Statement zur Corona-Situation Neuhäuser Bürgermeister findet klare Worte zur Pandemie

Uwe Scheler, Bürgermeister der Stadt Neuhaus am Rennweg. Foto: privat

Seine Sicht zur Corona-Situation hat Uwe Scheler publik gemacht. Der Neuhäuser Bürgermeister spricht sich unter anderem gegen die Spaltung der Gesellschaft aus und benennt als einen Grund für die gegenwärtige Lage die Umstände im Gesundheitswesen.

Neuhaus am Rennweg - „Respekt“, „Danke Uwe“, „Dieser Bürgermeister spricht mir aus dem Herzen“, „Gutes Statement unseres Bürgermeisters“. Reaktionen wie diese machen seit Dienstagabend etwa bei Facebook und WhatsApp die Runde. Sie stammen von Neuhäusern, Lauschaern und Steinachern und beziehen sich auf die Worte, mit denen der Neuhäuser Bürgermeister Uwe Scheler all jene begrüßt, die auf die Internetseite der Stadt Neuhaus schauen.

„In diesen Tagen hört man sehr oft die Frage nach Schuld oder den Vorwurf von Schuld“, schreibt Scheler auf der Startseite der Homepage. „Schuld am Vorhandensein des Corona-Virus, Schuld daran, dass er immer noch nicht weg ist, Schuld an der hohen Anzahl der Infektionen, Schuld am Volllaufen der Krankenhäuser und Intensivstationen, Schuld an der nicht zufriedenstellenden Wirkung der Impfungen, Schuld am Nichtvorhandensein von genügend Impfstoff, Schuld an der Überlastung der Hausärzte …“ Doch sei es für ihn keine Frage der Schuld, sondern vielmehr eine nicht eingelöster Versprechen und nicht erfüllter oder enttäuschter Erwartungen.

Auf allen Ebenen – vom Bund bis zu den Gemeinden, in Unternehmen, in Familien und im Freundeskreis – werde darauf gewartet und gehofft, dass das Virus endlich wieder von der Bildfläche verschwinde und alle wieder das vorherige Leben zurückerhalten, wenn man nur dies oder das mache bzw. dies oder das nicht mache, schreibt Scheler. Er findet, dass eben jene Erwartungen und Hoffnungen von vielen Stellen noch durch Versprechen genährt und unterstützt worden seien. „Versprechen, die eigentlich nicht hätten gemacht werden dürfen. Versprechen, die einfach nicht gehalten werden konnten.“ Menschen würden sich auf der Arbeit oder im privaten Bereich angehen, sich gegenseitig vorwerfen, an etwas Schuld zu sein. An Infektionen und Quarantänemaßnahmen, an Schließungen von Einrichtungen, an verschobenen Operationen. „Die Aufzählung“, so schreibt es der Stadtchef, „wäre beliebig fortsetzbar.“

Auf allen Ebenen seien sie erlebbar und spürbar, die Ausmaße der Enttäuschung und Wut, oft auch der Machtlosigkeit oder Handlungsunfähigkeit, manchmal aber auch der Angst, die – gepusht durch Politik und Medien – in Aktionismus und Paniksituationen enden, schildert Scheler seine Wahrnehmung. „Kein Wunder“, schreibt er, „die ganze Welt ist betroffen, niemand war auf so etwas vorbereitet und bisher hat auch noch niemand auf der Welt ein Patentrezept gefunden – auch nach nunmehr zwei Jahren nicht.“ Auch er habe keinen Masterplan parat, könne nichts versprechen und in Aussicht stellen. Er verpflichte niemanden zu etwas und empfehle niemanden etwas. „Weil ich es einfach nicht weiß“, so Scheler. Er rate nur jedem, der es auch nicht wisse, es ebenso zu halten, es einfach zuzugeben, dass man keine Lösung zu bieten hat, und auf allen Ebenen maßvoll mit Vorwürfen, Beschimpfungen und Anordnungen umzugehen. „Die lösen das Desaster nämlich nicht auf, die verlagern nur die Verantwortung und machen blind.“

„Wir müssen aufhören, auszugrenzen und abzugrenzen“

Der Stadtchef spricht sich deutlich gegen Hass und Hetze aus, die das „ohnehin bereits beschädigte soziale Gefüge“ und den „inneren Frieden im Land und auch in unseren Gemeinden und in unseren Familien“ zerstören. Schon die Aussage, ein Landkreis und damit die in ihm lebenden Menschen wären ein Hotspot, sieht er als Diskriminierung. In Zeiten, in denen das ganze Land „ein einziger Ausbruch“ sei, wie Scheler RKI-Präsident Lothar Wieler, zitiert, seien die Sonneberger nicht mehr oder weniger „unbesonnen“ als die Bewohner anderer Landkreise. „Das Corona-Virus kennt keine Landkreis- und keine Ländergrenzen“, so der Stadtchef. Sein ganz klares Statement lautet: „Wir müssen aufhören, auszugrenzen und abzugrenzen, wir müssen das alle gemeinsam durchstehen. Wir müssen Kräfte, Kenntnisse und Erfahrungen bündeln. Solange es kein einhundertprozentiges Gegenmittel gibt, müssen wir in die Forschung investieren, die Kapazitäten der Krankenhäuser erhöhen und die Hausärzte stärken und unterstützen. Damit jedem – und ich meine wirklich jedem – geholfen werden kann, der krank wird und ärztliche Hilfe braucht. Egal ob geimpft oder ungeimpft, egal ob leider Corona, leider Herzinfarkt oder leider Beinbruch.“

Auch in den weiteren Ausführungen bleibt der Bürgermeister gleichermaßen direkt. Er betont, dass die die Triage in Kliniken, also die Entscheidung darüber, welchem Patienten zuerst geholfen werden kann, nicht erforderlich sei wegen Geimpften oder Ungeimpften, sondern weil das Gesundheitswesen so weit heruntergefahren sei. Deshalb sein Appell: „Wir müssen zuallererst aufhören, den Abbau von Krankenhausbetten zu fördern.“ Eine Aussage, die er mit Verweis auf den sogenannten Krankenhausstrukturfonds und die zugehörige Verordnung untermauert, aus der er zitiert: „Des Weiteren wird nunmehr der Abbau von krankenhaus-planerisch festgesetzten Betten nach Anzahl der Verminderung pauschal gefördert.“ Von 4500 Euro je Bett bei 11 bis 30 Betten bis hin zu 12000 Euro je Bett bei mehr als 90 Betten. Im Gesundheitswesen, so Scheler weiter, gehe es an vielen Stellen nur noch betriebswirtschaftlich orientiert und unternehmerisch denkend zu. „Ich finde, das ist der eigentliche Notstand und den haben wir in unserem Land selbst geschaffen. Nachvollziehbar auch direkt vor unserer Haustür in Neuhaus am Rennweg.“

Die abschließende Empfehlung des Bürgermeisters lautet: Keine Schuldfrage stellen. Keine Ausgrenzung. Nur, weil jemand etwas nicht genauso mache, wie man es selbst tun würde. „Nehmen wir einfach zur Kenntnis, dass der andere auch berechtigte Gründe haben kann. Ziehen wir in Erwägung, dass der andere eventuell auch Recht haben könnte“, so Scheler. „Achten wir einfach unser Grundgesetz: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.’ Üben wir besonders Toleranz und haben Verständnis für unsere Mitmenschen, vor allem für unsere Kinder. Damit wäre eine gute Grundlage für unser Zusammenleben gelegt.“

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