Statistik Zahl der Todesfälle in Thüringen über dem Durchschnitt

Ein Anblick, der in vielen Krematorien zum Alltag wird: Ein Sarg, versehen mit einem Warnhinweis, denn der Tote starb an Corona. Foto: dpa/Robert Michael

Im Jahresvergleich sehen die Todeszahlen für Deutschland und Thüringen noch nicht sehr beunruhigend aus. Doch zum Jahresende 2020 änderte sich das Bild.

Suhl/Wiesbaden - Sterben durch die Corona-Pandemie mehr Menschen als üblich in Deutschland und Thüringen? Ganz sicher sind sich die Statistiker in der Beantwortung dieser Frage noch nicht, wie eine Sonderauswertung des Bundesamtes für Statistik in Wiesbaden ergeben hat.

Doch der Blick in die Zeitung weckt einen anderen Eindruck. Sechs bis sieben Seiten füllten am vergangenen Wochenende die Todesanzeigen. Ein trauriger Rekord. Untermauert wird dieser Eindruck von Aussagen der Suhler Bestatter: Sie vermeldeten für den Dezember eine Verdoppelung der Todesfälle in der Stadt.

In der offiziellen Statistik lassen sich diese Momentaufnahmen ganz so einfach nicht wiederfinden. In den Jahren 2016 bis 2019 starben in der 51. Kalenderwoche, also kurz vor Jahresende, durchschnittlich knapp 19 000 Menschen. Im Jahr 2020 gab es in der 51. Kalenderwoche 23 350 Tote, davon knapp 4500 im Zusammenhang mit Covid-19. Ein Zahlentrend, der über mehrere Wochen angewachsen ist. Seit der 43. Kalenderwoche liegen die Todeszahlen jeweils über dem Durchschnitt der vier Vorjahre und auch jeweils über dem höchsten Wert, der in einem der vier Vorjahre registriert wurde.

Auch in Thüringen ergibt sich ein ähnliches Bild. Starben 2016 in der 51. Kalenderwoche 618 Menschen in Thüringen, waren es 2017 insgesamt 555. In den Jahren darauf waren es 596 und 592 Tote.

Da sind die 805 Toten in der 51. Kalenderwoche des vergangnen Jahres ein deutlicher Ausschlag nach oben. Zumal auch in den beiden Wochen zuvor 100 bis 200 Menschen mehr pro Woche starben als in den vier Jahren zuvor.

Insgesamt verzeichnen die Statistiker einen deutlichen Anstieg der Todeszahlen seit Mitte November. Seit dieser Zeit hat auch die Zahl der laborbestätigten Covid-19-Todesfälle deutlich zugenommen. Mit Beginn der Kalenderwoche 47 am 16. November gab es in Thüringen 267 Todesfälle. Am 20. Dezember, also mit Ende der 51. Kalenderwoche, waren es schon knapp 700, die mit Corona in Zusammenhang gebracht wurden.

Ob das Coronavirus im gesamten Jahr 2020 zu einer Übersterblichkeit führt, steht nach Angaben der Statistiker aber noch nicht fest. Neben der Pandemie könnten auch Verschiebungen in der Altersstruktur der Bevölkerung zu überdurchschnittlichen Todeszahlen im Land führen. Thüringen zählt zu den ältesten Bundesländern Deutschlands.

Und die höheren Todeszahlen im Zusammenhang mit Corona könnten durch geringere Todeszahlen im Zusammenhang mit anderen Krankheiten ausgeglichen werden. So vermeldete die Techniker Krankenkasse am Montag, dass im vergangenen Jahr deutlich weniger Fälle von anderen Erkrankungen registriert wurden als noch 2019. Besonders deutlich wird der Rückgang laut TK bei Magen-Darm-Erkrankungen: 2019 wurden im Freistaat knapp 6000 Norovirus-Infektionen gemeldet. 2020 waren es rund 1700. Die Rotavirus-Meldungen sind von rund 3100 auf rund 500 gesunken. Auch Grippefälle gab es deutlich weniger: 2020 wurden in Thüringen rund 9400 Fälle gemeldet. Im Jahr zuvor waren es laut TK noch 15 700 Influenza-Meldungen. Keuchhusten trat 2020 (256 Meldungen) etwa dreimal seltener auf als 2019 (863 Meldungen). Maske tragen und Abstand halten zeigen also Wirkung, nur eben anders als erhofft.

Und der Einfluss von Corona dürfte zum Jahresende noch einmal zugenommen haben. Diese Daten haben die Statistiker aber noch nicht ausgewertet. Starben bis Weihnachten in Thüringen täglich bis zu acht Menschen pro 100 000 Einwohner an oder mit dem Virus, lag der Wert im Januar bei bis zu 14.

Die Auswertung der Statistik zeigt auch, dass es starke Unterschiede zwischen den Kreisen gibt. So liegt beispielsweise im besonders hart betroffenen Kreis Hildburghausen der Wert mit bis zu 46 Toten innerhalb von sieben Tagen pro 100 000 Einwohner besonders hoch. jol

 

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