Im Original ist das sprachlich hübscher: "I used to walk into a room and just go "Ta-da"! Now i tiptoe, just in case". In diesem Zitat steckt auch die Erklärung für den Serientitel "Tip Toe" (auf Zehenspitzen gehen).
"...eine Flutwelle, ein gewaltiger Tsunami, wir sind mittendrin"
Der Monolog bringt den Verlust der Sicherheit auf den Punkt, den viele queere Menschen empfinden, durch gesellschaftliche Vorurteile, wieder wachsende Feindseligkeit, Online-Hass, Angst vor Gewalt, reale Gewalt - wie sie sich zuletzt ja auch in Deutschland beim islamistischen Terroranschlag am Rande des Berliner Christopher Street Days (CSD) am 25. Juli zeigte.
Das alles führt im Alltag womöglich dazu, vorsichtiger zu agieren und damit unauffälliger und wieder weniger sichtbar zu werden.
Wenn er im Jahr 1996 nach 2026 gefragt worden wäre, hätte er sich glanzvolle Zeiten vorgestellt, sagt Melba. Doch stattdessen: wachsende Homophobie, Bösartigkeiten, Verachtung. "Es ist zurück... es ist ein Sturm, eine Flutwelle, ein gewaltiger Tsunami, wir sind mittendrin."
Mit "Queer as Folk" schuf der heute 63-jährige Russell T Davies vor über einem Vierteljahrhundert eine bahnbrechende Serie über Homosexuelle. Die Grundhaltung war hoffnungsvoll, alles werde schon liberaler werden mit der Zeit.
Die "Queer as Folk"-Zuversicht von 1999 ist 2026 verflogen
Die Serie spielte in Manchester - ein US-Remake später in Pittsburgh - und verhandelte allerhand Probleme einer Clique junger Schwuler. Auch das neue Drama ist in Manchester angesiedelt, doch der Optimismus ist verflogen.
Die am Ende exekutierte Serienhauptfigur hält den aktuellen Backlash gegenüber queeren Menschen nur für vorübergehend. Das Pendel schwinge halt immer hin und her, sagt Leo an einer Stelle.
Melba, sein Bar-Stammgast und Freund, hat da eine andere Meinung und einige Thesen parat: Die Feinde der Queers haben ihre Opfer ausgetrickst. Sie haben einfach abgewartet. Sie haben alle ihr Coming-out machen lassen, so dass sie nun ungeschützt dastehen und Zielscheibe werden können.
Ohne seinen Namen zu erwähnen, kommt auch der US-Präsident vor. Der Präsident habe mit seiner Politik und Rhetorik diesen Leuten die Erlaubnis gegeben, alle Nicht-Heteros anzugreifen. "Sie haben uns schon immer gehasst, nur jetzt müssen sie nicht mehr so tun, als wäre es anders."
"Tip Toe" im Überblick
- Die fünfteilige Miniserie startet am 13. August (3 Episoden am 13.8., Folge 4 am 20.8. und Folge 5 dann am 27.8.)
- Die Serie stammt von Russell T Davies, einem der wichtigsten Autoren der (schwulen) TV-Geschichte, dem Schöpfer von "Queer as Folk" (1999), "A Very English Scandal" (2018), "Years and Years" (2019), "It's a Sin" (2021).
- In den Hauptrollen sind Alan Cumming und David Morrissey zu sehen.
- In Großbritannien lief "Tip Toe" beim öffentlich-rechtlichen Channel 4.
- Die Produktion wurde von Kritikern überwiegend positiv aufgenommen.
- Das Ende der Serie sorgte für heftige Debatten im Vereinigten Königreich, ob es tatsächlich so schlimm um die gesellschaftliche Lage bestellt ist.