Spendenaktion Grenzüberschreitende Hilfe von Schule zu Schule

Doris Hein

Mit einer gemeinsamen Sammelaktion von Hilfsgütern bewiesen Schüler und Lehrer des Gymnasiums Neuhaus am Rennweg und ihrer polnischen Partnerschule in Czchow ein Herz für Flüchtlinge.

Die Pakete mit den Spenden, die am Neuhäuser Gymnasium gesammelt und von zahlreichen Helfern verladen wurden,... Foto:  

Das Miteinander über Ländergrenzen hinweg hat am Gymnasium in Neuhaus am Rennweg eine lange Tradition. Sei es über das German American Partnership Programme, im Rahmen des Comenius-Projektes oder auf der Grundlage von Erasmus+, dem aktuellen Programm für Bildung, Jugend und Sport der Europäischen Union. Auch wenn die Coronarestriktionen in den vergangenen beiden Jahren eine Fortsetzung der Partnerschaften in der gewohnten Weise nicht erlaubten, hat man in der Bildungseinrichtung am Rennsteig die Hoffnung auf eine Wiederbelebung derselben nie aufgegeben. Nun kam der Anstoß dafür ganz anders als gedacht.

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Nach dem Ausbruch des schrecklichen Krieges in der Ukraine und dem Einsetzen der Flüchtlingsströme in Richtung friedliches Europa suchte man in der Bildungseinrichtung am Apelsberg schon bald nach Möglichkeiten, mit konkreten Aktionen zu helfen. Die schrecklichen Ereignisse waren natürlich auch unter Lehrern und Schülern ein Thema, ebenso wie teilweise im Unterricht.

Plakate mit der Forderung nach Frieden wurden gemalt und an der Tür zur Aula aufgehängt. Doch dabei wollten es die Gymnasiasten nicht belassen. „Wir wollten etwas unternehmen, was möglichst konkret und sinnvoll sein sollte“, erklärt Björn Greiner, stellvertretender Schulleiter am Neuhäuser Gymnasium.

Und so fragte man in der Schule im polnischen Czchow nach, wie man am besten helfen könne, denn bekanntlich kommen ja die meisten Flüchtlinge aus der Ukraine zunächst in Polen an. Die Verbindung zur einstigen Partnerschule hatte Greiner nie einschlafen lassen, und schon bald kam Antwort. Aus direkten Kontakten zu freiwilligen Helfern an der Grenze zwischen der Ukraine und Polen informierten die polnischen Lehrer ihre Kollegen am Rennsteig, was dort am dringendsten benötigt wird. In Neuhaus startete im Anschluss eine große Sammelaktion. Unter dem Motto „Wir helfen der Ukraine“ wurden vom 8. bis 16. März an der Schule Reis und Nudeln, Konserven und Babynahrung, Mineralwasser und Müsliriegel entgegengenommen. Hinzu kamen Hygieneartikel, medizinische Hilfsmittel, Taschenlampen, Powerbanks, Pappbecher und –teller und vieles mehr.

Enormes Feedback

„Die Resonanz war unglaublich“, betont Greiner. In der Aula wurde alles sortiert und fein säuberlich in stabile Kartons verpackt. Diese wiederum wurden mit einem kurzen Inhaltsverzeichnis in Englisch, Russisch und Ukrainisch versehen. Schließlich sollten die Empfänger nicht erst lange suchen müssen, was in welcher Kiste zu finden wäre. Auf einige „Familienpakete“ hatten die Sponsoren sogar Bilder vom Inhalt geklebt, der Verständlichkeit halber.

Auch den Transport nach Polen wollte das Gymnasium selbst schultern. In Czchow sollten die Spenden an der Partnerschule abgegeben und von dort weitergeleitet werden zur polnisch-ukrainischen Grenze.

