Rockfestival in Döhlau „Lieder, wu des Leben schreibt“

Peter Müller

Rock muss nicht auf Englisch gesungen werden – einzigartig klingt er in Mundart. Das Rockfestival in Döhlau (Landkreis Sonneberg) öffnete sich für die Vielfalt der thüringisch-fränkischen Künstler. Präsentiert wurde ein neues Forum für junge Musiker, den Jazz und die Weltmusik.

Es waren wieder einmal zwei tolle Tage in dem beschaulichen ruhigen Dörfchen Döhlau, die Michael „Micha“ Spindler und sein Team, unterstützt von fast allen 40 Dorfbewohnern und den Freunden aus Schönstadt, auf die Beine stellten. Auch das Wetter spielte fast immer mit, um auch im sechsten Jahr den „Musikalischen Abend“ zum Erfolg zu führen.

Dabei brachte das Festival 2022 etliche Neuerungen, die noch mehr Publikum anlocken werden. Es gab einen besonderen Weinstand mit Weinséparée, passend dazu Zwiebelkuchen. Und zur Rock- und Popszene wurde die ganze Vielfalt der südthüringisch-fränkischen musikalischen Aktivitäten einbezogen. Vom traditionellen Gesangsverein des klassischen Männerchors aus Seltendorf bis zur jungen Formation der Schülerband „OSS“ von der Musikschule Sonneberg.

Überhaupt bestimmte die „hausgemachte“ Musik und Sprache aus Thüringen große Teile des diesjährigen Events. Der erste Abend wurde traditionsgemäß am Freitag mit einer aktuellen Band des Gastgebers Micha eingeläutet. Mit „Start it up“ eröffnete er mit „Black on Blue“ die Veranstaltung. Prompt war die Stimmung erreicht, die das Publikum zum Tanzen brachte. Ein großer Erfolg war danach der Auftritt der Rockband der Musikschule Sonneberg „OSS“ (Ohne Socken singen) um die vielversprechenden Stimmen von Lena und Maja, denen Micha ein Forum für ihren ersten Auftritt vor einer kundigen Öffentlichkeit bot.

Mit viel Spaß an der Musik nutzten sie diese Chance, überwandten Nervosität und Scheu und begeisterten mit Oldies wie „La Bamba“ und der „Geisterreiter“ und neuen aktuellen Songs bis „SOM“, engagiert und ermutigt durch ihre mutige Haltung gegen Unrecht und Krieg.

Mit der Band „Flinkfingro“ aus Nürnberg, die Joschi Joachimsthaler um sich vereint hat, kam als ebenfalls neue Disziplin der Jazz nach Döhlau. Joschi ist in Döhlau bestens bekannt und geschätzt als Mitstreiter der großartigen Liedermacherin und Rockerin Karin Rabhansl, die bereits zweimal das Publikum mitriss. Die ganz eigene Tonsprache des Künstlers sorgte für unterschiedlichste Reaktionen und blieb daher nicht ohne Wirkung. Die Crossover Power des perfekten Gitarristen und Sängers kam in allen Momenten seiner Swing-, Jazz-, Salsa- und Rockkombinationen zur Meisterschaft.

Tolle Rhythmen und virtuose Instrumentation machten den Vortrag zu einem musikalischen wie visuellen Erlebnis. Mit Bohemian Rock begeisterte er ebenso wie mit Modern Jazz. Zu dem trug Benni Sand aus Sonneberg zusätzlich bei, da mit ihm eine Lücke in der Formation aufgefüllt werden konnte, die er mit seiner Stimme und seiner Gitarre quicklebendig ausfüllte. Starkregen unterbrach leider dieses Highlight des ersten Abends. Viele Gäste flüchteten vor dem Regen und Gewitter. Die Hartnäckigen aber kamen voll auf ihre Kosten und vergaßen die Umgebung.

