Spendenaktion „Am liebsten alle umarmen!“

Klaus- Ulrich Hubert

Ein Suhler blieb mit seiner Familie auf Kranken-Rechnungen sitzen. Viele Spender öffneten nun einen Weg aus dem Finanz- und Bürokratie-Chaos. Die Dankbarkeit ist riesig.

Die kleine Zoë in den Armen ihres Vaters Benjamin aus Suhl: Dank Hilfe der Leser wieder in sorgenfreier Familie. Foto: uhu

Suhl/Lautzenhausen - „Was, mehr als zehntausend Euro?“ Als der Vorstand von „Freies Wort hilft“ den Spendenstand der Aktion„Grace“ durchtelefoniert, herrscht am anderen Ende der Telefonleitung im Hunsrück zunächst ungläubiges Schweigen. Binnen weniger Wochen hatten zahlreiche Südthüringer ihr Mitgefühl ausgedrückt, seit sie Anfang November unter der Überschrift „Das Familienglück hat keine Versicherung“ vom Schicksal der kleinen Familie lasen.

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Die junge Familie um den in Suhl aufgewachsenen Benjamin Kretschmann (30) und dessen ugandische Partnerin Grace Nakazibwe mit ihrem gemeinsamen neugeborenen Mädchen Zoë im Arm, konnte es zunächst kaum glauben: In ihrem beruflichen Wahl-Wohnort Lautzenhausen, 330 Kilometer von Suhl westwärts im strukturschwachen Hunsrück – direkt neben dem Billigflieger-Airport Hahn – gab es diesmal Freudentränen.

Ganz anders als noch wenige Wochen zuvor. Böse Schmerzen hatte die 25-jährige afrikanischen Mutter, nach der äußerst komplizierten Entbindung der Kleinen, mit weitreichenden bis lebensgefährlichen Zuständen und mehreren Folge-OPs. Dazu der tief besorgte Blick der Familie, als sich die Kosten für Entbindung und Behandlungen mehr und mehr aufzuaddieren begannen.

Nun Rechnungslawine?

Denn abgesehen von den schlimmen medizinischen Geburtsfolgen: Lediglich das buchstäbliche Formular „von der Wiege bis zur Bahre“ stand zwischen dem höchsten Glück der internationalen Familie und den Niederungen der Bürokratie in Uganda. Es gelang Grace nicht, eine Kopie ihrer Geburtsurkunde zu besorgen.

„Das Original? Hat meine Stiefmutter zu meinen Kinderzeiten einmal wütend zerfetzt, später aber nie wieder benötigt. Aber eben nur solange, bis ich meinen Benjamin kennenlernte. Benjamin, mit dem ich unser neues Leben gemeinsam planen wollte.“ Grace ist nicht wenig stolz, dass sie solche Sätze dank ihres Deutsch-Integrationskurses an der Volkshochschule in der Kreisstadt Simmern so gut hin bekommt.

Doch Eheschließung hier? Nicht ohne offizielle Geburtsurkunde! Die alternativ geplante, EU-konforme und bürokratisch weit unkompliziertere Hochzeit in Dänemark musste ausfallen – die Grenze zu Nachbarland war coronabedingt dicht. Das Problem: Ohne Ehe kein längeres Aufenthaltsrecht für Grace, und vor allem keine gesetzliche Krankenkasse, mitversichert bei Benjamin, der im Hunsrück als evangelischer Gemeindepädagoge arbeitet.

So erinnert sich Grace, mit süß-saurem, nun aber schon wieder deutlich optimistischerem Lächeln aus ihren großen dunklen Augen . Und lässt wissen, dass es ihr nach Wochen „mit wirklich ganz bösen Unterleibschmerzen und OP-Folgen“ längst wieder deutlich besser gehe.

