Der Verzicht auf Artikel bedeutet ebenfalls, dass Deutschland sich eine weitere Eskalationsstufe in der Auseinandersetzung mit Russland offenhält. Der Artikel wurde seit Gründung des Bündnisses 1949 nur neun Mal in Anspruch genommen, darunter allein dreimal seit dem von Russland begonnenen Angriffskrieg gegen die Ukraine - aber nie von Deutschland.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte begrüßte die von Deutschland geplanten Maßnahmen. "Die Beweise sind eindeutig", teilte der Niederländer mit. Die Nato stehe nach dem russischen hybriden Angriff in voller Solidarität an der Seite Deutschlands.
Harsche Antwort aus Moskau
Wadephul ordnete die Einbestellung des russischen Botschafters an, um ihn über die Maßnahmen zu unterrichten. Die Antwort der russischen Regierung werde wie bei früheren einseitigen und ungerechten Sanktionen ausfallen, teilte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, der Deutschen Presse-Agentur in Moskau mit.
Moskau mache Deutschland verantwortlich für die Beteiligung an Terroranschlägen gegen russische Bürger, erklärte sie. Deutschland ist der größte Unterstützer der Ukraine. "Berlin sponsert den Terrorismus", sagte sie mit Blick auf die Waffenlieferungen und Milliardenhilfe Deutschlands an die Ukraine.
Die von ihr angekündigten spiegelbildlichen Sanktionen könnten zum Beispiel die Schließung des deutschen Generalkonsulats in St. Petersburg beinhalten und die Schließung des Goethe-Instituts in Moskau.
Erhöhte Gefährdung durch hybride Angriffe schon seit Monaten
Die Bundesregierung sieht schon seit einigen Monaten eine erhöhte Gefährdung durch hybride Angriffe, vor allem aus Russland. Unter hybrider Kriegsführung versteht man eine Kombination aus militärischen, wirtschaftlichen, geheimdienstlichen und propagandistischen Mitteln. Dazu zählen auch Cyberattacken und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung - etwa vor Wahlen. Meist wird versucht, die Urheberschaft solcher Aktionen zu verschleiern.
Deutschland ist, nachdem die USA sukzessive ab 2025 ihre Hilfe zurückgefahren haben, das wichtigste Geldgeberland für die Ukraine.
Wirkt sich das auf den Wahlkampf im Osten aus?
Es gibt eine Diskussion darüber, inwieweit der Angriff Auswirkungen auf den Wahlkampf in Ostdeutschland haben könnte. Dort ist die Skepsis gegenüber der Unterstützung der Ukraine im Abwehrkampf gegen Russland und die Angst vor einem Krieg der Nato mit Russland besonders groß. Es gibt Befürchtungen, dass die AfD die Zuordnung des Angriffs für sich instrumentalisieren könnte. Andererseits dürften die Regierungsparteien Union und SPD auf die Russlandnähe der AfD hinweisen.
Bereits vor der Verkündung der Maßnahmen warf AfD-Chef Tino Chrupalla der Bundesregierung "Doppelmoral" vor und beklagte, dass es nach dem Anschlag auf die Gas-Pipeline Nord Stream 2 keine Reaktion gegeben habe. "Ich hätte es vor allen Dingen begrüßt, wenn man das auch auf den Anschlag der Ukraine auf Nord Stream gemacht hätte", sagte Chrupalla im Nachrichtensender WELT TV.
Die festgenommenen mutmaßlichen Täter des Nord-Stream-Anschlags stammen aus der Ukraine. Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft laufen noch - so wie auch im Fall der Leipziger Sprengstoff-Drohne.
Flankierende Maßnahmen der EU möglich
Wadephul wollte noch am Abend nach Irland zu einem EU-Außenministertreffen weiterreisen. Dort wird es um Konsequenzen auf europäischer Ebene gehen. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas sagte, man sehe auch in anderen Ländern, dass die Russen immer stärker provozierten. Es stelle sich also die Frage, wie man sie davon abschrecken könne, noch weiterzugehen.