Stählin-Erinnerungen Zwei Liedermacherkonzerte im Weyenhof

Hansgeorg Enzian
Die Leiter der SAGO-Schule vor Wasungens Alter Schule. Claudia Fink, Matthias Binner, Martin Betz, Julia Geusch (von links). Foto:  

Aus Anlass des 80. Geburtstags von Christof Stählin, dem Gründer der Liedermacherschule SAGO, finden am heutigen Donnerstag und am morgigen Freitag im Wasunger Weyenhof zwei Konzerte statt.

Mit einem fünftägigen Lieder-Workshop im Wasunger Weyenhof, der am heutigen Donnerstag und am morgigen Freitag mit zwei Abschlusskonzerten endet, feiert die Liedermacherschule SAGO derzeit den 80. Geburtstag ihres 2015 verstorbenen Lehrmeisters, des Dichtersängers Christof Stählin.

Entnervt davon, dass junge Liedermacher nicht etwa immer neue, sondern immer dieselben Fehler machen, gründete der Poet, Philosoph und Lieddichter Christof Stählin 1989 die Liedermacherschule SAGO. Als Veteran der legendären Festivals auf der Burg Waldeck im Hunsrück, auf denen er (wie auch seine gleichaltrigen Kollegen Reinhard Mey und Hannes Wader) Ende der 1960er Jahre zu den Pionieren deutschsprachiger Liedermacherkunst gehörte, konnte er da schon auf einen Erfahrungsschatz und ein musikalisches und dichterisches Oeuvre von zwei Jahrzehnten zurückgreifen. Lebenslang hat ihn seither das Wirken in seinem Schülerkreis, der Austausch mit jungen Künstlern nicht mehr losgelassen.

Unvergessliche Tage

2005 fand die SAGO-Schule ihre Heimat in Wasungen: Unvergessliche Tage der Lehre, des Lernens, Übens, Singens, Musizierens, der harten, aber fairen Kritik und des lebendigen Miteinanders beleben seither ein bis zweimal pro Jahr den altehrwürdigen Weyenhof. Judith Holofernes und Bodo Wartke, Dota Kehr und Sebastian Krämer, Eckart von Hirschhausen und Alin Coen, Max Prosa und Uta Köbernick und Dutzende andere lernten dort ein Schreiben, das nicht von persönlichen Befindlichkeiten, sondern von (Be)wunderns- und Staunenswertem erzählt – und darin individueller und persönlicher als jede liedgewordene Nabelschau ist.

Die über Jahrzehnte gewachsene und wachsende Schülergemeinschaft nennt sich ironisch die „SAGOnauten“, als würden sie über ein Meer fahren, über ein Meer der Poesie mit immer neuen Ufern. 2012 feierten sie im Weyenhof Christofs 70. Geburtstag; zehn Jahre später trifft man sich zum 80. – ohne ihn, der 2015 nach kurzer, schwerer Krankheit starb.

Sein Erbe könnte nicht lebendiger sein: Die von seinen Söhnen und seinen Schülerinnen und Schülern gegründete Christof-Stählin-Gesellschaft baute in den Weyenhof ein Archiv, in dem Christofs literarischer Nachlass zu studieren ist. Ein Liederbuch mit Texten und Noten seiner 80 schönsten Kompositionen wird demnächst veröffentlicht. Im Erscheinen begriffen (Ende des Jahres im Zeuys Verlag) ist auch das SAGO-Didaktik-Buch „SAGO – alles, was ein Poet braucht“, in dem Philipp Schmidt-Rhaesa den Extrakt von Christofs Lehrkunst zusammenfasst.

Tribute-Album

Ein Tribute-Album, auf dem Granden wie Reinhard Mey und Barbara Thalheim, Schüler wie Bodo Wartke und Johanna Zeul und Weggefährten wie Thomas Felder, Dietlinde Elsässer und Erwin Grosche ihre Lieblings-Stählin-Lieder interpretieren, ist soeben im Buschfunk-Verlag erschienen. Und in „SAGO Song Salons“ treffen sich Gäste aus und jenseits der Schülerschaft zum konzertantem Austausch.

Auch die SAGO-Seminare tagen noch immer unter Leitung von Christofs Assistent Martin Betz, seinem Schüler Matthias Binner und den nachgewachsenen SAGOnautinnen Claudia Fink und Julia Geusch (alias Marie Diot).

Viele Anlässe für eine rauschende Festwoche, zu der sich knapp 30 Singer-Songwriter angekündigt haben. Und die nun zweimal den Weyenhof (Schulgasse 2) für Interessierte öffnen – am heutigen Donnerstag wird um 17 Uhr zur offenen Schlagerrunde in den Garten des Weyenhof eingeladen. In ungezwungener Atmosphäre spielt man sich hier Lieblingslieder und Gassenhauer vor. Am Freitag, 24. Juni, wird es um 19 Uhr im Alten Fabriksaal eine Spur formeller: Vom neuen Leitungsteam präsentiert singen die SAGOnauten ihre liebsten Christof-Lieder und zeigen in eigenen Songs, was sie vom Meister gelernt haben.

Beide Veranstaltungen kosten keinen Eintritt – ein kleines Geschenk der SAGOnauten an den Weyenhof. Um Anmeldung wird aber dennoch gebeten: unter Telefon (01 63) 7 74 10 40 oder per Mail an h.enzian@t-online.de. Die Christof-Stählin-Gesellschaft will so das Werk eines großen Dichters lebendig halten, der in seinem seiner letzten Lieder orakelt hatte: „Singt eine Amsel im Sommerregen vom Dach gegenüber, bin’s vielleicht ich.“

Hansgeorg Enzian

 

Bilder