- bis Zwei-Stunden-Takt mit abgestimmten Anschlüssen.

Gutachter haben nun den dritten Entwurf eines deutschlandweiten Taktfahrplans für Fern- und Regionalverkehr vorgestellt, so wie er ab 2030 Wirklichkeit werden könnte.

Ob das so kommt, liegt an den Entscheidungen von Bund (fürs Schienennetz und den Fernverkehr) und Ländern (für den Nahverkehr). Denn die "Angebotsvision", wie das Ministerium den Zielfahrplan nennt, erfordert zahlreiche Investitionen in Streckenausbau, Fahrzeuge und in den Betrieb. Einige Projekte stehen bereits im Bundesverkehrswegeplan, über andere (wie verbesserte Regionalbahnlinien) muss von den Ländern noch entschieden werden. er

Zunächst: Am vorhandenen Gleisnetz ändert sich hier fast nichts. Eingleisig und nicht elektrifiziert: So werden die Südthüringer Strecken auch im Jahr 2030 aussehen, mit Ausnahme der Relation Sonneberg- Coburg, wo bereits seit dem Nach-Wende-Lückenschluss eine Oberleitung existiert. Einzig der von vielen ersehnte, aber umstrittene Wiederaufbau des Werrabahn-Stücks zwischen Eisfeld und Coburg ist in den Planungen berücksichtigt - "vorbehaltlich der Erfüllung der in Bayern üblichen Reaktivierungskriterien", so der Wortlaut im Zielfahrplan. Will heißen: Nur wenn Bayern die Strecke will und bezahlt, wird es sie geben. Danach sieht es aber eher nicht aus.

Und so konzentriert sich der Südthüringer Zielfahrplan auf die Optimierung der vorhandenen Netze. Da allerdings wird an manchen Stellen tüchtig eingegriffen. Die wichtigsten Veränderungen auf den einzelnen Strecken und Verbindungen:

Erfurt - Suhl/Meiningen - Schweinfurt - Würzburg

Bisher: Ein DB-Regionalexpress Erfurt-Suhl-Würzburg mit Neigetechnik sowie eine STB-Regionalbahn Erfurt-Suhl-Meiningen, beide alle zwei Stunden, aber so ungünstig vertaktet, dass kein Stundentakt herauskommt. Anschlüsse zur Werrabahn in Grimmenthal und nach Schmalkalden in Zella-Mehlis. Dazu eine EB-Regionalbahn Meiningen-Schweinfurt im Zwei-Stunden-Takt.

Künftig: Der Regionalexpress fährt auf gewohnter Strecke, aber ohne Neigetechnik. Die Regionalbahn verkehrt neu Erfurt-Suhl-Schweinfurt, mit Zugteil nach Meiningen, mit Anschluss nach Würzburg und Endpunkt am City-Bahnhof Schweinfurt Stadt. Der Fahrplan wird so verschoben, dass ein ungefährer Stundentakt zwischen Erfurt und Schweinfurt entsteht, und in Grimmenthal hat die Werrabahn Anschluss. Die Regionallinie Meiningen-Schweinfurt wird bis Würzburg verlängert.

Damit verbessert sich das Südthüringer Angebot Richtung Schweinfurt und zum ICE-Bahnhof Würzburg enorm. Der Fahrplan Erfurt- Suhl/Meiningen wird übersichtlicher und so das Umsteigen leichter. So ist zum Beispiel Bamberg künftig stündlich erreichbar. In Erfurt bestehen Übergänge zu den ICE-Linien nach Halle, Leipzig und Berlin, die künftig im Halbstundentakt verkehren. Besser wird auch der Anschluss in Würzburg nach München oder Frankfurt; die Reisezeit von Suhl zum Rhein-Main-Flughafen verkürzt sich auf unter drei Stunden.

Erkauft werden diese Vorteile mit zwei gravierenden Nachteilen.

Weil mehr Züge aufeinander warten müssen, verlängern sich die Fahrzeiten, vor allem im Süden. Suhl- Würzburg dauert künftig 1:45 Stunden, knapp eine Viertelstunde länger als bisher (und nebenbei genau so lange wie die neue Direktverbindung Meiningen-Würzburg).

