Rohr/Mykolajiw „Ich bin stolz, Ukrainerin zu sein“

Lena C. Stawski

Die Ukrainerin Inna Döhrer aus Rohr berichtet am Dienstagvormittag über die Ereignisse in Mykolajiw. Dort im Süden der Ukraine lebt ihre Mutter.

Rohr/Mykolajiw - „Meine Mutter hat die zweite Nacht im Bunker verbracht. Die Stadt erwartet eine Kolonne russischer Panzer“, sagt Inna Döhrer am Dienstagvormittag. Die 48-Jährige Bäckereifachverkäuferin aus Rohr ist in der Ukraine geboren und aufgewachsen. Seit 1999 lebt sie in Deutschland. Ihre Mutter wohnt in Mykolajiw. Die Bezirkshauptstadt mit rund 480 000 Einwohnern befindet sich im Süden der Ukraine.

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„Mykolajiw ist ein strategischer Punkt für Putin“, sagt Inna Döhrer. Die Stadt liegt am Fluss mit Zugang zum Schwarzen Meer, hat Großwerften und zwei große Brücken. „Die Brücken werden jetzt verteidigt.“ Inna Döhrers Mutter wohnt direkt neben einer dieser Brücken. „Aus dem Fenster sieht sie die Panzer und Soldaten“, berichtet die Rohrerin, die in täglichen Kontakt mir ihrer Mutter steht. Ludmila Sarafannikova ist 72 Jahre alt. Sie wohnt alleine, ist gehbehindert, auf die Hilfe ihrer Nachbarn angewiesen. „Meine Mama sagt: ‚Alte Bäume verpflanzt man nicht’. Da, wo meine Mutter geboren ist, da will sie auch sterben.“ Ludmila Sarafannikova soll es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihre Nachbarn zu beruhigen. Panik helfe nicht. „Meine Mama ist nur noch am Telefon“, schildert Inna Döhrer.

Seit Sonntag ist in Mykolajiw Ausgangssperre. Die Läden haben nur zwei Stunden geöffnet. Was an Nahrungsmitteln übrig ist, gehe an die ukrainischen Soldaten. Nachts darf in den Häusern weder Licht noch der Fernseher angeschaltet werden. Alle Einwohner sind dazu aufgerufen, daheim zu bleiben, um nicht als „Kanonenfutter“ zu enden: „Die russischen Soldaten sollen ukrainisches Zivilisten als Geiseln genommen und in einen Bus gesetzt haben“, sagt Inna Döhrer. „Dieser soll vor der Kolonne russischer Panzern fahren und als menschliches Schutzschild dienen“, berichtet die Ukrainerin. „Es ist unbegreiflich. Die Russen sind unser Brudervolk.“ Unschuldige Soldaten würden unter den Lügen Putins in den Krieg geschickt.

„Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht in der Ukraine bin“, sagt die 48-Jährige. Seit Beginn des Krieges trägt sie Bändchen ums Handgelenk als Zeichen der Solidarität mit den Farben der ukrainischen Flagge – Blau und Gelb. „Ich bin stolz auf mein Land und auf mein Volk. Ich bin stolz, Ukrainerin zu sein.“ ls