Staatstheater Meiningen Trotz Krieg: Ukrainische Oper in Deutschland

Andrey Maslakov Foto: Michael Reichel

„Das Theater gelbblau beleuchten, reicht nicht“, sagt Jens Neundorff von Enzberg. Der Intendant hat mitten im Krieg ein ukrainisches Operngastspiel nach Meiningen geholt. „Fidelio“ soll nun auch in Coburg zu sehen sein.

Geschafft! Für Jens Neundorff von Enzberg, die Mannschaft des Meininger Theaters, für Regisseur Andrey Maslakov und seine gut ein Dutzend Künstler große Opern-Truppe aus Kiew schien der Schlussapplaus nach dem umjubelten „Fidelio“-Gastspiel am späten Mittwochabend auf der Meininger Bühne wohl wie aus einer entrückten Welt: Sie alle haben wohl erst in diesem Moment wirklich begriffen, was sie da vollbracht haben: Die erste „Fidelio“-Inszenierung der Ukraine, die zweite Aufführung nach der Premiere am 12. Februar in Kiew (zwölf Tage später hat Russland die Ukraine überfallen), ein Gastspiel eines ukrainischen Opern-Ensembles in Deutschland mitten im Krieg, und dann noch Beethovens einzige Oper auf Deutsch – was für eine Anstrengung, und was für ein Symbol, dass da an diesem Abend vom Meininger Staatstheater in die ganze Republik getragen wird!

Mit heißer Nadel

Schon vor der Ouvertüre hatte der Intendant erklärt, ihm sei es zu wenig, wenn Kulturstätten als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine nur mit gelbblauen Licht beleuchtet würden. „Eine Kerze kann jeder anzünden, wir aber wollten etwas Konkretes tun.“ Die Kulturnation Deutschland zeigt sich gegenüber der Ukraine von ihrer freundliche Seite. Das ist für Jens Neundorff von Enzberg die völkerverbindende Botschaft dieses Gastspiels.

Was am Mittwochabend in den Augen des Publikum professionell über die Bühne ging, war in Wirklichkeit mit heißer Nadel gestrickt: Länger als befürchtet wartete das Theater auf die Kulissen und Kostüme, die Regisseur Andrey Maslakov auf abenteuerlichem Weg aus Kiew über Rumänien nach Meiningen bringen ließ. Sie mussten im Eiltempo angepasst, die Bühne eingerichtet, Kulissen ergänzt werden. Der Meininger Opernchor, der gerade mit Wagners „Lohengrin“ ausgelastet ist, brauchte Verstärkung – und fand diese beim Chor des Coburger Landestheaters. Wer die Sängerinnen und Sänger beider Häuser am Mittwoch auf der Bühne sah, der spürte auch, dass Meiningen und Coburg gut daran täten, immer mal wieder gemeinsame Wege auf ihren Bühnen zu gehen: Da waren große Freude und Vertrautheit. Die Hofkapelle kramte Beethovens „Fidelio“ kurzerhand wieder aus den Notenschränken und Gedächtnissen – seit der Inszenierung von Christine Mielitz sind ein Dutzend Jahre vergangen. Zudem ein schönes Symbol: Am Pult standen der ukrainische Dirigent Sergei Golubnychyi (1. Akt) und der Meininger GMD Philippe Bach (2. Akt) gemeinsam.

Über einen befreundeten Regisseur lernte Jens Neundorff von Enzberg Andrey Maslakov kennen. Die Idee, seinen „Fidelio“ nach Deutschland zu holen, war schnell geboren – und erwies sich als zunächst schier unlösbar, weil Männer im wehrfähigen Alter die Ukraine im Kriegszustand nur im Ausnahmefall verlassen dürfen. Die Thüringer Staatskanzlei und die ukrainische Botschaft vermittelten, schließlich habe der ukrainische Kulturminister zugestimmt. Die Truppe von Maslakovs „Modern Music Theatre“ erhielt eine befristete Ausreisegenehmigung. „Wir können den Krieg nicht stoppen“, sagt der Regisseur, „wir machen Kunst, aber wir können das Kriegsgefühl bremsen“ – in der Ukraine wie hierzulande.

„Fidelio“ ist das erste Theatergastspiel der Ukraine seit Kriegsausbruch in Deutschland. Die Inszenierung hat Andrey Maslakov zum Beethovenjahr 2020 konzipiert. Ein deutsches Singspiel, das sei nicht leicht zu verstehen für ukrainisches Publikum, meint er. Gesungen wird auch in Kiew auf Deutsch. Gesprochen aber wird ukrainisch. Die Texte des Librettos haben die Sängerinnen und Sänger extra für Meiningen ins Deutsche übertragen und einstudiert – eine tolle Geste an das Publikum! Am Ende wurde es für machen ein Abend der gemischten Gefühle: Ohne den Krieg wäre Meiningen nicht in diesen Kulturgenuss gekommen.

Es gibt konkrete Planungen für weitere „Fidelio“-Gastspiele des Kiewer Opernensembles am 8./9. Juni im Coburg. Sobald diese sicher sind, informiert das Landestheater auf seiner Homepage www.landesthater-coburg.de

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