„Ein Laden mit Seele“ Stoffladen in Schmalkalden schließt

Birgitt Schunk
Ilona Scheffler in ihrem Laden – hier verkaufte sie bislang Wolle, Knöpfe, Stoffe und vieles mehr. Sie entwarf, nähte, strickte und gab ihr Wissen weiter, doch nun geht sie in den Ruhestand. Foto: Birgitt Schunk

Ilona Scheffler stand fast drei Jahrzehnte lang in ihrem Geschäft in Schmalkalden, mit dem sie sich einst einen Traum erfüllte. Am 2. Juli schließt sie die Türen. Die Kunden werden sie vermissen.

Heute ist es hier wie im Taubenschlag. Die Kunden geben sich in Ilona Schefflers Laden in Schmalkalden die Klinke in die Hand. Die einen brauchen ein paar Druckknöpfe, andere etwas Wolle, der nächste sucht ein Stück Stoff, um eine kurze Hose zu nähen. Die Ladeninhaberin hat das Passende – und immer noch einen Ratschlag oder ein freundliches Wort dazu. Ein Urlauber aus Berlin ist froh, weil er endlich Hosenträger ergattert hat, damit das Teil trotz Bauch gut hält. Selbst die Frau, die hoffnungsvoll ihr Bikinioberteil mitgebracht hat, weil der Verschluss kaputt ging, geht nicht leer aus. Ilona Scheffler hat Ersatz. „Sie fehlen mir jetzt schon“, sagt die Kundin. So oder ähnlich hört die 66-jährige Geschäftsfrau das in diesen Tagen immer wieder. Nun wird sie jedoch für immer die Ladentüren schließen und in den Ruhestand gehen.

Dann liegen 29 Jahre Berufsleben in ihrem Stoff- & Kurzwarenladen hinter ihr. In denen hat sie nicht nur verkauft, sondern auch selbst Kleidung entworfen und genäht, den Kunden Kleidungsstücke geändert, Kurse angeboten oder Nähmaschinen repariert. Mit Nadel, Faden, Wolle oder Stoff kreativ zu sein war ihr Ding. Doch das Talent dazu war ihr offenbar nicht gleich in die Wiege gelegt worden. „Du hast die zwei linken Hände deiner Patentante Ursula geerbt“, hatte ihr die Mutter auf den Kopf zugesagt, als sie 11 Jahre alt war und ihre Handarbeitsversuche nicht gerade von Erfolg gekrönt waren. „Wahrscheinlich war sie leicht genervt, weil es nicht so richtig klappte. Wenn damals einer gesagt hätte, ich mache einen Beruf daraus und verdiene meinen Lebensunterhalt damit, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, sagt Ilona Scheffler. Sie hat es dennoch getan. Reich geworden sei sie damit nicht, „aber ich war glücklich“. Dabei kam sie erst über Umwege zum Traumjob. Erst einmal stand das Studium an der Ingenieurschule, dann die Familiengründung. 15 Jahre war sie als Konstrukteurin im damaligen Werkzeugkombinat tätig. Mit der Wiedervereinigung musste auch sie sich neu orientieren, die Wirtschaft stellte sich anders auf. Mit zwei schulpflichtigen Kindern waren aber der Flexibilität Grenzen gesetzt. Und so besann sie sich auf das, was sie am liebsten machte. Am 1. Juli 1993 wurde ihr Hobby zum Beruf, sie eröffnete auf 37 Quadratmetern ihren eigenen Laden für Stoffe und Kurzwaren. „Vom Prokuristen bis zur Reinigungskraft war ich alles“, blickt sie zurück. „Die exzellente Ingenieurausbildung kam mir auch hier zugute, auf buchhalterische und steuerliche Hilfe konnte ich verzichten.“ Nach fünf Jahren schon platzte der Laden aus allen Nähten, sie zog in die Stumpfelsgasse um. „Der ebenerdige Laden war ein Gewinn – gerade für die ältere Kundschaft oder Mütter mit Kinderwagen. Auch Nähmaschinen wurden verkauft – von da war es nicht weit bis zu Nähkursen, die sie mit einer befreundeten Schneiderin anbot. Die Beschäftigung mit der ganzen Materie beflügelte ihre Kreativität immer mehr, sagt Ilona Scheffler heute. Sie strickte, nähte Taschen, fertigte Kissen und vor allem auch Kleidungsstücke. „So manch einer kann einen echten „I Sch“ sein eigen nennen“, sagt sie zu ihrer Marke, die aus den Anfangsbuchstaben von Vor- und Zuname entstand. Aber sie änderte auch viele Hosen, Röcke oder Blusen. Oftmals kamen die Kunden mit aus dem Katalog bestellten Teilen, die ganz einfach nicht passten und oft einen Mü zu eng waren. Sie weiß, dass ganz gerne eine Nummer kleiner geordert wird - wegen dem guten Gefühl mit Blick auf die Figur. Öfters hat sie dann den Kunden aber geraten, das Stück lieber zurück zu schicken und eine Nummer größer zu bestellen. „Das habe ich dann kleiner und passend gemacht – das ging einfacher als umgekehrt.“

