Stadtentwicklung Ein Plan für Tiefenort

Zahlreiche interessierte Tiefenorter waren zur Einwohnerversammlung in die Krayenberghalle gekommen, um sich über die Pläne für den größten Bad Salzunger Ortsteil zu informieren.       Foto: Werner Kaiser

Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) für den Ortsteil Tiefenort soll im Dezember vom Bad Salzunger Stadtrat beschlossen werden. Über den aktuellen Stand wurde jetzt in einer Einwohnerversammlung informiert.

Tiefenort - Die Entwicklung des Gemeinwesens nach einem abgestimmten langfristigen Konzept hat in Bad Salzungen bereits in den frühen 1990er-Jahren begonnen und zu für jedermann sichtbaren positiven Ergebnissen geführt; sie war entscheidend für die Zuerkennung des Prädikats „Kurstadt“. Das stellte Bürgermeister Klaus Bohl (Freie Wähler) zur Eröffnung einer Bürgerinformationsveranstaltung zur Ausweitung der konzeptionellen Arbeit auf Tiefenort fest.

Die Resonanz war für den Veranstalter überraschend hoch und setzte die breite Beteiligung an der Befragung fort, die am Beginn der Ausarbeitung unter den Bürgern, Vereinen und Gewerbetreibenden von Tiefenort stattgefunden hatte. In den vergangenen 30 Jahren sei in dem Dorf viel geleistet worden; man habe aber auch noch viel vor, stellte Bohl fest und nannte als Beispiele unter anderem den Innenbereich, das Kaffeetälchen und den Erdfall. Auf der Grundlage eines ISEK können Fördermittel beantragt werden, deren Empfänger auch Privatleute sein können.

Bad Salzungen hat mit dem Planungsbüro der Diplomingenieurin Ines Klinke aus Erfurt bereits gute Erfahrungen gesammelt. Die freie Stadtplanerin wurde daher beauftragt, das Konzept für Tiefenort zu entwerfen. Dafür wurde über die erwähnte Befragung hinaus eine Vielzahl von Daten ausgewertet. Daraus ergab sich eine Gegenüberstellung der Stärken und Schwächen im nach der Kernstadt Bad Salzungen größten Ortsteil. So haben sich wegen des Fehlens gesamtstädtischer Konzepte bislang für Tiefenort noch keine Potenziale aus der Eingemeindung ergeben.

Ein gravierendes Problem stellt die Bevölkerungsentwicklung dar. Der Rückgang der Einwohnerzahlen ist zwar ein allgemeiner Trend, verläuft aber hier gegenwärtig rascher als in der Kreisstadt. Zwar kann die Regelschule auf konstante Schülerzahlen verweisen und hat damit eine Stabilisierungsfunktion. In der Grundschule sind die Schülerzahlen jedoch rückläufig, und der neue Kindergarten ist nur zu 80 Prozent ausgelastet. In Tiefenort wohnen in 50 Prozent der Haushalte drei und mehr Generationen, das liegt erheblich über dem bundesweiten Durchschnitt. Ein attraktiver, nachfragegerechter Wohnraummix fehlt allerdings.

Das Dorf weist insgesamt einen hohen Sanierungsstand von 84,5 Prozent auf. Im Erhaltungs- bzw. Identitätsgebiet, dem Ortskern, liegt jedoch nur bei einem Viertel kein Sanierungsbedarf vor. Die kommunalen Gebäude sind zu 60 Prozent teilsaniert, 30 Prozent haben erheblichen Sanierungsbedarf. 48 Prozent der kommunalen Gebäude stehen leer, was einen Funktionsverlust zu Lasten des Gemeinwesens bedeutet und dem vorhandenen hohen bürgerschaftlichen Engagement zugutekommen könnte. Eine weitere Diskrepanz besteht darin, dass die fußläufige Erreichbarkeit von Einrichtungen der Daseinsvorsorge im funktionierenden Ortszentrum kaum angenommen wird. Sportflächen sind reichlich vorhanden, aber zu 100 Prozent sanierungsbedürftig.

Der Konzept-Entwurf definiert unter der Bezeichnung „Historischer Ortskern von Tiefenort“ ein Gebiet von circa 35 Hektar Fläche und benennt die vorgesehenen Vorhaben einschließlich des Erwerbs oder Verkaufs von Grundstücken. So soll das Objekt Kantstraße 10 gekauft und anschließend abgerissen werden. Auch die alte Turnhalle sowie die Häuser Frankensteinstraße 13, 15, 16 und 18 sind für den Abbruch vorgesehen. Letztere gehören zum Erdfallgebiet. Der Bürgermeister schilderte an anderer Stelle, dass neue, sehr kostenintensive Sicherheitsauflagen – darunter Vorkehrungen gegen den Absturz von Arbeitskräften und Baumaschinen – zu Verzögerungen für die Suche nach einem bezahlbaren Preis geführt hatten. Für den multifunktionalen Raum „Soziales Zentrum“ soll ein gesondertes Konzept erstellt werden. Der Maßnahmenplan umfasst den Zeitraum von 2021 bis 2036.

