Sonneberg Appell wider die Angst vor der Momentaufnahme

Der Sprecher der Ärzteschaft im Landkreis verwahrt sich gegen einen allzu alarmistischen Grundton im Zusammenhang mit der medialen Darstellung des Pandemiegeschehens.

Sonneberg - Man darf aus der Stellungnahme, die Christian Franke am Mittwoch Freies Wort übermittelte, durchaus Presse- und Behördenschelte herauslesen. So hatte die Zeitung unter Verweis auf die entsprechende Landratsamt-Mitteilung vom 27. April tags darauf auf der zweiten Seite der Ausgabe eine Kurzmeldung getitelt mit "Corona-Zahlen: Kreis Sonneberg schlägt Alarm". Dass Franke, Obmann der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Landkreis, einem solch alarmistischen Grundton nicht viel abgewinnt? Wird deutlich. Namens der Ärzteschaft warnt der Internist vor "unsachgemäßer Überinterpretation und rät zu einer unaufgeregteren Darstellung der Zahlen und Fakten". In einer gemeinsamen Erklärung der Regionalstelle Sonneberg der KV Thüringen und des Vereins "Berufsverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner in Thüringen" wird mithin "Mäßigung" in lokalen Meldungen angemahnt.

Fünfter Todesfall im Landkreis Sonneberg

Das Gesundheitsamt des Landkreises Sonneberg verzeichnet sechs neue Covid-19-Fälle. Zudem ereilte die Behörde am Vormittag die traurige Meldung, dass ein Corona-positiver Mann Ende 80 im Krankenhaus verschieden ist. Im Kreisgebiet gibt es damit nun fünf Tote, die mit dem Sars-CoV 2-Virus infiziert waren, so das Sonneberger Landratsamt in seiner Mitteilung vom späten Donnerstagnachmittag.

Bei den Neuinfektionen handelt es sich um drei Frauen Ende 40, Anfang 50 und Mitte 70 und um drei Männer. Zwei Infizierte sind Ende 70, ein weiterer Ende 40. Das Gesundheitsamt ermittelt - weiterhin auch am Wochenende und am Feiertag - derzeit weitere Kontaktpersonen nach Vorgaben des Robert Koch-Instituts. Sind diese ausfindig gemacht, kann fallspezifisch Quarantäne angeordnet werden.

Die Zahl der registrierten Infektionen steigt von 106 auf 112 im Kreisgebiet, wohingegen die Zahl der Genesenen unverändert bei 44 bleibt.

Auch über das lange Wochenende ist die Hotline für Reiserückkehrer erreichbar. Diese ist zusätzlich am ersten Maifeiertag bis Sonntag, 3. Mai, jeweils von 9 bis 12 Uhr unter (03675)871 500 freigeschaltet.

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Nun war es - das bleibt vonseiten der Zeitung anzufügen - eine Woche, in der in den Freies Wort -Ausgaben von Montag bis Mittwoch jeden Tag ein Sterbefall zu bilanzieren war. Zudem sprach das Landratsamt unter Verweis auf sechs weitere, positiv auf Sars-CoV-2 getestete Fälle am 27. April von einem "sprunghaften Anstieg der Ansteckungszahlen" und schlug "Alarm".

Der Werdegang von der Information zum Aufreger? Verstärkte sich durch Presse, Funk und Fernsehen. Dies, so schildert Franke, löste dann die nächste Aufmerksamkeits-Welle aus: Mehrere Anfragen zu Interviews bis hin zum MDR, Anrufe der KV Thüringen, vieler Ärzte, besorgter Bürger und Patienten mit der Bitte um Stellungnahme mussten von verschiedenen ärztlichen Vertretern beantwortet werden.

Auf die Wortwahl achten

Dem Handwerk von Journalisten und Öffentlichkeitsarbeitern - eben mit Signalwörtern zu reizen - stellt der Mediziner seine Kritik gegenüber: "Darstellungen wie Alarm schlagen, Hochschnellen, im Kreisgebiet grassierende Pandemie, deutlich über dem Landesdurchschnitt, die am stärksten betroffene Region, besorgniserregend, Brennpunkt, Hotspot oder andere Superlative sind angesichts der tatsächlichen Situation aus ärztlicher Sicht nicht angemessen und haben das Potenzial, große Teile der Bürger eher zu verunsichern." Man laufe hierdurch Gefahr, dass durch überzogene Darstellungen die Akzeptanz für allgemeine, Corona-bedingte Einschränkungen sinkt.