Um einem Familienmitglied zu einem Arbeitsplatz zu verhelfen, kam nach dem Umzug in den neuen Laden sogar noch eine Zweigstelle in Mühlhausen hinzu. „Der Tanz auf zwei Hochzeiten war eine besondere Herausforderung, die 2003 jedoch endete, weil auch die wirtschaftliche und familiäre Situation sich änderte“, schaut sie heute zurück. Zum Blick in den Rückspiegel gehören nicht nur die Liebe zum Job und zum Kontakt mit Leuten, sondern auch Zeiten, die dem Handel das Leben schwer machten und bis heute machen. „Der Verlust des Kreisstadt-Status, die lange Zeit der Stadtbodensanierung und die Bauarbeiten an den Zugangsstraßen hatten immer wieder den Verlust von Kaufkraft zur Folge“, sagt die Geschäftsfrau. Der Run auf Interneteinkäufe kam hinzu - und von Corona ganz zu schweigen. 2021 war ihre schlimmste Zeit. „Da hatte ich 300 Euro Gewinn – und zwar im ganzen Jahr.“ Gerne erinnert sie sich an die Landesgartenschau 2015. Da habe sie viele Gäste kennengelernt, die sie gemeinsam mit ihren Stammkunden durch Bestellungen in der Zeit der Pandemie etwas getragen hätten. Doch jammern passt nicht zu Ilona Scheffler. Diese Philosophie hat sie auch immer ihren Kunden vermittelt und will den Bürgern „unserer wunderschönen Stadt“ diesen Rat mit auf den Weg geben. „Sie selbst haben das Innenstadtleben in der Hand“, sagt sie. Immer wieder musste sie hören, dass die Leute forderten, dass der Bürgermeister mal etwas machen müsste. Wenn sie dann nachhakte, blieb die Antwort aus. „Die Stadt kann nur Rahmenbedingungen schaffen – und das macht sie. In die Privatwirtschaft eingreifen kann sie nicht.“ Die Ladeninhaberin verweist auf öffentliche Veranstaltungen, verkaufsoffene Sonntage, Feste und vieles mehr, die dafür sorgten, dass Besucher in die Stadt kämen. Doch in den Läden einkaufen, das müssten die Leute schon selbst. Sie treibt die Sorge um, dass noch mehr auf der Strecke bleibt. „Stirbt die Innenstadt, stirbt auch der Tourismus. Kunst alleine zieht nicht genug, Gastronomie und Handel gehören dazu, aber sie müssen auch wirtschaftlich überleben können.“ Mit Beratung hat Ilona Scheffler nie gespart. Wenn Kunden ein Problem beim Stricken oder Nähen hatten, kamen sie her oder riefen an. „Dann gab es eine Schefflersche Vorlesung“, sagt sie. Manche holten sich aber auch ellenlange Beratungen zu Nähmaschinen, kauften diese dann jedoch im Internet - und kamen dann aber wieder, weil sie mit der Technik nicht klar kamen. Das fand sie schon ziemlich daneben.

Doch wenn sie jetzt ihren Laden schließt, dann nimmt sie die schönen Erinnerungen mit in den Ruhestand. „Ich bin allen so dankbar, die mir über Jahre als Kunden die Treue gehalten und mein Geschäft getragen haben – aber auch, weil mein Rat und meine Meinung für sie zählten.“ Damit hielt sie nie hinterm Berg - egal, ob es in handwerklicher oder gesellschaftlicher Hinsicht war. Oftmals kamen auch Kunden, die einfach nur mal ein Wort wechseln wollten – ohne immer etwas zu kaufen. „Ich habe mich immer als ein Laden mit Seele verstanden.“ Langeweile wird sie künftig nicht haben. Terminlich binden wie etwa in einem Verein wird sie sich aber nicht. „Wenn man 29 Jahren lang von 9 bis 18 Uhr im Laden stand, dann will man endlich mal die Zeit frei einteilen“, sagt sie – und freut sich auf viele Besuche in der „fantastischen Bibliothek“, um endlich viel zu lesen. Bislang kam das viel zu kurz. Und mit dem E-Bike wollen sie und ihr Partner dann auch mal spontan losziehen und noch viel entdecken.

 

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