Rackete hatte nach der Rettung von Migranten vor der libyschen Küste zwei Wochen auf dem Meer vergeblich auf eine Erlaubnis zum Anlegen in Italien gewartet. Sie rechtfertigte ihr unerlaubtes Anlegen mit der verzweifelten Lage an Bord und der Sorge um die Migranten. Italien will keine NGO-Schiffe anlegen lassen, wenn es keine Sicherheit gibt, dass die Migranten auf andere EU-Staaten verteilt werden.
"Es gab keine Notlage", sagte der Staatsanwalt Luigi Patronaggio am Montagabend. Sea-Watch habe außerhalb des Hafens ärztliche Hilfe bekommen und im ständigen Kontakt mit der Marine gestanden.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte wenige Tage vor dem unerlaubten Einlaufen in Lampedusa einen Eilantrag unter anderem von Rackete abgelehnt, mit dem Schiff in Italien anlegen zu dürfen.
"Seenotrettung ist ein seit langem bestehender humanitärer Imperativ, der auch völkerrechtlich vorgeschrieben ist", sagte der Sprecher von UN-Generalsekretär Antonio Guterres, Stephane Dujarric, in New York. Den Einzelfall Rackete wollte er nicht kommentieren, sagte aber: "Kein Schiff oder Schiffsführer sollte von Geldstrafen bedroht sein, wenn er Booten in Seenot zu Hilfe kommt, bei denen Menschen sonst ihr Leben verlieren würden."
"Ich denke, der internationale Druck auf die italienische Regierung wird einiges bewirken", sagte der Vater der in Kiel geborenen und in Niedersachsen aufgewachsenen Kapitänin, Ekkehart Rackete, der Deutschen Presse-Agentur. Er halte Italien "nach wie vor" für einen souveränen Rechtsstaat und mache sich keine großen Sorgen um seine Tochter. Am Sonntag habe er mit ihr telefoniert: "Sie ist lustig und guter Dinge und sieht der ganzen Sache eigentlich gelassen ins Auge."
Die deutschen Kapitäne stellten sich hinter die junge Frau. Schauspieler Til Schweiger bezeichnete die Festnahme der Kapitänin als skandalös. Die Organisation Seebrücke rief aus Solidarität mit der Sea-Watch-Kapitänin zu Demos auf. Deutsche Politiker forderten eine Lösung der Flüchtlingsfrage auf europäischer Ebene.
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) rief die Seenotretter zu Selbstkritik auf. Die Organisationen sollten vermeiden, mit ihrer Arbeit falsche Signale zu senden und so das Geschäft der Schlepper zu befördern, sagte er der "Bild"-Zeitung (Montag).