Schmalkalden Maulwurfshügel lüften manches Rätsel...

Birgitt Schunk
Brigitte Zech aus Schmalkalden ist eng mit ihrer Heimat verbunden. Sie erhielt den Denkmalschutzpreis des Landes Thüringen. Foto:  

Brigitte Zech ist für ihr Lebenswerk geehrt worden. Nicht vielen Menschen wird eine solche Auszeichnung zuteil. Sie erhielt den Denkmalschutzpreis des Landes Thüringen – und sie hat noch viel vor.

Selbst wenn ich 500 Jahre alt würde, hätte ich immer noch voll zu tun“, sagt Brigitte Zech. Erreichen wird solch ein Alter natürlich kein Mensch. Was sie aber meint, das ist ihr Ehrenamt und dessen Dimensionen. Die 81-Jährige ist Bodendenkmalpflegerin im Raum Schmalkalden. Und sie weiß, dass es noch unendlich viel zu entdecken gibt in der Region, wofür man viel Zeit und Engagement braucht. „Das alles ist unwahrscheinlich spannend, man ist nie fertig, weil sich immer Neues auftut“, sagt sie.

Feuer gefangen für dieses Hobby hatte Brigitte Zech eigentlich schon in Kindheitstagen – zumindest entwickelte sich da bereits ihre Leidenschaft für den Blick zurück. Sie ließ sich Bücher über den Untergang von Pompeji, über Ausgrabungen in Troja oder griechisch-römische Sagen schenken. Auch den Geschichtsunterricht fand sie damals recht spannend. „Der entscheidende Impuls aber kam von Walther Clemen, dem Kreisbodendenkmalpfleger damals im Raum Schmalkalden“, sagt sie. Das war noch zu DDR-Zeiten. „Ich hatte damals im Antiquariat ein Büchlein über Meininger Straßennamen gekauft und habe überlegt, ob man so etwas nicht auch für Schmalkalden machen könnte.“ Deshalb suchte sie den Kontakt zu Clemen. Im ersten Gespräch schon wurde schnell klar: Leute wie sie und ihr Mann waren mehr als willkommen im Kreise derer, die sich um die Bodendenkmalpflege in der Region kümmerten. Er war es auch, der Brigitte Zechs Interesse für Wüstungen weckte – also Siedlungen von einst, die lange schon nicht mehr existieren. Er schrieb ihr zehn solcher Orte auf – und die Schmalkalderin marschierte los. „Erst dadurch bin ich ein richtiger Bodendenkmalpfleger geworden“, sagt sie heute.

Doch wie weist man nach, wo einst welche Wüstung existierte? „Oft gibt es Hinweise aus der Literatur zu einstigen Orts- oder Flurnamen – und dann beginnt die Suche. Auf alle Fälle muss eine Quelle vorhanden sein, denn Wasser brauchten die Menschen natürlich auch damals zum Leben“, erzählt sie. Ausschau halten die Bodendenkmalpfleger auch gerne nach Brennnesseln. „Sie sind oft ein Beleg dafür, dass an dieser Stelle einst bewirtschaftet und gedüngt wurde – durch den Stickstoff entwickeln sie sich oft später, wenn die Flächen brachlagen – die Brennnesseln folgen sozusagen dem Menschen.“ Und da sind ja auch noch die Maulwurfshügel, die für die Bodendenkmalpfleger von großem Interesse sind. „Sie bringen nicht selten Scherben an die Oberfläche“, erzählt Brigitte Zech. Und auf solche Funde, die einzigartige Zeugnisse der Vergangenheit sind, sind die Hobbyarchäologen angewiesen, um wieder ein Stückchen im großen Puzzle der Regionalgeschichte voranzukommen. Loslegen und einfach graben ist nicht erlaubt. „Das ist auch gut so, denn sonst würde sich manch einer, der nicht vom Fach ist, zu schaffen machen – und dabei kann viel für mögliche wissenschaftliche Untersuchungen über das Leben in alter Zeit zerstört werden. Grabungen bedürfen einer Genehmigung durch das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie.“ Behutsamkeit ist also angesagt. Doch es müssen nicht nur Scherben sein, die auf ein Dorfleben hinweisen. Oft seien die Hütten, die früher mit Lehm und Stroh gebaut waren, einst abgebrannt. „Und so findet man mitunter auch Reste von Hüttenlehm, der durch das Feuer ziegelrot gebrannt wurde. Teilweise sind dann Hohlstellen in den Lehmbrocken zu sehen, weil das einst beigemischte Stroh natürlich verbrannte – auch das können natürlich Hinweise auf eine Behausung gewesen sein.“ Aus der Liste von zehn Wüstungen, die Brigitte Zech einst an die Hand bekam, ist dank der Arbeit der Bodendenkmalpfleger im Altkreis Schmalkalden der Nachweis von fast 90 einstigen Siedlungsstätten gelungen.

