Sonneberger Wasserstoff-Projekte werden unterstützt „Respekt, was in so kurzer Zeit hier alles geleistet wurde“

Cathrin Nicolai

Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee bringt den Scheck für den Aufbau des Instituts für angewandte Wasserstoff-Forschung persönlich in Sonneberg vorbei.

Neben der Vorstellung der Aktivitäten bleibt Zeit für kleine Gespräche. Foto:  

Sonneberg - Dass in den Räumen der IHK-Niederlassung in Sonneberg ein Institut für angewandte Wasserstoff-Forschung bereits seine Arbeit aufgenommen hat, war bisher nur an einem kleinen Schild an der Eingangstür erkennbar. Doch seit Mittwoch ist das anders. Thüringens Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee persönlich brachte zusammen mit IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas und dem Institutsleiter Ulrich Palzer das neue blaue-gelbe Metallschild „HySON“ an. Erst dann ging er zum eigentlichen Grund seines Besuches – der Übergabe eines symbolischen Schecks in Höhe von rund drei Millionen Euro – über.

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Im Sitzungssaal bedankt sich der Institutsleiter Ulrich Palzer für die umfangreiche Unterstützung in den letzten Monaten. So hat das Thüringer Wirtschaftsministerium nicht nur für die Anlaufprojekte und die Erstausstattung finanzielle Hilfen zugesichert, sondern auch für den Neubau eines Firmensitzes das Go gegeben. „Ich hoffe, wir sehen uns im August zum Spatenstich wieder“, blickt er voraus. Auf dem ehemaligen Güterbahnhofs-Gelände soll dann schon ein neuer Sitz für das Institut gebaut werden. Die Kosten dafür sind mit 6,5 Millionen Euro veranschlagt und sollen zur Hälfte vom Land gefördert werden. Dann übergibt er an Joachim Löffler, der alle Aktivitäten zum Thema Wasserstoff begleitet. „Ich selber bin erst vor zwei Jahren auf diesen Zug aufgesprungen“, gibt er offen zu.

Die Anfänge der Wasserstoff-Entwicklung in der Region gehen auf die Firma Kumatec in Neuhaus-Schierschnitz zurück. Aus Firmensicht suchte man nach neuen Produkten und entwickelte 2011 einen Energiespeicher. Ein Wasserelektrolyse-Systems entstand und man konnte damit Wasserstoff produzieren. Wo aber damit hin? „Wir haben deshalb die ersten brennstoffzellenangetriebenen Autos gekauft, die diesen nutzen“, erklärt der Geschäftsführer. Kurze Zeit später folgte das Projekt „localhy“, bei dem das Wasserelektrolyse-System auf der Kläranlage entwickelt und umgesetzt werden sollte. Ende vergangenen Jahres konnte man es erfolgreich abschließen und mit einer neu entwickelten Tankstelle brennstoffzellenangetriebene Fahrzeuge mit Wasserstoff betanken oder mittels eines neuartigen Kreislaufverbrennungsmotors zurückverstromen. Die nächsten Schritt folgten mit dem H2Well-Bündnis und einem Förderverein. Der, so weiß Vorstand Bernd Hubner, erfreut sich immer größerer Beliebtheit, konnten in letzter Zeit 14 neue Firmen und sechs weiter Institutionen als Mitglied aufgenommen werden. „Wir wollen unser Wissen hier austauschen und andocken“, macht er deutlich.

Gleichzeitig war man sich einig, dass man für das weitere Vorankommen ein Forschungsinstitut benötigt. Das wurde im März dieses Jahres offiziell gegründet und hat seine Arbeit bereits aufgenommen. „Das war innerhalb von einem Vierteljahr eine wirkliche Herausforderung“, schätzt Institutsleiter Ulrich Palzer ein und ist der Meinung, dass in diesem Moment Corona von Vorteil gewesen ist. „Zu Nicht-Pandemie-Zeiten wäre das nicht so schnell geglückt.

