Sonneberg/Steinach Marolins Aufbruch in den Westen

Von Roland Wozniak

Aufwendige Dreharbeiten begleiteteten die Fernsehdokumentation über den Oktober 1990 - ein Kapitel erzählt die über 100-jährige Geschichte eines Steinacher Traditionsbetriebes. Hier ist der Beitrag boch einmal zu sehen.

Steinach - Es waren Bilder, die um die Welt gingen: Jubelnde Menschen in ganz Deutschland liegen sich in den Armen und feiern überschwänglich die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. In der dreiteiligen Serie "1990 - Aufbruch zur Einheit" lag der Fokus des MDR  auf der Region Mitteldeutschland und der Geschehnisse in seinen kleinen Orten. 

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Ein Kapitel der Serie aus dem Jahr 2010 widmet sich dem Neubeginn der Steinacher Firma "Marolin." Der Betrieb mit seiner inzwischen über 100-jährigen Geschichte wurde wie so viele 1972 verstaatlicht. Im Juni 1990 kam Marolin wieder in Familienbesitz. Der Neubeginn war geprägt von herben Rückschlägen. Was in den folgenden Jahren geschah, mutet an wie ein Märchen aus unseren Tagen. Die Wendezeit bei Marolin hat alle dramaturgischen Zutaten für eine filmische Geschichte. Und so ist es kein Zufall, dass die Firma "Marolin" in der Dokumentation mit ihrer Wende-Geschichte vertreten sein wird.

Die Zeiten, als Dokumentarfilme ausschließlich aus Zeitzeugenberichten, Dokumenten und vergilbten Fotos bestanden, sind längst vergangen. Insbesondere der Mitteldeutsche Rundfunk widmet sich den Themen auf seine eigene neuartige Weise. So sind nachgespielte historische Szenen aus heutigen Dokumentationen nicht mehr wegzudenken. Die Ereignisse von 1989/90 wurden in Reenactment-Szenen am Originalschauplatz nachgestellt. Dieser Tage war das Team der Leipziger Produktionsfirma LE Vision Film- und Fernsehproduktion GmbH einen ganzen Tag vor Ort in Steinach und drehte die Zeit zurück. Produktionsräume, Büro und der Keller von Marolin wurden in den Zustand vom Frühsommer 1990 zurückversetzt, alles was nicht in die Zeit passte, wurde akribisch aus dem Bild geräumt, selbst die alten Kittelschürzen von einst kamen wieder zum Einsatz.

In den engen Räumen wurden Gleise verlegt, um die Kamerafahrt auf dem Dolly zu ermöglichen und alles wurde ins rechte Licht gesetzt. Für den Staub während der Aufräumarbeiten im Keller musste eine Nebelmaschine herhalten und ein großer Scheinwerfer ließ einen Sonnenstrahl durchs Kellerfenster huschen.

Die Protagonisten von einst wurden von Schauspielern dargestellt. So übernahm die Rolle von Evelin Forkel, der Chefin und Urenkelin des Firmengründers die Schauspielerin Yvonne Driebusch und die Rolle ihres Vaters Walter Greiner wurde von Hans Ulrich Wölfel gespielt. Der heute bei Marolin beschäftigte Steinacher Christian Heyn spielte einen Arbeiter jener Tage und auch die Drückerinnen und Malerinnen wurden von Mitarbeiterinnen dargestellt.

Für Evelyn Forkel war es sicher eine ungewöhnliche Situation sich selbst vor zwanzig Jahren zu sehen und auch die Erinnerungen an den 1994 verunglückten Vater waren sehr lebendig. "Wir sind froh dass man sich so für unsere Geschichte interessiert", sagt Frau Forkel, auch wenn die eine oder andere Szene aus dramaturgischer Sicht vielleicht etwas anders gespielt wurde, als sie in der Erinnerung haften blieb.

Frau Forkel erinnert sich an den Neustart vor zwanzig Jahren, "Die Fertigung der Papiermachéfiguren wurde ja schon 1978 eingestellt, aber die Spieltiere und auch Krippenfiguren aus Kunststoff waren beliebt und fanden reißenden Absatz. Die Krippenfiguren aus Kunststoff wurden zu der Zeit in drei Größen angeboten und gingen zu DDR-Zeiten ausschließlich in den Export."

"Wir waren zuversichtlich, dass wir mit unserem Sortiment bestehen können", schildert Frau Forkel die Situation vom Neubeginn. "Der Verkauf gen Westen war ein Flop, nicht einmal im Osten waren unsere Figuren mehr gefragt. Die erste Herbstmesse in Leipzig 1990 brachte gerade mal einen Auftragswert von fünftausend DM ein und zu Hause waren achtzig Mitarbeiter, die auf Lohn und Arbeit warteten. Mein Vater reiste persönlich nach Nürnberg zum Verein deutscher Spielwareneinzelhändler, um unser Sortiment zu vermarkten. Es wurden neue Verpackungen kreiert, unsere Spieltiere wurden mit Farben gestaltet, die der neuen Euronorm entsprachen. Wir beteiligten uns mit einem kleinen Stand an der Nürnberger Spielwarenmesse. Es kam zwar zu ersten Aufträgen für Spieltiere, aber der erhoffte Zulauf blieb aus."

Szenisch nachgestellt wurde auch das Bemühen, das alte Rezept der Papiermachéfiguren wieder zu finden. "Die alten Figuren haben mich schon immer fasziniert, man müsste diese doch wieder ins Leben rufen können" erzählt Frau Forkel. "Wir sind zu den ganz alten Mitarbeitern gegangen und fragten jeden, wie das denn damals mit der Rezeptur war. Aber alles vergebens, keiner konnte sich erinnern."

Und so war es wie eine Fügung des Schicksals, als man bei Aufräumarbeiten im Keller mehr zufällig eine Tür von innen schloss, die jahrelang offen stand und an der man fast tagtäglich vorbeiging. An der Rückseite der Tür heftete, total vergilbt, ein alter Zettel. Es waren die Notizen von Masse-Maxe, demjenigen, der über Jahre die Masse für die Figuren angesetzt hatte. Man hatte jetzt zwar die Bestandteile, aber in welchem Verhältnis diese gemischt werden mussten, wusste man nicht. Und so wurden über Weihnachten mit den Mitarbeitern die ersten neuen Figuren aus Papiermaché gebastelt. "Es war kalt in den Betriebsräumen, die Heizung ging noch nicht. Die Figuren klebten noch, als wir zum Jahresbeginn 1992 zur Nürnberger Spielzeugmesse fuhren." (Der Beitrag wurde 2010 erstmals veröffentlicht).