Suhl "AfD-Leute bekommen bei mir kein Bier"

Die Wirtin der Suhler Kinobar hat dem AfD-Parteichef Jörg Meuthen Lokalverbot erteilt - und erntet dafür Kritik und noch mehr Zustimmung.

Suhl - Die vier durstigen Männer kommen durch den Nebeneingang. Kein Abstand, kein Mundschutz, kein Eintrag in die Corona-Liste: Die zwei Frauen hinter der Bar werden schon misstrauisch. Als dann einer ruft "Wir wollen gerne ein Bier", stößt die Kollegin die Wirtin an. "Steffi, weißt du, wer das ist?" Stefanie Struzina weiß es schon: Jörg Meuthen, einer der beiden Parteichefs der AfD, will gerade den Donnerstagabend in der Suhler Kinobar "Rick’s" beschließen. "AfD-Leute bekommen bei mir kein Bier", sagt die Wirtin nur - und komplimentiert Meuthen und seine drei Begleiter aus der Gaststätte. Es war der Vorabend der Bundesvorstandssitzung, zu der die AfD-Spitze nach Suhl gekommen war, ins City-Hotel gleich gegenüber.

"Jörg Meuthen Hausverbot erteilt! Check!" steht seitdem auf der Facebook-Seite des "Rick‘s". Und darunter fast 1600 Kommentare aus ganz Deutschland , in denen Nutzer leidenschaftlich debattieren, ob ein Gastwirt gut daran tut, Rechtspopulisten nicht zu bedienen. Auch in den Suhler Facebook-Gruppen wurde heftig diskutiert. Darf man das? Sollte man das vielleicht sogar, im Interesse der anderen Gäste?

"Ich will solche Leute hier nicht haben", sagt Stefanie Struzina zwei Tage und viele kritische Gespräche später und erklärt selbstbewusst: "Es war alles richtig. Gut, dass ich das getan habe."

Die 38-jährige gebürtige Leipzigerin hatte in der Kinobar im Januar die Nachfolge von Wirt Florian Wank angetreten und auch einige von dessen Mitarbeitern übernommen. Die wiederum hatten zuvor in der Pizzeria eines Angehörigen der rechtsextremen Szene gearbeitet. "Die Kinobar hatte deshalb leider den Ruf, ein rechtsradikales Lokal zu sein", sagt Stefanie Struzina unserer Zeitung. Immerhin habe sie zwei Küchenmitarbeiter behalten, die sie, wie sie es formuliert, "für weltoffene Menschen" gehalten habe. Gleich nach dem Meuthen-Rauswurf haben die beiden dann aber empört gekündigt. "Gut so", sagt die Chefin am Sonntag, "genau dieses Klientel möchte ich nicht mehr haben."

"Der Großteil meiner Gäste findet das Lokalverbot für die AfD richtig", sagt die Wirtin. Auch die Suhler, die das "Rick’s" - vielleicht auch aus den oben genannten Gründen - bisher gemieden haben, hätten sich lobend geäußert. "Mein Publikum wandelt sich", so Struzinas Resümee. Sie werde nun sicher ein paar Gäste verlieren, aber das sei gar nicht schlimm: "Viele neue werden hinzukommen."

Mit Wohlwollen habe sie auch die Demonstration am Samstagnachmittag gleich vor der Haustür des "Rick‘s" gesehen. Nach dem Spontanprotest von Freitag hatten sich erneut einige Dutzend Menschen aus dem rot-rot-grünen Spektrum zusammengefunden, um gegen die ihrer Ansicht nach "staatszersetzende" und rechtsradikale Partei Flagge zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt war die AfD-Bundesprominenz um Gauland, Weidel, von Storch, Meuthen und Kalbitz bereits abgereist; im CCS tagten aber noch die Landesvorsitzenden der Partei in Klausur.

Gebucht hatte die zweitägigen Konferenzen die Bundes-AfD beim City-Hotel, das zur Gruppe der Thurmann-Gaststätten in Suhl gehört. Das im selben Gebäudekomplex gelegene CCS hatte, so hieß es, erst kurzfristig erfahren, um welche Art Tagungsgäste im "Saal Simson" es sich handelt. Umso irritierter zeigten sich Journalisten von Zeitungen und Fernsehsendern am Freitag, als sie daran gehindert wurden, die Politiker auf den Fluren und im Foyer des städtischen CCS zu fotografieren oder zu filmen. Sowohl AfD-Leute als auch CCS-Mitarbeiter und sogar die Polizei hätten erklärt, dass das nicht gehe, "weil die AfD das so vorschreibe", berichteten Fotografen.

Bundesweit hat die AfD oftmals Probleme, Sitzungssäle und Unterkünfte zu finden, weil zahlreiche Hoteliers und Veranstalter, aber auch Stadtverwaltungen es ablehnen, AfD-Vertreter zu beherbergen oder als Kunden zu akzeptieren. Abgesandte der AfD-Bundeszentrale waren deshalb bereits vor einigen Wochen vor Ort im Suhl, um vermietungswillige Häuser aufzuspüren. Dabei hätten sie eine Reihe von Absagen kassiert, hieß es aus Suhler Gastronomiekreisen, bevor sie mit dem Hochhaus-Hotel am CCS schließlich einen Partner fanden.

Welche Rolle die Suhler Rathaus-Spitze bei alldem spielte und ob sie überhaupt über die Vorgänge im CCS informiert war, blieb auch am Sonntag unklar. In der Verwaltung herrschte Funkstille.

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