„Glück kaum zu fassen“

Einer trage des anderen Last, heißt es in der Bibel. Die durch die Spenden der Zeitungsleser verringerte Last der Angst vor nicht der versicherten, aber sicher erwarteten fünfstelligen Klinikrechnung nahm endlich auch den zusätzlichen psychischen Druckschmerz von Grace.

Benjamin, der Enkel des verstorbenen einstigen Suhler Superintendenten Erhard Kretschmann, erlebte die erste Information über die riesige Hilfsbereitschaft fast wie eine Offenbarung für die Zukunft. „Endlich wendet sich das Blatt nach so vielen Kämpfen wieder zu unseren Gunsten. Als wir von den Spenden hörten, waren wir alle überwältigt. Von meiner Oma Felicitas Kretschmann, die das als Leserin und Spenderin über „Freies Wort hilft“ hilft angeschoben hatte, bis zu meiner Mama Eva-Maria. Die hatte hier vor Ort so oft es ging geholfen, dass wir im Alltag über die Runden kommen konnten. Also … wie groß die Unterstützung war … nicht nur finanziell“, resümiert Benjamin mit stockender Stimme.

Denn auch darüber hätten sich viele Menschen auf Grund des Artikels gemeldet, sagt Benjamin. „Sehr anteilnehmend. Sie boten unterschiedlichste Unterstützung an. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Mit so einem Zuspruch haben wir nicht gerechnet. „wir können heute hier nicht oft genug Danke sagen!“

Schon viel optimistischer

Nachdem die erste Spenden-Ratze ausgezahlt wurde. konnte die junge Familie eine Reihe großer Rechnungen im Kontext von Graces Schwangerschaft erst mal begleichen. Vor allem solche, die von der leider nur befristet geltenden Auslandskrankenversicherung der jungen Afrikanerin nicht übernommen worden waren. „Die Entbindung unseres kleinen neuen Erdenbürgers konnten wir dank der Spenden aus Südthüringen bereits komplett bezahlen!“ strahlt Grace. Nun schon viel, viel optimistischer.

Weshalb sie die Rechnungen für die –nach der Kaiserschnitt-Geburt fälligen – Darm-Operation und Intensivstation-Aufenthalte samt dritter Not-Operation nach Aufplatzen einer OP-Wunde noch nicht haben?

Benjamin zuckt mit den Schultern, ohne dass dies nach „tiefstem Bedauern“ aussehen könnte. Er wolle weder das Eintreffen des Klinik-Briefes noch dessen Rechnungs-Rest-Summe „beschreien“. Deshalb haben wir den Rest der so sehr segensreichen Spendengelder aus der Heimat erst mal sicher verwahrt“, sagt der ohnehin sehr sparsam wirtschaftende junge Mann, „um gegebenenfalls vorbereitet zu sein“.

Grace geht es indes immer besser. Die Schmerzen wurden ebenso weniger wie „der Druck, der schwer wegen der vielen Rechnungen auf meiner Seele lag. Dazu die ganze Situation, wann wir nun endlich wie erwachsene Menschen vor den Traualtar treten dürfen. Mit all unserer Liebe im Herzen und der kleinen Zoë im Kinderkörbchen“. Grace beugt sich liebevoll über den Baby-Stubenwagen, wischt sich mit dem Handrücken ihre tränenglänzenden Augen trocken.

Nach den angemessen passenden deutschen Bedeutungen des englischen Begriffs „liberation“ muss sie dann aber doch einen kurzen Moment lang suchen. „Befreiung“, so sekundiert Zoë Uroma Felicitas Kretschmann –ebenfalls mehr als befreit über die Tatsache: „Dass es solch wundervolle Hilfsbereitschaft in diesen komplizierten Zeiten gibt! Mir und uns allen fehlen jetzt wirklich die Worte. Wir sind so voll des Dankes über diese Nicht-Selbstverständlichkeit.“

Wie viele Spender?

