Schieß-WM „Eine Runde werde ich werfen müssen“

Thilo von Hagen

Weltranglistenerste ist sie schon, Europameisterin, Bronzemedaillengewinnerin bei Weltmeisterschaften und European Games. Und nun: Weltmeisterin mit Weltrekord. Doreen Vennekamp, die in Steinbach-Hallenberg lebt, ist auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Das Sieger-Interview

Gutes Pflaster Baku: Die absolute Konzentration bringt für Sportpistolenschützin Doreen Vennekamp den absoluten Erfolg. WM-Gold. Foto: Deutscher Schützenbund

Herzlichen Glückwunsch, Frau Vennekamp. Wie haben Sie das Finale erlebt?

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Im Finale wollte ich schon noch einmal zeigen, dass ich mich mit 294 im Duell-Teil nicht zufriedengebe, dass ich deutlich mehr kann. Bei den Leistungskontrollen hatte ich einen Viererschnitt, und den braucht man bei der WM auch. Ich habe mitbekommen, dass ich oben bin mit Olena und wusste, dass ich nicht nachlassen darf. Ich habe es gut visualisiert bekommen und bin auch mit den Unterbrechungen im Stechen klargekommen. Und dann wollte ich es auch. Als ich nach der Hälfte zwei Treffer Vorsprung hatte, habe ich mir gesagt: Jetzt ziehe ich es durch! Dann habe ich gehört, dass ich eine deutliche Führung hatte, wusste aber nicht, ob es vorzeitig abgebrochen wird.

Die letzte Serie wurde ich vom Team getragen, und es war nur noch ein Reinzittern, weil die Emotionen über einen hereinbrechen. Und beim Siegerfoto war ich mir nicht ganz sicher, ob ich die Waffe nicht fallen lasse, weil ich kein Gefühl mehr in den Händen hatte. Ich bin überglücklich, wie es gelaufen ist. Und jetzt auch noch Weltrekord! Ich bin mir sicher, der wird schnell gebrochen – hoffentlich durch mich. Ich bin ja als Weltranglistenerste in die WM reingegangen und jetzt als Weltmeisterin raus – da benötige ich noch eine Nacht, um das zu realisieren.

Der Titel ist nach Ihren bisherigen Erfolgen kein Zufallsprodukt. Was bedeutet er Ihnen?

Ich hatte bei den European Games das Gefühl, nicht alles gegeben zu haben und zu liefern, was ich wollte. Und es war ganz süß, denn es kamen meine beiden Konkurrentinnen Antoaneta Kostadinova aus Bulgarien und Olena Kostevych aus der Ukraine und meinten unabhängig voneinander zu mir: ‚Wir freuen uns, dass du eine Medaille hast, aber mit Bronze brauchst du dich eigentlich nicht zufriedenzugeben.’

Da musste ich weinen, weil es eine riesige Ehre ist, wenn einem das zwei so gute und erfahrene Sportlerinnen sagen. Und gestern Abend schickte mir auch die Serbin Zorana Arunovic eine Nachricht, mit den Worten: ‚Du kannst dir den Titel holen, belohne dich. Wenn du einen guten Tag hast, bist du unangreifbar! Mach das Ding einfach!’

Wie haben Sie das geschafft?

Ich habe viele Jahre hart gearbeitet, um das zu erreichen. Ich bin froh, dass es mit Claudia (Verdicchio-Krause – Anm. d. Red.) und dem Trainerwechsel gut geklappt hat. Wir verstehen uns gut und sind immer noch am Ausprobieren, weil es immer noch nicht ultimativ ist. Wir haben vor der WM viel am Feinschliff gearbeitet – mit dem Ziel, nächstes Jahr bei den Olympischen Spielen zu sein.

Sie haben gesagt ‚die anderen haben ein wenig Angst vor mir, und ich genieße das!’ Das müssen Sie erklären.

Das kommt auch von anderen Athletinnen. Als wir noch Halbfinals geschossen haben, wurde schon gesagt, „zum Glück bin ich nicht mit dir im Halbfinale, da gibt es eigentlich nur noch einen Platz fürs Finale.“ Das sieht man ja nicht, aber ich weiß, dass viele mich und meine Leistung respektieren und dass sie schon manchmal erleichtert waren, wenn ich nicht im gleichen Semifinale war. Das ist eine riesige Anerkennung und Lob, und deswegen freue ich mich, dass sie ein wenig Angst vor mir haben.

Ab wann waren Sie sich sicher, Weltmeisterin zu sein?

Erst, als es gesagt wurde. Vorher gebe ich nicht auf. Es kann etwas passieren, wie eine Waffenstörung etwa. In einer Serie war ich heute nicht richtig im Pistolengriff, das kann einem auch als Profi passieren. Du musst aufmerksam und wachsam sein, um das Ding dann wirklich heimzubringen.

Gibt es für heute Abend schon einen Plan?

Ja, das machen wir immer in Baku, weil wir mitten in der Nacht abgeholt werden. Das läuft immer mit verschiedenen Nationen: Australien, Österreich, Norwegen vielleicht und wir. Das wird keine Riesen-Party, wir laufen durch die Stadt, werden die Promenade genießen und einen Cocktail trinken. Ich weiß nicht wie hoch die Preise sind, aber eine Runde werde ich bestimmt werfen müssen. Aber das ist voll okay.

Interview: Thilo von Hagen