Einige gute Anschlussmöglichkeiten gehen verloren. So derjenige in Neudietendorf zum Regionalexpress zum ICE-Bahnhof Göttingen, der bisher konkurrenzlos schnelle Fahrten zwischen Südthüringen und Hannover/Hamburg ermöglicht. Und auf den stündlichen ICE nach Dresden wartet man in Erfurt künftig eine Dreiviertelstunde .

Eisenach - Bad Salzungen - Meiningen - Eisfeld - Sonneberg

Bisher: Stundentakt der Süd-Thüringen-Bahn auf der Werrabahn, alle zwei Stunden weiter bis Sonneberg.

Künftig: Zwischen Eisenach und Bad Salzungen wird ganztägig auf einen 30-Minuten-Takt verdichtet. Die Strecke in der Wartburgregion würde damit neben Sonneberg-Coburg zur bestvertakteten in ganz Südthüringen. In Eisenach Super-Anschlüsse an ICEs nach Frankfurt, Halle/Leipzig und Berlin sowie an eine neue stündliche IC-Linie nach Aachen über Dortmund und Köln. Diese hat in Kassel-Wilhelmshöhe Anschluss Richtung Hamburg. Das ergibt in der Summe nicht nur ideale Anbindungen nach Eisenach und Kassel, sondern auch eine neue stündliche Reisemöglichkeit vom Werratal nach NRW und Norddeutschland via Eisenach. Wermutstropfen: Der Regionalbahn-Anschluss in Eisenach nach Bebra und Erfurt/Halle wird knapp verpasst, man wartet also eine halbe Stunde beim Umsteigen.

Zwischen Bad Salzungen und Eisfeld (stündlich) sowie zwischen Eisfeld und Sonneberg (zweistündlich) bleibt es, wie es ist. Auch einen Expressverkehr wird im Werratal nicht geben, es hält nach wie vor jeder Zug überall. Die guten Anschlüsse bezahlt man mit langen Standzeiten (bis 7 Minuten) in Grimmenthal.

Eisenach - Eisfeld / Erfurt - Coburg

Der Lückenschluss Eisfeld-Coburg ist so eingeplant, dass jeder zweite Zug auf der Werrabahn zweiteilig fährt und in Eisfeld ein Teil nach Coburg abbiegt. Als Fahrzeit sind ziemlich lange 26 Minuten kalkuliert, in dieser Zeit schafft es auch der jetzige Schnellbus. Die daraus folgenden Reisezeiten (Meiningen-Coburg 1:24, Suhl-Coburg 1:34 Stunden) sind kaum konkurrenzfähig zum Auto. In Coburg würde der geplante RE Erfurt-Nürnberg erreicht, nicht aber der ICE nach München.

Auch die neue zweistündliche RE-Linie Erfurt-Coburg-Nürnberg über die ICE-Neubaustrecke steht im Deutschlandtakt, ohne Stopp in Ilmenau-Wümbach. Sie fährt versetzt zum ebenfalls zweistündlich geplanten ICE Erfurt-Coburg-München, beide Linien haben Anschluss von und nach Sonneberg. Fahrzeit Erfurt-Coburg: 37 Minuten.

Ilmenau-Arnstadt-Erfurt

Bisher: Stündliche, Regionalbahn, dazu einige schnellere Expresszüge, die den Weg in 45 Minuten schaffen.

Künftig: Die Expresszüge sollen im Zwei-Stunden-Takt fahren, der Rest bleibt unverändert. Den ganztägigen sogenannten "Wissens-Express" hatte das Land schon einmal angekündigt, dann aber aus Geldmangel wieder verworfen.

Zella-Mehlis-Schmalkalden- Wernshausen

Bisher: Stündliche STB-Regionalbahnen, am Wochenende alle zwei Stunden. Einige wenige Züge starten und enden in Suhl oder Meiningen.

Künftig: Keine Veränderungen, auch keine Beseitigung der Langsamfahrstellen, die die Züge weiter ausbremsen. Wegen der neuen Fahrpläne Erfurt-Meiningen verschlechtern sich die Anschlüsse nach Suhl/Würzburg, diejenigen nach Erfurt (in Zella-Mehlis), Meiningen und Bad Salzungen (in Wernshausen) bleiben gut.