"Wir beobachten seit einiger Zeit mit Sorge diese Art der medialen Darstellung. Aus unserer Sicht sollten aber Mitteilungen offizieller Stellen und Behörden ausschließlich der seriösen Information und Aufklärung dienen, gerade um die Akzeptanz für die medizinisch notwendige Fortsetzung der Maßnahmen des Infektionsschutzes aufrecht zu erhalten."

Aus Sicht der in der KV organisierten Mediziner im Kreis sind zwei wichtige Sondereffekte für die im Landkreis Sonneberg im Vergleich zu anderen Regionen gering abweichenden Zahlen zu vermuten:

Wer viel testet, reduziert bewusst die Dunkelziffer und muss selbstverständlich mit höheren Fallzahlen rechnen.

Die geographische Lage, wodurch sich die engen beruflichen und sozialen Bindungen zu den Bayerischen Nachbarstädten und Unterschiede bei Schutzmaßnahmen deutlicher auswirken können.

Die Tests ausgeweitet

Im Landkreis Sonneberg erfolgte vergleichsweise früh die Einrichtung eines landkreisweiten Krisenstabes unter Einbeziehung der ambulant und stationär tätigen medizinischen Fachkräfte und zwar wenige Tage nach Bekanntgabe erster Fälle in Thüringen und der Bundesrepublik, erinnert Franke. In lobenswert enger Kooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringens und den regionalen Vertretern der Vertragsärzte, Kliniken, dem DRK und Behörden erfolgte schneller als anderswo der Aufbau einer zentralen Abstrichstelle. "Als erster Landkreis überhaupt eröffnete in Sonneberg am 23. März eine Röntgen- und Fieberpraxis als Teil des Katastrophenschutzes - lange vor anderen thüringischen oder bundesweiten Regionen. Sehr früh wurde seitens des Krisenstabes des Landkreises den Empfehlungen der Ärzte und des DRK gefolgt, möglichst viele Testungen nicht nur bei Verdachtsfällen, sondern auch bei medizinischem Fachpersonal und Hochrisikogruppen durchzuführen." Noch einen zweiten Aspekt bittet der KV-Obmann im Blick zu behalten: "Da wir an der Landesgrenze liegen und der Kreis im Fall von Sonneberg-Neustadt besonders dicht besiedelt ist, der Landkreis Sonneberg besonders eng mit Coburg verflochten ist, kommt es unweigerlich zur stärkeren Durchmischung und somit zu nachvollziehbar veränderten Fallzahlen." In Bayern verzeichne man aktuell rund 320 Corona-Fälle je 100 000 Einwohner, in Thüringen sind es 101 (Stand RKI, 29. April, 0 Uhr).

Statistische Tages-Effekte

Die relative Anzahl der Fälle je 100 000 Einwohner lag - Stand 29. April, 13.40 Uhr - für den Landkreis bei 173, die absolute Anzahl bei 97. Das ist im Thüringer Durchschnitt mehr, im Bayerischen weniger. Franke erläutert: "Die bloße Betrachtung derartiger Kennzahlen kann bei insgesamt niedriger Häufigkeit zum Teil tageweise deutliche statistische Effekte bedingen, die auch immer nur eine Momentaufnahme des gesamten Geschehens darstellen. Die Sonneberger Zahlen haben daher sicher weniger mit Fehlleistungen des Gesundheitswesens, der Bevölkerung oder mangelnder Hygiene zu tun."

Franke, ärztlicher Leiter und geschäftsführender Gesellschafter des Facharztzentrums in der Sonneberger Gustav-König-Straße, übermittelt stellvertretend für seine Berufskollegen abschließend den Kreis-Bürgern ein Dankeschön für das Erreichte: "Wir wollen den Menschen Mut machen, die strengen Hygienemaßnahmen und das konsequente Tragen von Mundschutz in öffentlichen Einrichtungen inklusive Arztpraxen durchzuhalten - denn dann sind die vertragsärztliche, stationäre Versorgung, der kassenärztliche Notdienst und der Rettungsdienst im Falle weiter steigender Zahlen für den kalkulierten Normalbetrieb gut gerüstet und weitere Lockerungen verkraftbar." anb

 

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