Schmalkalden - Maria wurde nur 19 Jahre alt, Vera 18, Livia fünf und Heinrich sechs Monate. Der kleine Stanislaw hatte keine Chance zu leben. Er starb mit nur 15 Tagen. Die Genannten waren Kinder und Jugendlich, für die der Tag der Befreiung von der Nazi-Herrschaft am 8. Mai 1945 zu spät kam. Insgesamt waren es 60 Namen von Menschen aus Ländern der Sowjetunion und der Ukraine, die der einstige Pfarrer Eckhard Simon zur Gedenkfeier auf dem Friedhof im Eichelbach verlas. Damit erinnerte er an ein dunkles Kapitel der Nazi-Diktatur, die Frauen, Kinder und ältere Männer aus eroberten Gebieten verschleppte, um deren Arbeitskraft auszubeuten. "Viele von ihnen starben extrem unterversorgt an Hunger, Lungenentzündung, Tuberkulose, Diphtherie, Darmkrankheiten und allgemeiner Erschöpfung", gab Eckhard Simon bekannt. Diese Fakten hatte er aus Akten zum Thema "Russische Zwangsarbeiter in Schmalkalden" im Stadt- und Kreisarchiv gefunden. Zu den qualvoll ums Leben Gekommenen gehörten 25 Kinder, deren Leben vor der Zeit ausgelöscht worden war, so Simon. Als er die Namen verlas, hielten alle inne. Es war ein sehr bewegender Moment, zumal man sich vor dem Mahnmal und den Grabstätten der in Schmalkalden verstorbenen russischen Zwangsarbeiter befand. "Es ist mein Wunsch, dass wir Verantwortung wahrnehmen für Menschen, die in dieser Zeit ausgegrenzt, verachtet, bedroht oder auf andere Weise erniedrigt werden", formulierte der einstige Pfarrer. Nach 75 Jahren sei es höchste Zeit, die Kultur des Gedenkens an dunkle Kapitel unsere Geschichte weiterzutragen. Nur so würden die Jugendlichen heute darin gestärkt, sich jeglicher Menschenverachtung zu widersetzen. Eckhard Simon sprach im Namen des Arbeitskreises Gedenktag im Bündnis für Demokratie und Toleranz Schmalkalden. Stadtrat Klaus-Dieter Kaiser (Die Linke) stellte in seiner Rede die Frage nach der Bezeichnung des Tages. War es ein Tag der Befreiung? Für viele sei es damals erst einmal wichtig gewesen, dass der Krieg vorbei war und das Leben neu organisiert werden musste. "Die offizielle Bewertung erfolgte rückblickend unterschiedlich", so Kaiser. In der ehemaligen DDR war der 8. Mai offiziell immer ein Tag der Befreiung. In der einstigen Bundesrepublik habe sich die Einstellung zu diesem Tag über Jahrzehnte verändert. Erst Bundespräsident Richard von Weizsäcker habe 1985 als erster offizieller Vertreter den Tag als Tag der Befreiung bezeichnet. Peter Casper, Beigeordneter der Landrätin, betonte, dass Frieden, Freiheit und Freundschaft für die folgenden Generationen erhalten werden müssen. Er selbst habe als Kind in den Ruinen gespielt. Die Gedenkfeier ging auch ihm sehr nah. Dekan Ralf Gebauer vertrat den Bürgermeister, der wegen der aktuellen Situation am Freitagnachmittag leider nicht anwesend sein konnte. Gebauer wies darauf hin, dass die Verantwortung in der Welt heute größer geworden sei. Gerade in der Krise ergriffen selbst ernannte Experten das Wort und verbreiteten gefährliche Botschaften, die in sozialen Netzwerken ein Echo finden würden, das es so vor ein paar Jahren noch nicht gegeben habe. "Das sind schädliche Viren", so Gebauer. Die Erinnerung an das, was war, sei das eine, die Mahnung zur Verantwortung das zweite.
Schmalkalden Erinnerung an düsteres Geschichtskapitel
Annett Recknagel 10.05.2020 - 16:22 Uhr