Ausschlaggebend für die hohe Auszeichnung der engagierten Frau aus Schmalkalden war auch, dass sie über 30 Jahre lang den Arbeitskreis Bodendenkmalpflege im Altkreis Schmalkalden im Verein für Schmalkaldische Geschichte und Landeskunde e. V. leitete. Immerhin prägte sie so Schwerpunkte und koordinierte die ehrenamtliche Arbeit von zehn bis 15 Bodendenkmalpflegerinnen und -pflegern. Enorm breit war dabei das Betätigungsfeld – so ging und geht es um die Erfassung und Pflege von archäologischen Denkmalen des Thüringer Waldgewerbes, von Wüstungen, Altstraßen, Burgen, Landwehren, Grabhügeln und Wallanlagen. Lobend erwähnt wurde ebenso, dass sie als erfahrene Bodendenkmalpflegerin eine gefragte Gesprächspartnerin sei, die sich auch als engagierte Heimatforscherin für die Gewinnung von Geschichtsfreunden als Bodendenkmalpfleger einsetze. Jüngere Mitstreiter sind immer willkommen im Bunde. Brigitte Zech hat jedoch keine Sorge, dass niemand mehr nachkommt. „Wir haben immer wieder Glück gehabt, dass Jüngere zu uns gestoßen sind – wenn die Leute ein gewisses Alter haben und die Kinder aus dem Haus sind, ergeben sich oft neue Interessen.“ Auch ihre Tochter interessiere sich längst für die Thematik, hat selbst schon recherchiert – wie beispielsweise zu einem Objekt am Kirchhof in Schmalkalden, wo es einst eine Gerberei gegeben haben soll. „Da tauchten jetzt im Hinterhof vier runde Steineinfassungen im Boden auf – und allen war klar: vier Brunnen nebeneinander konnten es nicht sein, so üppig hätte früher keiner gebaut.“ Zum Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie gebe es stets engen Kontakt – besonders zum Gebietsreferenten Dr. Mathias Seidel. Und so sei damals entschieden worden, die Stelle freizulegen. Die These bestätigte sich, denn die Einfassungen gehörten zu Gerberbottichen, die hier einst genutzt wurden. „Wenn man Vermutungen bestätigt bekommt, freut man sich.“

Derzeit ist der Arbeitskreis Bodendenkmalpflege damit beschäftigt, gemeinsam mit dem Landesamt einen archäologischen Wanderführer zu erarbeiten. „Für unseren Altkreis Schmalkalden gibt es so etwas noch nicht“, sagt Brigitte Zech. Das Werk wird kein Wanderführer, sondern eher ein Verzeichnis vieler „Schätze“, die die Region in dieser Hinsicht zu bieten hat. Doch es wird dabei nicht um Vollständigkeit, sondern um repräsentative Beispiele gehen. „Wir müssen einen Spagat versuchen und werden nicht alles preisgeben können.“ Das trifft beispielsweise auf ein Altbergbaugebiet zu, das bislang noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit stand. Schließlich will man vermeiden, dass so genannte „Gesteinsfreunde“ das Gebiet aufsuchen und abbauen. „Manche Gesteine finden sich dann auf Börsen wieder, um ein paar Euro zu verdienen – das haben wir alles schon erlebt und das kann nicht unser Anliegen sein.“ Und so hält man sich auch noch mit dem Fund einer Glashütte in der Region zurück, die vorerst geheim bleiben soll - weitere solcher Stätten werden vermutet. Auch hier half ein Maulwurfshügel bei der Aufklärung. „Darin wurde ein Glastropfen gefunden – und das bedeutet, dass das Glas zuvor heiß war und hier geschmolzen wurde“, berichtet die Bodendenkmalpflegerin.

In all den Jahrzehnten hat sie gelernt, mit offenen Augen solchen Hinweisen nachzugehen. „Man bekommt einen Blick dafür und lernt, Bodenspuren zu erkennen und richtig zu deuten.“ Wer sich nur mit der Literatur befasse, komme da oft nicht zum Ziel. Früher seien Behauptungen zur Existenz bestimmter Fakten gerne von einem Autor zum anderen weitergegeben worden. „Man könnte auch sagen, es wurde abgeschrieben.“ Das verleitete oft dazu, etwas als bare Münze zu nehmen, weil es zehnmal in der Literatur so benannt wurde. „Inzwischen sind wir ein ganzes Stück weiter, haben viele Erfahrungen und ahnen, wo man skeptisch sein muss.“

Der berufliche Weg von Brigitte Zech ging einst allerdings in eine ganz andere Richtung. Sie lernte zunächst Buchhalterin, absolvierte dann ein Studium der Handelswirtschaft, erwarb einen pädagogischen Zusatzabschluss und war jahrzehntelang an Bildungseinrichtungen tätig – erst als Leiterin, dann als Lehrkraft. Mit dem Eintritt ins Rentenalter konnte sie sich dann voll und ganz ihrem Hobby widmen. Ist das Wetter schön, ist sie draußen unterwegs – regnet oder stürmt es, dann ist Zeit für Archive oder die Recherche am Computer. Die Auszeichnung mit dem Denkmalpreis kam für sie überraschend. „Es ist nicht nur eine Ehrung für mich, sondern für die Arbeit der Bodendenkmalpfleger bei uns im Raum Schmalkalden generell“, sieht sie sich nicht gerne im Vordergrund. Der Arbeitskreis hatte allerdings selbst schon einmal 2009 diese Ehrung bekommen. Dass nun auch dessen langjährige Leiterin für ihr Lebenswerk den Preis erhielt, rundet das langjährige engagierte Wirken der Gruppe für die Region nun ab.

 

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