Wiederholen verfestigt Bildungsungerechtigkeit
Studien belegen, dass auch leistungsfremde Faktoren die Entscheidung von Lehrkräften beeinflussen, ob wiederholt werden muss. So bleiben Jungen bei gleicher Leistung häufiger sitzen als Mädchen, ebenso Schülerinnen und Schüler, deren Eltern ein geringes Einkommen haben oder die einen Migrationshintergrund besitzen.
Kinder mit ausländischen Wurzeln etwa wiederholen in Bayern besonders häufig eine Klasse: Obwohl sie nur 28,5 Prozent der Schülerschaft ausmachen, stellten sie im Schuljahr 2023/2024 fast 40 Prozent der Wiederholer, betonen die Landtags-Grünen. "Dieses Missverhältnis zeigt, dass soziale Herkunft und Bildungsungerechtigkeit weiterhin untrennbar verbunden sind."
Negative Folgen für Motivation und Selbstwert
Sitzenbleiben kann sich negativ auf die Psyche auswirken. "Es stempelt die Kinder ab, es demotiviert, weil sie das Gefühl haben, sie sind nichts wert. Auch wenn sie sich angestrengt haben, haben sie die Erwartungen nicht erfüllt. Das kann bis zu Depressionen führen", schildert der Vorsitzende des Bayerischen Elternverbands, Martin Löwe. Zudem werde das Kind aus dem gewohnten Umfeld gerissen, was Unsicherheit schüren könne.
Zudem haben die Betroffenen in der Regel ja nur in einigen Fächern Schwierigkeiten. "Das Problem ist, dass das Extra-Jahr in Deutschland praktisch mit keinen weiteren Fördermaßnahmen versehen ist. Das heißt, die Kinder bekommen einfach das gleiche noch mal", schildert Klapproth. "Das führt dazu, dass sie sich in den Fächern, in denen sie gut waren, langweilen, und in den Fächern, in denen sie schlecht waren, nichts dazulernen."
Sitzenbleiben kostet den Steuerzahler viel Geld
Nach den jüngsten Daten für 2023 gab Bayern 11.300 Euro pro Schüler aus. Die zusätzlichen Jahre durch verpflichtendes und freiwilliges Wiederholen summieren sich somit auf rund 490 Millionen Euro - das Geld, das dem Staat wie den Betroffenen durch den späteren Berufseinstieg entgeht, nicht eingerechnet.
Was wären die Alternativen?
"Kinder und Jugendliche lernen am besten, wenn ihre Stärken gesehen und entwickelt werden und wenn auf die professionelle differenzierte Diagnose von Lernschwächen eine zielgenaue individuelle Förderung folgt", betont die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Simone Fleischmann.
Auch Wissenschaftler Maaz betont: "Kompensatorische Maßnahmen im Laufe des Schuljahres sind effektiver als das Wiederholungsjahr - wenn sie zielgenau adressiert werden." Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler benötigten andere Lernzugänge statt mehr vom Gleichen. "Wir bräuchten eine Verknüpfung zwischen individueller datenbasierter Lernverlaufsdiagnostik und einer innovativen, qualitätsgesicherten Infrastruktur, die den Lehrkräften auf Grundlage der Förderdiagnose Fördermaterialien anbieten."
Dass es anders geht, zeigt der Blick über die (Landes-)Grenze: Hamburg zum Beispiel setzt auf eine kostenlose, verpflichtende Lernförderung statt auf Sitzenbleiben. In Berlin finden Jahrgangsstufenwiederholungen bis zur zehnten Klasse nur in besonders begründeten Ausnahmefällen statt. Und innerhalb Europas lassen nur Belgien, Holland und Spanien häufiger wiederholen als Deutschland. In allen anderen Ländern ist es deutlich seltener oder kommt wie in Skandinavien gar nicht oder höchstens in Ausnahmefällen vor.