Der zweite Tag des Festivals begann bereits am Nachmittag und wurde zunächst bis in den frühen Abend erneut von heimischen Musikern bestritten. Dabei erhielt Moderator Wolfgang aus Döhlau Verstärkung von Carolin aus Eisfeld. Als erstes konnten sie „Just Girls“, ein A cappella-Ensemble aus Weidhausen ankündigen, das in fränkischer Mundart eigene Songs aus den Tücken des Alltags und von den Unarten des Menschenschlags vortrug. Ein heiter satirischer Genuss mit Überraschungen. Die Vokalisten stehen unter der Leitung von Manuela Carl, die auch Text, Musik und die Gaudi der Besucher zu verantworten hatte. Alle stimmten letztlich lauthals zu.

„Iech mouch mei Sprouch“. – Die Gaudi ging mit dem „Vierklang“ der Musikschule Sonneberg und dem Programm „von Strauß bis Heinz Erhardt“ weiter. Denn Annette und Juliane unterhielten auf den Schultern von Aaron Heinrich und seinen Mitstreitern die Leute mit alten Küchenliedern in modernem Gewand und einer frischen Kurzversion der „Fledermaus“. Auch der traditionelle „Männerchor Seltendorf“ fand sein Publikum und brachte als neues Angebot im Tagesablauf von Döhlau die Gäste zum Mitsingen und Mitwippen.

Mundart begeistert

Den Übergang zum Rockabend am Samstag gelang schließlich hervorragend dem Urgestein in itzgründischer Mundart „Gustav aus Meng-Hämm“. Micha, Jens und Ralf begleiteten den Liedermacher und Holzkünstler zu seinen „Liedern, wu des Leben schreibt“. Lachend und wiehernd begleitete das Publikum den Sänger auf seiner zeitkritischen Reise von der Moritat um den Ritter Wiefel bis zur Orientierungslosigkeit im Kreiselverkehr.

Mit deutsch-englischen Liedern wie „Du lässt mich dou“ (Don’t let me down) und „Schlaf jetzt Baby Blues“ leiteten Gustav und Micha über zur ersten Band des Abends, der „Bumblebee Blues Band“ aus Weimar. Michael – ein Meister an der Mundharmonika in all ihren Facetten – und Christian als Sänger und Gitarrist rockten die mittlerweile dichte Menge an Festival-Fans auf der Wiese in Döhlau. Ihr Mississippi Blues ging in Bauch und Beine.

Viele der vom kulinarischen Angebot gesättigten Gäste fingen an zu „Bumblebee Blues“, „I’m in the mood“, „Catfisch“ oder „Long Distance Call“ zu tanzen. Die Band, die zunächst als Ersatz für eine andere Band antrat, erwies sich als Volltreffer für die gesamte Veranstaltung.

Mit der Rocky-Tuareg-Show-Band „Grombira“ (Kartoffel-Rock) aus Würzburg kam es in der zweiten Nacht zu einem ebenso interessanten Experiment des Crossover wie am Freitagabend mit „Flinkfingro“. Technisch großartige Musiker aus Würzburg, die in arabisch-europäischem Outfit und mit orientalischen Instrumenten (Saz, Oud, Sitar, Handtrommel, Bass und Schlagzeug) und Klängen einen Sound kreieren, der Vibrationen mitten im Solar Plexus erzeugt und dem sich niemand entziehen kann.

Wie im Rausch oder in Trance tanzten immer mehr Besucher vor den Derwischen der Weltmusik um Initiator und Leader „sheyk rAleph“, der durch seine echte Leidenschaft und sein unbeirrbares Engagement überzeugt. Mit jeder Menge Humor und Hitze ging es durch alle Kulturen. Sie führten in westliche Tanzlokale wie in die Kasbah oder die nächtliche Sahara. Alle Songs waren tanzbar, auch wenn sie Genre-Grenzen überschritten.

Wäre es nicht fränkisch kalt geworden, hätte man märchenhaft unter Sternen träumen können. Ein orientalischer Traum im Wadi Döhlau beendete dieses neuartige und begeisternde Festival, danach konnte eigentlich nichts mehr kommen. Aber natürlich hatte Micha mit seinen Musikern das letzte Wort und den ausklingenden Ton bereit.

 

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