Björn Greiner hatte sich ursprünglich erboten, mit dem eigenen Fahrzeug die Reise in die Woiwodschaft Kleinpolen anzutreten. Doch angesichts der großen Mengen an Spenden zeigte sich: das passt auf keinen Fall in einen Transporter.

Also musste eine Planänderung her. Nach einem Gespräch mit Manfred Lipfert vom Neuhäuser Busunternehmen LWW stand fest: Das Unternehmen stellt einen Bus zum Selbstkostenpreis bereit. Am Montagabend gegen 22 Uhr machten sich Björn Greiner und sein Lehrerkollege Louis Rochler mit jeder Menge Kartons im Bus auf den Weg.

Dank an viele Helfer

Für das Verladen der Fracht konnten sie dankenswerterweise auf viele Mitstreiter zählen. Der Neuhäuser Bürgermeister Uwe Scheler hatte höchstpersönliche 32 ehrenamtliche Helfer „zusammengetrommelt“ – Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren von Neuhaus am Rennweg, Lichte und Piesau sowie Kameraden der Bergwachtbereitschaft Scheibe-Alsbach, die mit Engagement und Muskelkraft dafür sorgten, dass die Spendenberge aus der Aula ihren Weg in den Bus fanden, wo alles gut verstaut wurde. Bei ihnen möchte sich das Gymnasium ebenso herzlich bedanken wie natürlich bei allen, die mit ihren Gaben die Kartons gefüllt haben. Aber auch an mehrere Unternehmen in Neuhaus und Umgebung geht ein großes Dankeschön. Sie haben nämlich den Spendentransport großzügigerweise finanziert.

„Fast 900 Kilometer und rund neun Stunden reine Fahrtzeit später sind wir an unserer ehemaligen und hoffentlich auch zukünftigen Partnerschule angekommen“, berichtet Greiner. Dort wurden sie, besonders von der Deutsch- und Englisch-Fachschaft herzlich willkommen geheißen. Diesmal übernahmen die Schüler, in einer langen Schlange, das Ausladen der mitgebrachten Hilfsgüter. Nach ersten Gesprächen über die Situation vor Ort kamen Neuhäuser und polnische Lehrer überein, zunächst einen Teil der Spenden in Czchow selbst Hilfebedürftigen zukommen zu lassen.

Gegenüber der Schule sind nämlich bereits zahlreiche Ukrainer untergebracht. Weitere sollen in einen Teil der Schule einziehen. Natürlich war es sinnvoll, für diese Flüchtlinge gleich zu behalten, was sie benötigten, ihnen quasi eine Erstausstattung aus der Neuhäuser Lieferung zukommen zu lassen. Die restlichen Kartons wurden dann von polnischer Seite zu den freiwilligen Helfern an die Grenze transportiert. Dort, so erfuhren die Besucher aus Deutschland, habe sich die Situation etwas entspannt, weil man sich inzwischen besser strukturiert habe und auch die Zahl der Neuankömmlinge nicht mehr ganz so hoch sei wie am Anfang. Wobei aber der Flüchtlingsstrom weiterhin beständig sei.

Am Folgetag wurden erste Gespräche zwischen Vertretern beider Schulen zur möglichen Neubelebung der Partnerschaft geführt. Erinnerungen an die einstige gute Zusammenarbeit bestärkten beide Seiten im Bemühen um deren Reaktivierung. So sollen noch in diesem Schuljahr erste Schülerbegegnungen stattfinden, die in den Folgejahren fortgesetzt werden. Angedacht ist auch ein gemeinsames MINT-Projekt. Langfristig soll wieder eine Zusammenarbeit über Erasmus+ angestrebt werden.

Mit vielen Ideen für eine künftige Zusammenarbeit und dem guten Gefühl, zumindest einigen Kriegsflüchtlingen und ihren polnischen Helfern mit der Spendenaktion unter die Arme gegriffen zu haben, kamen die Neuhäuser am späten Mittwochabend wieder zu Hause an.