Schmalkalden In der Wilhelmsburg knallt es

Annett Recknagel

„Urknall Luther?“ fragt die neue Sonderausstellung im Westflügel von Schloss Wilhelmsburg, die am Samstag eröffnet wurde und sich mit Bibelübersetzungen beschäftigt. Die Antwort kann sich jeder Besucher selbst geben.

Feuereifer, Rotzlöffel, Fallstrick, Lockvogel, Lückenbüßer – alles Worte aus dem heutigen Sprachgebrauch. Das Kuriose: Sie gehen auf Martin Luther zurück. Und nicht nur diese. „Wir babbeln heute so, weil er die Bibel so übersetzt hat, wie er sie einfach übersetzt hat“, erklärt Dr. Kai Lehmann zur Eröffnung der neuen Sonderausstellung im Westflügel von Schloss Wilhelmsburg. „Urknall Luther?“ ist sie betitelt.

Dahinter steht das Jubiläum 500 Jahre Bibelübersetzung. Und Martin Luther hat linguistische Geschichte geschrieben – behauptet der Schlossdirektor. Zur Eröffnung der Ausstellung beweist er es mit einem euphorischen Vortrag, in den er, wie immer, Herzblut und noch mehr Witz legte.

Luther war nämlich keineswegs der Erste, der die Bibel übersetzte. 1535 hat das Johannes Eck schon getan. Anders als Luther aber wählte er die „Maximilianische Kanzleisprache“. „Das ist wie wasserpolnisch rückwärts lesen – da verstehen wir keinen Ton“, sagt Kai Lehmann. Und Ecks Übersetzung ist nur eine von 18 vor Luther.

Warum Martins Luthers Translation nicht die 19. Fußnote in der Geschichte der deutschen Bibelübersetzung geworden ist, kann in der Ausstellung nachvollzogen werden. In seiner Einführungsrede löst Lehmann natürlich dieses Geheimnis auf. „Anders als seine Vorgänger schaute Luther den Leuten aufs Maul“, stellt er klar. Und bei all dem prägte er Rechtschreibung, Groß- und Kleinschreibung und führte obendrein noch heute umgängliche Redewendungen ein.

Ganz wichtig auch: Luther handelte nie gegen sein eigenes Gewissen. Und er war weder der erste Reformator, noch der erste Ketzer. Was dieser Ausdruck bedeutet, auch darüber gibt die Ausstellung Auskunft. Zudem sind John Wyclif, der die Bibel erstmals in Englische übersetzte, und Jan Hus, der sie ins Tschechische übertrug, Tafeln gewidmet. Die erste Bibelübersetzung geht bis 1466 zurück.

„Luther war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, betont Lehmann und nimmt die Gäste mit auf einen historischen Exkurs. Dabei streift er die Entdeckung Amerikas, die Expansion des Osmanischen Reiches, die Handelshäuser der Fugger und den wissenschaftlichen Fortschritt dieser Zeit. Hier bringt Lehmann Kopernikus und dessen Weltbild ins Spiel. „Es fühlt sich verdammt schwer an, an Gott zu glauben, wenn man nicht mehr weiß, wo er genau wohnt“, meint er. Auch der Ablasshandel spielte eine Rolle. Man habe zu Luthers Zeit Ablässe für Sünden, die man noch gar nicht begangen hatte, erwerben können. Das müsse man sich einmal vorstellen. Der oberste Klerus sei bis ins Mark verkommen gewesen und das Volk habe Angst gehabt, im Fegefeuer zu enden, so Lehmann.

Luther habe die Käseglocke dieser Angst durchbrochen und von einem liebenden Gott gesprochen, auf dessen Gnade man vertrauen könne. Außerdem habe Luther selbst unter Schutz und Schirm gestanden. „Ohne den Schmalkaldischen Bund wäre Luther die 19. Fußnote geblieben und ohne den Schmalkaldischen Bund hätten wir diese Ausstellung nicht machen können“, erklärt Lehmann und lobt den Schmalkalder Grafiker Roland Heim, der die Inhalte „grandios“ umgesetzt habe. Auch an die Firmen geht ein dickes Dankeschön. Egal ob Tischlereien, Metallfirma, Design, Elektrounternehmen und Druck - alle hätten Großes geleistet. „Wir können auf unser Know-how hier stolz sein. Wir sind eine starke Region.“

Die Ausstellung im Westflügel nimmt drei Räume ein. Im ersten sind die Reformatoren vor Martin Luther zu sehen. Der zweite Raum beschäftigt sich mit den 18 Bibelübersetzungen vor Luther und im dritten erfährt man Kurioses zur Bibel. „Wir haben das vermeintlich langweilige Thema genial umgesetzt“, sagt Lehmann und die Besucher geben ihm Recht. Die Optik wird hoch gelobt.

Auch mit den Inhalten beschäftigten sich die Gäste detailliert. Vieles darf angefasst und aufgeklappt werden. Man sollte Zeit mitbringen, zu entdecken gibt es jede Menge. Zu sehen ist die Sonderausstellung, die bis zum Jahresende läuft, täglich von 10 Uhr bis 18 Uhr. Vielleicht wird sie künftig auch als Wanderausstellung unterwegs sein.

 

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