Suhl 2020: Ein Feuerwerk der Resignation

Anica Trommer

Prächtige Fontänen, Raketen, die im Goldflimmer vergehen und Batterien, die für einen Kracher nach dem anderen sorgen: Das Lager bei Pyrotec ist voll. Doch Manfred Weniger und sein Team dürfen nichts davon verkaufen.

Leuchtende Kinderaugen und die Freude an den sprühenden Funken sind es, die Manfred Weniger und seine Frau Kathrin (von links) von der Suhler Pyrotec GmbH antreiben, auch in der Krise durchzuhalten. Foto: frankphoto.de

Suhl - Das Telefon in der Pyrotec Performer GmbH steht nicht still. Immer wieder rufen Kunden an, um nachzufragen, ob sie bei Manfred Weniger und seinem Team vielleicht doch noch ein paar Raketen für das Silvesterfeuerwehr ergattern können. Doch der Geschäftsführer muss hart bleiben, auch, wenn sein Herz dabei blutet. Denn am 13. Dezember hat das Bundesinnenministerium den Beschluss erlassen, dass in diesem Jahr kein Böller über den Ladentisch gehen wird. Nicht einmal die über den Internetshop bestellte Ware darf ausgeliefert werden. Für das Team von Pyrotec geht damit ein miserables Jahr beschissen zu Ende, sagt Manfred Weniger. Seine letzte Hoffnung, in den drei Tagen vor Silvester ein wenig Umsatz zu generieren, ist verpufft.

Nach der Werbung weiterlesen

Keinen Unsinn mit Böllern

Er könne den Gedanken hinter dem Beschluss durchaus nachvollziehen, betont er. Krankenhäuser sollen damit in der Silvesternacht entlastet werden und sich neben den Corona-Patienten nicht auch noch um die verletzten Feuerwerkfans kümmern müssen. „Aber das ist nicht bis zu Ende gedacht“, sagt Manfred Weniger. Diejenigen, die mit Böllern und Co. Unsinn treiben wollten, kauften sowieso nicht bei ihm ein, sondern besorgten sich das benötigte Material an anderer Stelle.

„Meine Kunden sind überwiegend Familien“, sagt der Firmeninhaber. Zwischen 50 und 100 Euro würden sie im Durchschnitt ausgeben, um in der Silvesternacht den Kindern eine Freude zu machen und für leuchtenden Augen zu sorgen.

Eine ganze Lagerhalle voll mit allem, was das Feuerwerker-Herz begehrt, bereitet das Pyrotec-Team dafür stets kurz vor dem Jahreswechsel vor. „Wir hatten uns schon ein Hygienekonzept überlegt für den Verkauf in diesem Jahr“, sagt Manfred Weniger. Um mehr Platz zu schaffen, wurde eine größere Halle gemietet, dazu Einbahnstraßen ausgeschildert, um den Begegnungsverkehr zwischen den Kunden zu vermeiden. All das ist hinfällig. Außerdem muss eine Möglichkeit gefunden werden, die Ware einzulagern. Das alles frisst Geld, das Manfred Weniger derzeit eigentlich gar nicht ausgeben möchte.

Hauptgeschäft bricht weg

Denn die Corona-Pandemie hat die Pyrotechniker schwer getroffen. Alle Veranstaltungen, auf denen sie mit Spezialeffekten für das besondere Etwas sorgen, sind ausgefallen. Hochzeiten, Stadtfeste, Festivals, Konzerte... „Das ist unser Hauptgeschäft“, sagt Manfred Weniger. Die Tournee mit Roland Kaiser war zum Beispiel fest eingeplant im Kalender. Doch seit dem 10. März steht alles still.

Er musste seine acht Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Vier von ihnen hätten inzwischen das Unternehmen verlassen. „Das kann ich keinem verübeln. Ein junger Familienvater, der Kredite abzubezahlen hat, kann nicht mit 67 Prozent des Geldes überleben.“

Selbst das Handtuch zu werfen, kommt für den Firmeninhaber unterdessen nicht in Frage. „Ich bin nicht Schuld an der Misere, deshalb wäre es der falsche weg einfach aufzugeben“, schildert er. Doch er sei müde von der Warterei. „Irgendwann resigniert man einfach und hört auf, von Woche zu Woche zu hoffen“. Dass bereits im kommenden Jahr Festivals wie Wacken, auf dem 80 000 Besucher zusammenkommen, wieder möglich sind, glaubt Manfred Weniger nicht.

Das erste freie Silvester

Es ist das erste Silvester, an dem der Pyrotec-Chef frei hat. Üblicherweise arbeitet er in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar. Denn viele Hotels würden den Jahreswechsel mit einem Feuerwerk vom Fachmann zelebrieren – dann sind er und seine Mitarbeiter gefragt. In diesem Jahr ist alles anders.

„Ich werde Silvester mit einem Glas Sekt in der Hand feiern“, sagt Manfred Weniger. Der Blick an den Himmel werde sicher trist ausfallen. Doch seine Kinder müssten dennoch nicht auf ein Feuerwerk verzichten, sagt er. Denn das Abbrennen von Fontänen auf dem eigenen Grundstück sei nicht untersagt, weiß der Feuerwerksexperte.