Benjamin lässt Grace ihren gerade sehr leise gesprochenen kurzen Satz noch mal lauter und mit einem optimistischem Schmunzeln wiederholen: „Wir … wir würden alle Menschen, die für uns spendeten, am liebsten umarmen. Wie viele werden das sein?“

Benjamin, der aus dieser Herzensgeste keinen Kalauer machen möchte, hat dann auch noch eine gute Nachricht. Eine, die in der schier unendlichen Amtspapier-Geschichte dann doch noch einen fast realsatirereifen, vorläufigen Schluss kennt: „Die Geburtsurkunde aus Afrika! Erste Fortschritte erreicht. Kürzlich erhielten wir nun weiß Gott endlich ein Foto des in Uganda ausgestellten Dokuments.“

Dann kurze Pause. So richtig viele Gründe zum Lachen hatten Grace und Benjamin ja seit ihrer Familiengründung nicht. Aber, dass die abenteuerliche Jagd nach der amtlichen Bestätigung, dass Grace wirklich geboren wurde, einen solchen Zwischenstand zeitigte?

Benjamin muss dann doch zartbitter lachen, dass die aus Uganda nach Lautzenhausen vorabgesandte Fotokopie der Urkundenkopie zwar respektabel anmutete. „Nur leider… war nun der Name des Vaters falsch geschrieben!“ Jetzt also hofft man, die Berichtigung möge nicht auch so lange dauern, wie das Problem-Papier-Prozedere zuvor. Also ist der Plan-B einer Eheschließung wieder zum Plan A avanciert?

Plan A und Plan B

„Unser vorher erworbenes Ehefähigkeitszeugnis wurde in Dänemark bis April verlängert. Wir warten nur noch auf die Nach-Corona-Grenzöffnung, um - hoffentlich! - Anfang nächsten Jahr gemäß Plan B heiraten zu können. Komödie oder Drama? Wenn man auf die weiteren amtlichen Abläufe schaut, die noch anstehen, wäre das Einlaufen in den deutschen Ehehafen dennoch außerhalb der Sichtweite. Besserung bestenfalls bei rascher Zusendung der korrigierten afrikanischen Geburtsurkunde.

Doch auch damit wäre es noch nicht getan: „Mit 700 Euro Amtsgebühren in der Hand, müssten wir dieses Papier in Berlin zwecks Verifizierung zur Botschaft bringen. Geschätztes halbes Jahr, bevor dann beispielsweise sicher ist, dass mein künftiges Frauchen nach ugandischem Recht noch unverheiratet ist“, so Benjamin.

Doch auch dann wäre, so der Bräutigam in spe, günstigstenfalls bei raschem Abebben der zweiten oder weiterer Corona-Wellen, Ende 2021 ans amtliche Heiraten zu denken. Also: Dänemark im übernächsten Frühjahr. Hoffentlich!

Nun krankenversichert

Die Spenden halten der jungen Familie längst für den Blick nach vorn den Rücken frei. „Um den Kampf in Sachen Krankenversicherung fortzusetzen“, sagte Benjamin noch vor wenigen Tagen. Nach mehrmaliger Ablehnung „und vielen Einsprüchen, bei denen wir gut unterstützt wurden, haben wir heute endlich den ersehnten Brief erhalten: Grace, die gerade noch beklagte, dass sie hier ja nicht noch mal krank werden dürfe, ist jetzt krankenversichert!“

Ob das bedeutet, dass auch etwas von den bisherigen Rechnungen übernommen würde? „Das wissen wir noch nicht“, sagt Benjamin. Sollten sie am Ende sogar noch von den Spenden etwas übrig haben? Für Benjamin und Grace ist klar: „Dann werden wir die Hilfe, die uns aus Südthüringen zuteil wurde, gern weitergeben und Geld dem Hilfswerk wieder zur Verfügung stellen. Einfach, um andere Menschen in ähnlich verzweifelten Situationen, wie wir sie durchmachten, zu unterstützen.“