Schwergewichtiges Orakel aus Sonneberg Diese Hundert-Kilo-Sau tippt auf Deutschland

Das Orakel aus der Sonneberger Altstadt hat gesprochen: Demnach gewinnt die deutsche Nationalelf den Einstieg ins EM-Turnier gegen den aktuellen Weltmeister.

Sonneberg - Natürlich hat Freies Wort auch Bruno gefragt. Doch der Bulle aus dem Neufanger Tiergarten, der im Juni 2018 verlässlich tierische Tipps gab zum Ausgang der Deutschlandspiele bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland, ließ sich nicht zum Wiederholungstäter erweichen. Zu schmerzlich, so ließ der Stier seine Pressesprecherin verlauten, sei ihm die Erinnerung an den verpassten Einzug ins Achtelfinale – tatsächlich hatte Bruno vorm Anpfiff die Löw-Elf gegen Südkorea vorne gesehen.

Enteiert und gehörnt von einer No-Name-Truppe? Nein, noch mal wolle sich Bruno mithin nicht zum Deppen machen lassen.

Man muss es ihm wohl zugestehen.

Umso erregter sprang am Montag Monika in die Bresche – eine mit keinem Wasser gewaschene Fußball-Freundin aus der Sonneberger Altstadt. Und in der Metropolregion zwischen Kleinem Markt und Oberer Marktstraße unwidersprochen der borstigste Fan des deutschen WM-Helden von 2014, Sebastian Schweinsteiger.

Die Geschichte von Monika und ihrem Meister war schon mehrfach Thema einer Homestory in Freies Wort – und wurde zwischenzeitlich sogar vom MDR verfilmt. Die Kurzform: Im Frühjahr 2007 war der Wildfleisch-Liebhaber Klaus Zitzmann von einem befreundeten Jäger aus Oberfranken angerufen worden, ob er nicht Interesse an einem Frischling hätte. Klar, bekennt Zitzmann noch heute. Allerdings habe er damals nicht geahnt, dass ihm sein Kumpel abends an der Tür einen verwaisten, nur ein paar Tage alten drolligen Frischling in die Hand drückt. Mitsamt der Bitte, doch die Patenschaft für den Mini zu machen. Liebe auf den ersten Blick war es nicht, sagt der Antiquitätenhändler. Und ein Happen zwischendurch schon gar nicht – „das wog ja in der Hand nicht mehr als ein Meerschweinchen“. Er habe die Tür also wieder zugezogen, auf dass das Duo abziehen möge.

Am Schluss war’s die Frau, die der Sau Asyl gewährte. Und Familie und Findling fanden hernach innig zusammen. Als Flaschenaufzucht, Monika getauft, durfte das Ferkel irgendwann sogar mit ins Ehebett. Und weil das „Mädchen“ sich laut dem 57-Jährigen „als gelehriger als ein Hund und reinlicher als ein Kätzchen“ erwies, gab’s keine Hygieneprobleme. „Die ist aus dem Bett raus, zum Katzenklo rüber und dann sofort wieder unter die Bettdecke gekrochen.“ Dem Nesthäkchen-Status ist Monika längst entwachsen. Hundert Kilo hat sich das Tier die Jahre über angefressen. Von daher dient ihr als Schweinebucht mittlerweile nicht mehr das Bett, sondern ein Gehege oberhalb der Alten Schule, das Zitzmann seiner graubraunen Lebensabschnittsbegleiterin sorgsam hergerichtet hat.

Für Freies Wort war es ansonsten gar nicht so leicht, überhaupt Kontakt aufzunehmen zu ihr. Waren Zitzmann und seine Sumbarcher Sau früher regelmäßig beim Gassigang im Grünthal anzutreffen, so hat dem das Gesundheitsamt für Tiere im Landratsamt zuletzt den Riegel vorgeschoben. Monika muss nämlich Quarantäne halten – der fortschreitenden Schweinepest wegen.

