Sozialkaufhaus Hildburghausen „Es stand trotzdem kein Rolls Royce vor der Tür“

Werner Müller durfte das Sozialkaufhaus „H2Hibu“ im zweiten Lockdown weiter öffnen. Foto: /kphoto.de

Nach einigen Krisen läuft es jetzt wieder rund im Hildburghäuser Sozialkaufhaus. Im zweiten Corona-Jahr ist aber immer noch einiges anders. So kann man etwa zur Zeit noch ohne Bedürftigkeitsnachweis einkaufen.

Hildburghausen - „Heilfroh“ ist eines der Wörter, die Werner Müller gleich mehrmals fallen lässt, wenn er über das letzte Jahr spricht. Der Leiter des Hildburghäuser Sozialkaufhauses „H2Hibu“ sitzt am runden Besuchertisch in seinem Büro. Wenn er redet, huscht in manchen Momenten noch immer ein Ausdruck von Erleichterung über sein Gesicht. Vor ihm liegt eine Übersicht, die letzten zwölf Monate in wenigen Stichpunkten, gedruckt auf Recyclingpapier.

Das vergangene Jahr war für das Sozialkaufhaus, das gebrauchte Waren preiswert an Bedürftige weiterverkauft, kein Jahr wie jedes andere. Es war das zweite Jahr, in dem die Corona-Pandemie und ihre Folgen den Geschäftsalltag geprägt haben. Und zugleich war es das erste unter dem neuen Eigentümer, der P&S Service GmbH.

Das in Sonneberg ansässige Unternehmen übernahm das „H2Hibu“ im Sommer des letzten Jahres – mitten in der Pandemie also. Der vorherige Träger, die Hildburghausener Dienste, hatte kurz davor das Handtuch geworfen. „Die Tatsache, dass da in der Corona-Situation überhaupt jemand eingestiegen ist – das hat schon einen gewissen Mut erfordert“, sagt Werner Müller. In seinen Augen war die Übernahme ein Glücksfall. Außer dem Hildburghäuser Sozialkaufhaus betreibt die P&S Service GmbH noch ein weiteres Gebrauchtwarenhaus im oberbayerischen Eichstätt, der Heimat von Inhaberin und Geschäftsführerin Ruth Richter.

Unter neuem Namen öffnete die Einrichtung in der Oberen Braugasse im September vergangenen Jahres wieder ihre Türen – und zwar nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Mitarbeiter. Bei ihnen sei die Freude besonders groß gewesen, dass es nach der Phase der Unsicherheit weiterging, erzählt Werner Müller. Im „H2Hibu“ arbeiten neben vier fest auch drei über ein Landesprogramm Angestellte, sieben Bundesfreiwilligendienstleistende und 29 „1-€-Jobber“. Außerdem gibt es noch eine weitere Kooperation mit dem Jobcenter, über die Arbeitslose bei der beruflichen Eingliederung unterstützt werden sollen. Als der alte Träger seinen Rückzug angekündigt hatte, waren die Menschen, die über eine solche Wiedereingliederungsmaßnahme im Sozialkaufhaus gearbeitet haben, an das Jobcenter zurücküberstellt worden.

Seit der Wiedereröffnung haben die Angestellten laut Werner Müller über 48 Tonnen Möbel und 65 Elektrogroßgeräte gesammelt. Die Waren wurden wiederaufbereitet und haben anschließend ein zweites Leben bei einem neuen Besitzer bekommen. Darauf ist Werner Müller, der sehr auf Nachhaltigkeit bedacht ist, besonders stolz. Als noch größeren Erfolg zählt er allerdings, dass sechs Personen, die an Maßnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung teilgenommen hatten, tatsächlich eine Arbeit gefunden haben – drei von ihnen auf dem freien Markt. „Die haben von unseren Kassenerfahrungen profitiert“, sagt der Geschäftsstellenleiter.

Der Eigentümerwechsel war keineswegs die einzige Krise, die das Sozialkaufhaus in der jüngeren Vergangenheit durchstehen musste. Im ersten Lockdown hatte die Einrichtung wie viele andere schließen müssen – zum großen Nachteil von Kunden und Mitarbeitern, die nicht selten auch eine Person sind. Für diejenigen, die es (noch) nicht in ein Anstellungsverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt geschafft haben, ist das Sozialkaufhaus nämlich meist in beiderlei Hinsicht eine wichtige Anlaufstelle. Sie finden durch ihre Arbeit eine sinnvolle Beschäftigung, soziale Kontakte und eine feste Tagesstruktur, sie bessern ihr Arbeitslosengeld II auf, kaufen aber auch selbst günstig dort ein. Als all das wegbrach, litten viele psychisch und finanziell. Per Telefon hatte Werner Müller damals versucht, Kontakt zu ihnen halten. „Bei manchen habe ich gemerkt, dass sie gehungert haben“, erinnert er sich. „Das war eine echt wirtschaftliche Notlage für sie.“

Damit sich das nicht wiederholt, hat der Geschäftsstellenleiter vor dem zweiten Lockdown ein Hygienekonzept beim Gesundheitsamt eingereicht – und erreichte tatsächlich, dass das Sozialkaufhaus auch bei hoher Inzidenz weiter öffnen konnte. Die Arbeitsgelegenheiten, die durch das Jobcenter gestützt werden, blieben erhalten. Dass während der gesamten Corona-Zeit nur drei Personen aufgrund einer Infektion mit dem Virus ausgefallen seien und dass im zweiten Lockdown die Grundversorgung aufrecht erhalten werden konnte, darüber ist Werner Müller ebenfalls „heilfroh“, wie er sagt.

Den Wirren der Corona-Pandemie ist schließlich noch eine weitere Besonderheit zu verdanken, die auch aktuell noch gilt: Nach Absprache mit der Industrie- und Handelskammer ist der Verkauf bis zum Jahresende gänzlich offen, müssen Kunden also keinen Berechtigungsschein vorlegen, wenn sie im Sozialkaufhaus einkaufen. Normalerweise ist das nicht erlaubt, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Zu einem Ansturm oder sichtbaren Missbrauch habe die Sonderregelung laut Werner Müller aber bisher nicht geführt. „Es stand trotzdem kein Rolls Royce vor der Tür“, so der Geschäftsstellenleiter.

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