Sting in Erfurt Neuntausend und die Kraft der Stimme

Sting bei einem Konzert Ende Juni in Frankreich Foto: IMAGO//Sandrine THESILLAT

Er singt einfach das Liederbuch seiner vielen Hits. Mit siebzig gibt er in Erfurt das Konzert Nummer 134 seiner Welttournee – und begeistert 9000 Menschen mit alterslosem guten Musikhandwerk. Sting in der Messehalle: Grandios.

Abgenutzt wirkt an diesem Abend nur das Äußere seiner Fender-Bassgitarre von 1954. Wie er so schwungvoll auf die Bühne tritt und dann da steht, muskulös, den Rücken durchgespannt, mit breiter Geste im quer gestreiften T-Shirt. „Hallo Erfurt.“ Und dann loslegt mit „Message in a Bottle“ und einer Stimme, die die ganze riesige Messehalle zu umgreifen scheint samt den neuntausend Seelen, die hier auf ihn gewartet haben: Wow. Sting. Ist. Da. Und wie!

Es ist Konzert Nummer 134 der im Mai 2019 begonnenen – und zweimal durch Corona unterbrochenen – „My Songs Tour“ des britischen Weltstars. Und dieser heiße Erfurter Sommerabend fühlt sich an, als sei der 70-Jährige mit seiner jungen sechsköpfigen Begleittruppe gerade erst von den Proben gekommen und nicht schon im letzten Drittel einer Reise durch Amerika, Japan und Europa.

Wobei es schon ein paar Songs braucht, bis sich die Sting’sche Energie vollends durchsetzt gegen den berüchtigten Blech-Sound der Erfurter Messehalle, der lauten Rock gerne zu Brei zermanscht. Und den einst für „The Police“ typischen Mix aus Stings lässig-stechendem Bass und trockenem Beat leider nicht so recht durchdringen lässt. Doch spätestens bei „Every Little Thing she does its Magic“ springt der Funke über, selbst auf die – dem Durchschnittsalter der Konzertbesucher gemäß großzügigen – Sitzplatztribünen um eine Stehplatz-Arena, so power-proppevoll und wogend wie wohl noch nie wieder in Thüringen, seit diese verdammte Pandemie uns solche Erlebnisse verwehrte.

Aber was reden wir von Rock-Sound? Es ist Stings Stimme, die diesem Konzert die Kraft gibt. Sie hat nicht mehr dieses Schneidende, Heisere. Dieses Jugendlich-Zerrissene, Rotzige, das legendäre Songs wie „So Lonely“ oder „Roxane“ tief in die persönliche Partygeschichte der heutigen Generation 50 plus eingeschrieben hat. Aber wir sind hier ja nicht mehr auf einer betrunkenen Jugendfete von 1980 und brauchen auch keinen postpubertären Seelentrost wie einst, sondern lauschen dem Edelsten des an Millionenerfolgen überreichen Liederbuchs eines Künstlers, der nun wirklich sehr gut gealtert ist. Was an Schärfe fehlt, wird durch souveräne Spannung mehr als wettgemacht.

Energie und Anspannung

Zurückhalten und Loslassen, Schwelgen, Schweigen, Scherzen und, ja, auch mal für einen Moment richtig Gas geben, sodass sich die altersstarke Stimme auch mal überschlägt: Sting weiß, wie man das dosiert und verliert zu keiner Sekunde die Energie und Anspannung, die 90 Minuten durchzuhalten so manch anderem Altstar jenseits der Siebzig schwerfällt.

Ein bisschen „No Woman no Cry“- reingebröselt in „So Lonely“, die Spielfreude mit Reggae- und Jazz-Anklängen garniert, der „Englishman in New York“, er schlendert wirklich. Übergänge, Kontraste. Und ja, er gibt seinen Fans auch Raum zum Mitsingen, beseelt, nostalgisch, so, wie es sein muss und nicht zu viel, dass es kitschig würde. Und dann eine stimmungsvolle Lichtregie und schwarz gekleidete Mitmusiker, die das alles einpassen um die Lichtgestalt im schwarz-roten T-Shirt. Sting, der es trotzdem schafft, auch noch dem Mundharmonikaspieler seinen Stevie-Wonder-Moment und der Background-Sängerin eine grandios-kurze R&B-Arie zu gönnen. Stings Stammgitarrist Dominic Miller lässt sowieso vergessen, dass die anderen Zwei der einstigen „Police“-Kleinfamilie fehlen. Ein Gesamtkunstwerk. Weltklasse in Zeit, Raum und Klang.

Ganz zum Schluss, als zweite und letzte Zugabe, verzaubert der Meister mit „Fragile“ auf sanfter spanischer Gitarre den Saal und geht. „Danke. Erfurt.“

„Der Jagger hat neulich aber über zwei Stunden gespielt“, sagt einer beim Hinausgehen, lächelt sofort selbst seinen Einwand weg und verlässt mit weiteren achttausendneunhundertneunundneunzig glücklichen Menschen die Halle Richtung Straßenbahn. Die kurvt auf dem Weg zum Hauptbahnhof um die Domstufen und gewährt einen zufälligen Blick auf die letzten Szenen von „Nabucco“ mit seinem grellen Bühnen-Bombast.

Sting reichen die Fender, das T-Shirt, ein paar ewige Songs und die Stimme. Every little thing you do is magic.

Mit 33 weiteren Konzerten geht die „My Songs“-Tour in die Schlussphase. Wer noch will, muss reisen. Nächstliegende Konzerte: Heute Abend, 28. Juli, Berlin, Zitadelle Spandau. 10. Oktober Zürich, Hallenstadion.

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