Neun Mitarbeiter, die aus unterschiedlichen Bereichen und von verschiedenen Fachhochschulen kommen sind seit kurzem hier tätig. „Im Moment haben wir viele Nachfragen, was man mit Wasserstoff machen und wo man ihn einsetzen kann“, erzählt der wissenschaftliche Leiter Tobias Wätzel. Als drei große Aufgaben widmet man sich der Überprüfung des Leitungsbestandes für den Transport von Wasserstoff, der Anwendung von Elektrolyseprodukten in der Medizin und der Zerlegung von Ammoniak für den Transport von Wasserstoff.

Forschung und Entwicklung ist jedoch nur eine Seite. „Man muss die Technologie erlebbar machen“, sind sich Bernd Hubner und Joachim Löffler einig. Recht deutlich wurde das am Tag der Franken, als viele die Möglichkeit, mal mit einem Wasserstoffzug oder -bus zu fahren, genutzt haben. „Schon bald wird man die Elektrolyse und die Nutzung des Wasserstoff auch in einem Schaufenster im Sonneberger Rathaus nachvollziehen können“, verrät Joachim Löffler. „Wir sind also schon ein ganzes Stück vorangekommen“,sind alle Beteiligten zufrieden Daran müsse man jetzt anknüpfen. Konkret gehe es darum, die bereits entwickelten Produkte auch einzusetzen. So möchte man sich mit der Elektrolyse-Tankstelle an der Ausschreibung für das Schwarzatal-Projekt bewerben.

Schon jetzt gilt es, an die Ausbildung der entsprechenden Fachkräfte zu denken. Doch auch das hat man zusammen mit der IHK schon einen Plan. Anfangs noch als Zusatzausbildung der Mechatroniker soll an der Berufsschule der Beruf eines Wasserstoff-Technikers installiert werden. „Neben den Fachkräften fehlt es leider auch noch an Betrieben, die den Mut haben, in die neue Technik zu investieren“, bedauert er.

„Universitätsforschung, angewandte Forschung und die Anwendung in der Praxis sind die drei Dinge, die zusammengehören und für ein Vorankommen wichtig sind“, betont Mark Jentzsch, der als Professor der Bauhaus-Uni Weimar, das Sonneberger Wasserstoff-Projekt von wissenschaftlicher Seite begleitet. Dem kann Wolfgang Tiefensee voll und ganz zustimmen. Nachdem er das alles gehört hatte, ist er sich sicher, dass sich Sonneberg zu einem Hotspot beim Wasserstoff entwickeln könnte. „Hoher Respekt, was sie bisher schon alles geschafft haben und das in einer atemberaubenden Geschwindigkeit“, sagt er und hofft, dass man nun auch weitere Investoren findet. „Wasserstoff wird eine zentrale Rolle im Energiesystem der Zukunft spielen“, ist sich Wolfgang Tiefensee sicher. Bis dahin seien allerdings noch erhebliche wissenschaftliche und technologische Vorarbeiten zu leisten – insbesondere um die Erzeugung und den Einsatz von Wasserstoff wirtschaftlich zu machen. „Mit dem Institut wollen wir die derzeit noch bestehende Lücke zwischen Erforschung und Anwendung der Wasserstofftechnologien schließen“, so der Minister. Allerdings sieht er ganz persönlich in „seiner gläsernen Kugel“ für die Zukunft, dass sich Deutschland wohl nicht für die Herstellung von Wasserstoff qualifizieren wird. „Das sehe ich eher andere Länder“, meint er, denkt aber, dass man beim Transport, der Speicherung und der Anwendung auf jeden Fall mitspielen wird. „Bleiben sie dran und vor allem seien sie schnell“, bittet er alle Beteiligten und verspricht, dass sein Ministerium soweit es möglich ist oder „solange das Geld reicht“ unterstützen wird.