Doch auch ohne Mundschutz und Abstandspflicht erschließen sich ihre Fußballerqualitäten sogar dem oberflächlichen Beobachter. Im Sturm ist sie nicht aufzuhalten, betont ihr Trainer. Wer sich ihr in den Weg stellt, droht überrannt zu werden. Auch an Kondition ist kein Mangel – bis Tempo 60 schaffe sie lässig nebenher mitzuhalten, wenn er im Auto aufs Pedal tritt. Alles was rund ist – Kartoffeln, Äpfel, Birnen, Brotlaibe – versenkt sie zudem mit torsicherer Zielgenauigkeit.

Allein die Mann-Deckung hat noch nicht geklappt. Im besten Teenager-Alter, so um 2012 herum, sei sie ihm einmal ausgebüxt, erzählt Zitzmann mit einem Schmunzeln. Nach einem Vierteljahr – „es ging halt auf den Winter zu“ – stand sie nachts wieder vor seiner Pforte und erbat Einlass. Dass hinterdrein ein Keiler lief, der das Familienglück offenkundig gut gelaunt komplettieren wollte, war die bleibende Anekdote zur herzlichen Wiedersehensfreude. Mit reichlich Geschrei musste der Ziehvater dem Liebhaber klarmachen, dass er sich einen Plätzchen im Warmen abschmatzen kann.

„Ihr Bauch war deutlich straffer“, erinnert sich Zitzmann noch an die erste Umarmung mit Monika. Doch bleibende Ergebnisse hat die tierische Zweisamkeit mit dem Keiler nicht ans Licht der Welt befördert.

Eine jungfräuliche Erfahrung wird es ansonsten am Montagvormittag auch für Freies Wort-Fotograf Carl-Heinz Zitzmann gewesen sein, eine Wildsau bei der Orakel-Arbeit aufs Bild bannen zu sollen. Klaus Zitzmann hatte zwar die gängige seriöse Entwarnung abgesetzt: „Die tut nix.“ Aber Monika beschnuppere natürlich alles und jeden, der ihr vor den Rüssel kommt. Die Klamotten von der verschlammten Schnauze bestempelt zu bekommen, so hieß also das Restrisiko.

Auf schwarze Jogginghose und altes dunkelblaues T-Shirt lautete daher die Kleiderordnung für den Wildsau-Paparazzi. Und als zusätzlichen Vollschutz hatte Klaus Zitzmann seine blaue Tonne entleert, die wiederum Carl-Heinz Zitzmann enterte – im Sinne eines freien Schnappschuss-Feldes. Ob Charly im blau-schwarzen Kübel in diesem Moment der Monika außer dem Fotoshooting noch ein anderes auf den Kittel gewünscht hatte? Es soll hier ungesagt bleiben.

Auf jeden Fall erledigte die Bache einen Top-Job. Zwei Eimer, einen mit der Schland-Flagge, der andere mit Trikolore dekoriert, gab’s zur Auswahl. In beiden waren Äpfel und Bananen bzw. Brot und Äpfel zu finden. Und nach nur kurzem Studium leerte Monika allein den schwarz-rot-goldenen Napf.

Damit ist schon lange vor An- und Abpfiff am Dienstag im Münchner Stadion offiziell: Die Löw-Elf wird gegen den amtierenden Weltmeister gewinnen. Oder zumindest nicht verlieren. Oder ein Unentschieden spielen. Genauer weiß man’s natürlich erst hinterher. Denn neugierige Nachfragen, ob sie ihre Eimer-Vision nicht etwas gründlicher ausdeuten möge, beantwortete Monika nur mit genießerischem Grunzen – nichts Druckreifes war dabei.

Ein Wiedersehen mit der Sumbarcher Sau in Freies Wort wird’s natürlich geben – rechtzeitig vor den zwei weiteren EM-Vorrundenspielen gegen Portugal am Samstag, 19 Juni, und gegen Ungarn am Mittwoch, 23. Juni. Mal schauen, ob auch diese Begegnungen Heimsieg-Potenzial haben. Oder doch nur neue Südkorea-Schweinereien.

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