Roger Ziereisen „Ich verarbeite, was mich bewegt“

Annett Recknagel
Roger Ziereisen in seinem Element: Über seine Bilder kann er viel erzählen. Auch die von ihm verwendete Technik fasziniert. Foto:  

Die Dauerausstellung von Roger Ziereisen in den Räumlichkeiten der „Helüsa“ hat sich vergrößert. Zudem wird sie alle zwei Wochen aktualisiert.

Schmalkalden - Bei einem Schrotthändler in Pirna hat er die alte Ofenplatte gefunden und sofort gewusst, wohin er sie platziert. Nämlich mitten in sein Bild, das einen einsamen Spaziergänger am Strand darstellt. Beim Montieren des Gegenstandes brachen ihm zwei gute Bohrer weg. Am Ende aber fand Roger Ziereisen eine Lösung. Die Installation mit dem Titel „Das Tor zum Strand“ ist in seiner Dauerausstellung in den ehemaligen Konstruktionsräumen der „Helüsa“ in Schmalkalden zu sehen. Der Rahmen ist besonders stabil, schließlich hat das Tor ein Eigengewicht. Gerade derartige „Spielereien“ mit verschiedenen Bauteilen liebt Roger Ziereisen.

Seit 20 Jahren malt er. Regelmäßig besucht er Kunstschulen, um sein Wissen zu erweitern. Kurse bei Sergej Kasakow, Harald Gratz oder in der Kunstschule Schloss Altenstein absolviert er mindestens zweimal im Jahr. Um sich technisch zu verbessern, sich Anregungen zu holen und möglicherweise auch Neues kennenzulernen und auszuprobieren. Roger Ziereisen liebt die Spachteltechnik. Gern kombiniert er sie mit Landschaftsmalerei, die er mit Pinsel und Ölfarbe betreibt. Im Vordergrund des Bildes sieht man ein gegenständliches Objekt, das sehr detailliert dargestellt ist. Drumherum arbeitet Ziereisen mit der Spachtel. Farben werden möglichst dick aufgetragen – alles fließt, zerfließt. Dabei entstehen die faszinierendsten Farbspiele.

Erst kürzlich entdeckten die Rotarier Ziereisens Kunst und waren begeistert. Die kombinierte Spachtelarbeit mit dem Titel „Am Fuße des Po“ zeigt links unten ein Auge, das sehr filigran dargestellt ist. Den Himmel hat Ziereisen mit dem Pinsel gestaltet. Für das Drumherum verwendete er die Spachteltechnik. Zwei Kilogramm Farbe verschlang das Kunstwerk mit den Maßen 90mal90.

Ziereisen spart bei seinen Bildern nie mit Farbe. „Die Spontaneität im Bild wird mit der Farbe erreicht“, sagt er. Wobei das entstehende Bild ihm vor Malbeginn immer klar vor Augen steht, ebenso die Grafik. „Der Rest entwickelt sich“, meint er. Im Flur der Dauerausstellung fällt das Detail einer Schlange auf. Wieder ist es das Auge, das Ziereisen heraus gearbeitet hat. Gleich daneben bleibt der Blick an einer Fotoserie von Musikern haften. Alle in unterschiedlichen Farbtönen gestaltet, alle eigenwillig und perfekt. Man kann sich kaum satt sehen an den Arbeiten. „Ich experimentiere gern“, gibt Ziereisen zu. Das ist es, was die Dauerausstellung ausmacht. Verschiedene Motive, verschiedene Techniken, verschiedene Anordnungen, verschiedene Elemente, die er kombiniert. In einen alten Fensterrahmen hat er ein Bild hineingesetzt – freilich war erst das Bild da, der Rahmen wurde davor geklebt. In einem anderen Kunstwerk hat Ziereisen Gräser eingearbeitet.

Seine Fantasie ist schier unerschöpflich. „Ich habe eine Idee und sofort hängen vier andere hintendran.“ Malen ist für ihn ein schöner Ausgleich zu seinem Beruf. Momentan nutzt er jede freie Minuten dafür. 2002 begann er mit diesem Hobby. Seitdem hat er um die 600 Bilder gemalt, der Großteil hat längst Abnehmer gefunden. 54 seiner Werke davon hängen derzeit in der Dauerausstellung am Siechenrasen, vier zeigt Ziereisen in der FBF-Galerie und 15 sind in der Galerie niza in Meiningen ausgestellt.

Die neuesten hängen bei ihm zu Hause. „Das sind vier Stück, die noch nass sind“, berichtet er. Nach sechs Wochen nimmt er sie dann peu à peu mit in sein Büro. Auch im Bürgerbüro sprechen seine Bilder an. Gibt es dann neuere, wandern die ehemaligen in die Dauerausstellung. Dort gibt es glücklicherweise noch genügend Platz.

Im November 2019 war Eröffnung. Damals wusste Ziereisen nicht, wohin die Reise gehen würde. Jetzt hat er die Räume gemietet und so können die Bilder hängen bleiben. Auf Anfrage führt Roger Ziereisen Interessierte durch die Schau. Gern nimmt er auch Aufträge an. Jüngst malte er die Salzbrücke mit ihren Fachwerkhäusern. Nach einer Fotografie und sehr genau. Um die 30 Stunden braucht Ziereisen für ein Bild.

Der lange Winter ist ideal zum malen. Gerade in der jetzigen Zeit verarbeitet er malend Dinge, die ihn bewegen. Ein Bild trägt den Titel „Weites Land“. Ziereisen versuchte hier alte Werte wie Vertrauen malerisch umzusetzen. Auch hat er schon etliche Bilder mit nur drei Farben gestaltet. Im Flur sieht man zwei Pferde umgeben von viel gelb – sofort weiß man, wo sie sich befinden – nämlich in einer Box. Etwas weiter vorn hängt ein Bild, dessen Zentrum eine junge Frau mit Harfe ist.

Es gibt viel zu entdecken in der Ausstellung. Natürlich hofft, Ziereisen in diesem Jahr noch anderweitig ausstellen zu dürfen. Gespräche mit der FBF-Galerie laufen. Auch Kai Lehmann ist von Ziereisens Kunst angetan. Leider aber macht Corona momentan absolut nichts möglich. Deshalb richtet sich Roger Ziereisens Blick auf den Frühling. Sich seine Bilder anzuschauen, lohnt sich auf jeden Fall.

Wenn er einmal in den Ruhestand geht, liebäugelt er damit, in Schmalkalden ein Atelier anzumieten. In der Auer Gasse gebe es genügend Möglichkeiten. Aktiv bleiben nämlich will der Trusetaler. Und die Malerei macht das möglich.

 

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