Öffentliche Plätze wie der Markt sollen aufgewertet, öffentliche Wege und Straßen grundhaft saniert werden. Einige Vorhaben stellen für sich genommen wieder Komplexe dar, wie die Sanierung des als unverzichtbar eingestuften Kulturhauses „Stern“ und die Umgestaltung der Roten Schule zum „Sozial-Haus“ mit barrierefreien Wohnungen. Weitgehenden Leerstand verzeichnet das ehemalige Rathaus. Seine Sanierung ist Teil der Entwicklung zum „Gegenwarts-Haus“, wo neben örtlichen Vereinen der Ortschronist residiert. Passend zu den bereits angelegten Sammlungen soll die Scheune von Krugs Haus als „Haus der Geschichte von Handwerk und Landwirtschaft in Tiefenort“ errichtet werden. Die Heimatmuseen in Krugs Haus (Große Amtsgasse 5) und im Alten Amtshaus (Fröbelhof 5) tauchen ebenfalls auf; bei Letzterem ist neben der Sanierung des Gebäudes und des historischen Torbogens auch die des Gehwegs geplant.

Sehr konstruktiv nutzten die Tiefenorter die Möglichkeit, Fragen an die Planerin und den Bürgermeister zu stellen und Meinungen zu äußern. So riet Bernd Siebert, der die Entwicklung Bad Salzungens seit der Wende sehr positiv bewertete, die Maßnahmen etwa beim Straßenbau nach ihrer Dringlichkeit einzuordnen. Für Marion Müller sollte die Jugend in Gestalt eines Jugendclubs Berücksichtigung finden. Ob der geplante barrierefreie Zugang zur Grundschule auf den ganzen Bereich der Kantstraße ausgeweitet werde, wollte Gerhard Krug wissen; Klaus Wölkner machte auf den schlechten Straßenzustand um das Pflegeheim „Schanzehof“ aufmerksam, wo ein angrenzendes Straßenstück saniert werden soll. In beiden Fällen verwies Ines Klinke darauf, dass viele Details beispielhaft genannt worden seien und alle Vorhaben im Zusammenhang betrachtet würden. Matthias Klatt betonte die umfassende Einbeziehung des Ortsteilrates, und auch Klaus Bohl lobte die aufgeschlossene Zusammenarbeit. Als Präsident des Schützenvereins fragte Carsten Linß nach Alternativen für die jungen Bogenschützen, wenn die alte Turnhalle abgerissen wird. Dafür und für die dort angesiedelten Züchtervereine werden Möglichkeiten gesucht; Bad Salzungen hat aber noch eine weitere Trainingsanlage zum Bogenschießen, erwiderte Bohl. Benjamin Scharfenberg nahm auf das Stichwort „Brachflächenmanagement“ der Planerin Bezug und fragte nach den Möglichkeiten für junge Familien, Wohneigentum zu schaffen. Da in Tiefenort keine geeigneten Areale in kommunalem Besitz vorhanden sind, scheidet die Möglichkeit aus, ein Neubaugebiet auszuweisen, erläuterte Bürgermeister Bohl. Daher konzentriert man sich zum einen auf Lückenbebauung. Zum anderen sind in Tiefenort mehrere Straßen nur einseitig bebaut – verschenktes Potenzial, meinte Bohl und kündigte die Aufhebung und Neufassung von Flächennutzungsplänen an. Zur Erkundigung des Fragestellers hinsichtlich eines Termins wurde vom Bauamt erklärt, zu Beginn des nächsten Jahres könne der vorliegende Entwurf verabschiedet werden.

Nach der Bürgerinformationsveranstaltung vom Montag soll der Stadtentwicklungsausschuss von Bad Salzungen am 5. Oktober das ISEK verabschieden und dem Stadtrat am 20. Oktober zur Beschlussfassung vorlegen. Ebenfalls am 5. Oktober wird über den Entwurf der Satzung Maßnahmengebiet entschied, die anschließend ausgelegt wird. Noch im Dezember 2021, so die Planung, wird die Satzung im Stadtrat die letzte Hürde nehmen.

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