Sonneberg- Neuhaus/Rwg.

Hier sind keine Änderungen zum bisherigen Stundentakt geplant: Alle zwei Stunden durchgängig von Eisenach über Eisfeld und Sonneberg nach Neuhaus, dazu stündliche Züge Sonneberg-Neuhaus, jeweils mit gutem Anschluss nach Coburg.

Sonneberg- Coburg - Nürnberg

Bisher: Stündlicher Regionalexpress, mal über Lichtenfels, mal direkt über die ICE-Neubaustrecke (105 Minuten bis Nürnberg).

Künftig: Der Nürnberg-Express ab Sonneberg wird noch ein paar Minuten schneller. Zusätzlich pendeln Regionalbahnen zwischen Sonneberg, Coburg und Lichtenfels (mit Anschluss nach Bamberg) und ein Sonneberger Zugteil des Erfurt-Express- was insgesamt einen 30-Minuten-Takt zwischen Sonneberg und Coburg ergibt.

Sonstiger Regionalverkehr

Die Strecke zwischen Erfurt und Nordhausen wird bis 2025 für Tempo 140 ausgebaut, damit verkürzt sich die Fahrzeit auf unter eine Stunde.

Die Verbindung Erfurt-Heiligenstadt-Göttingen, auch wichtig für den Anschluss an die ICE-Achse Richtung Hamburg, wird auf einen Stundentakt verdichtet. Südthüringer profitieren davon wegen des Anschlussverlusts in Neudietendorf kaum. Für Werrataler und Westthüringer führt der schnellste Weg nach Nordwesten künftig über Kassel, das durch die neue stündliche IC-Linie ab Eisenach erreicht wird.

Fernverkehr: Erfurt

Im Fernverkehr ist das absolute Deutschlandtakt-Highlight für Thüringen der Ausbau Erfurts zu einem sogenannten Nullknoten: Alle 30 Minuten kommt jeweils ein ICE aus allen vier Himmelsrichtungen an und fährt wenige Minuten später weiter, immer zur vollen und halben Stunde. Daran angepasst sind alle zu- und ablaufenden Regionallinien.

Größter Vorteil: Man wartet bei der Abfahrt nie länger als 30 Minuten auf den nächsten ICE, und zwar auch dann, wenn der Anschlusszug Verspätung hat. Das nervöse Schauen auf die Uhr, das viele Umsteiger zur Genüge kennen, entfällt.

Neben den Erfurter ICE-Linien nach Berlin/Hamburg, Leipzig/Dresden, Frankfurt und München soll es eine weitere Direktverbindung über Mannheim nach Freiburg geben.

Fernverkehr: Eisenach / Fulda

Die geplante stündliche Verbindung Berlin-Dresden-Prag soll optional einige Male einen Abzweig zur Linie Dresden-Eisenach-Frankfurt bekommen. Damit gäbe es erstmals eine umsteigefreie Verbindung von Eisenach über Erfurt in die tschechische Hauptstadt.

Eingeplant ist auch das Neubauprojekt zwischen Eisenach und Fulda mit einer angezielten Fahrzeit Eisenach-Frankfurt von nur 80 Minuten. Das umfangreiche Vorhaben einer neuen Trasse durch Osthessen befindet sich aber noch in der Planungsphase, Fertigstellung offen.

Fernverkehr: Coburg / Würzburg

Die ICE Berlin-München via Coburg fahren zwischen Coburg und Nürnberg nonstop, also ohne Halt in Bamberg oder Erlangen. Es ist ein mit der neuen RE-Linie versetzter Zwei-Stunden-Takt geplant.

Der ICE-Knoten Würzburg wird für Südthüringer noch interessanter. Die bisher recht langsame Strecke Würzburg-Nürnberg soll auf Tempo 300 und 30 Minuten Fahrzeit ausgebaut werden. Auch Würzburg-Frankfurt soll um eine Viertelstunde auf 51 Minuten beschleunigt werden

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