Rhöner Folkloretänzer berichtenEuropeade-Festival – diesmal auf eigene Faust
Frank Hößel 07.08.2026 - 16:27 Uhr
Wenn ein europaweites Volkskunst- und Tanzfestival kurzfristig abgesagt wird, was macht man dann? Man fährt trotzdem hin. Ein Kaltenlengsfelder berichtet aus Italien.
Wo Trachtentänzer sich treffen, ist die gute Laune dabei. In Bergamo versammelte sich eine europäische Fangemeinde, ganz auf eigene Initiative. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
„Es lebe das Europa der Volksgemeinschaften, wo jeder seinen Platz hat und wo jeder willkommen sein muss. Das Europa der Herzen wird nur Freunde und Frieden bringen, und Frieden ist Wohlfahrt, bringt Glück und kulturellen Reichtum. Das ist die Zukunft, die wir zusammen für alle europäischen Jugendlichen bauen.“ Diese beeindruckenden Zeilen schrieb der flämische Mitbegründer und spätere Vorsitzende des Internationalen Europeade Komitees (IEC) Mon De Clopper (1922 - 1998).
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In Antwerpen entstand voller Idealismus im Jahre 1964 die erste Europeade und sollte nun weitergetragen werden. Die Idee vereinte viele Regionen und Länder, welche ihre Lieder sangen und Tänze in ihren Volkstrachten mit begleitender Livemusik darboten. Jeder zeigte die eigene Volkskultur, schätzte und respektierte diese und schloss feste Freundschaften. Damals bestand bereits der starke Wille, dass die gelebte Folklore auf die von unten gewachsene Volkskultur aufmerksam machen soll.
Die bunte Trachtengruppe vor dem Hotel. Foto: privat
Nun auf zur 60. Europeade nach Bergamo in Italien! Die Vorzeichen nach der offiziellen Ausschreibung im Februar 2026 waren richtig gut, innerhalb kürzester Zeit waren schon über 4000 offizielle Anmeldungen beim Internationalen Europeade Komitee aus über 20 Ländern eingegangen.
Das jährlich stattfindende größte Folklorefestival für Musik, Tanz, Gesang und Fahnenschwingen, mancherorts mit bis zu 6000 Mitwirkenden in wechselnden Städten Europas, hatte angeblich mit Bergamo in der norditalienischen Region Lombardei einen geschichtsträchtigen und geeigneten Austragungsort gefunden. Es war bisher ein aufopferungsvoller Weg für die Organisatoren, nach einjähriger Pause wieder eine bereitwillige und kulturoffene Stadt als Ausrichter zu finden. Es sollte ein besonderes Folklorefest werden, der Countdown lief auf Hochtouren.
Am Ende fand wie von Zauberhand alles statt – auch bunte Mitmachtänze. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Plötzlich 50 Tage vor Beginn eine absolut unerwartete Nachricht des örtlichen Mitorganisators an das Komitee: Die international beliebte Veranstaltung vom 22. bis 26. Juli 2026 sollte nun nicht mehr stattfinden. Der Schock saß richtig tief, aber was nun? Viele Gruppen in ihren Regionen bereiteten sich schon monatelang darauf vor, der Urlaub war geplant, Hotels und Fahrrouten sowie Flüge waren bereits gebucht und bezahlt.
Eine lustige Musikantenschar, einfach am Wegesrand. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Kurzerhand wurde über die sozialen Medien eine so starke Gemeinschaft zusammengeführt, dass man sich gegenseitig Mut machte und einen großen privaten aktiven Tanz- und Musikurlaub organisierte. Viele waren nun gespannt, was uns in Bergamo erwartet. Einige Gruppen schlossen sich kurzerhand zusammen, um neue Programme zusammenzustellen und Fahrgemeinschaften zu bilden.
Alt und Jung tanzte voller Begeisterung überall in der Stadt. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Ein Bus startete bereits Dienstag nachts um 2 Uhr in Annerod/Gießen mit Tänzern der ortsansässigen Tanzgruppe, weitere kamen dorthin aus Oranienburg, Kassel und Kaltenlengsfeld/Rhön. Unterwegs gesellten sich noch weitere lustige Musiker, Tänzer und Fahnenschwinger unter anderem aus Polheim, Reichenbach, Bensheim, Sontheim, Hohenlohe, Niederding und Bittelschieß hinzu.
Internationale Musikanten treffen sich spontan und pflegen ihr liebstes Hobby. Foto: privat
Dass der Bus anfangs erheblich Verspätung hatte, tat der Aufbruchstimmung aber keinen Abbruch. Über die Schwäbische Alb in Bittelschieß voller Freude angekommen, gab es zur Überraschung in Huberts ausgebauter Festscheune von der ansässigen Volkstanzgruppe ein deftiges und liebevoll serviertes Bauernfrühstück für alle.
In regionaler Rhöner Tracht trifft auch Frank Hößel viele Bekannte und Gleichgesinnte in Bergamo. Foto: privat
Gut gestärkt und auf der nun gemeinsamen Fahrt über die Alpenpässe entstanden weitere Pläne für unser Programm und bei der ersten größeren Rast wurden sofort die Instrumente ausgepackt und erste gesellige Tänze von den Tanzleitern eingeübt.
Es wird gefeiert, auch wenn der Hauptorganisator Stadt sich zurückgezogen hatte. Foto: privat
Diese fröhliche und starke Gemeinschaft war bei allen von Anfang an, wie wir später erfuhren auch bei anderen Gruppen, zu verspüren. In Bergamo am frühen Abend gut angekommen, bezogen wir schnell unser schönes Hotel „Christallo Palace“, um im Anschluss gleich neugierig in die Stadt zu fahren, welche Gruppen und Personen bereits angekommen sind. Die Stadt wurde am Abend kurz erkundet, wo Auftritte stattfinden können und erste Bekannte wurden mit manch kullernden Freudentränchen herzlich begrüßt. Gleich am nächsten Tag wurde ein Foto von unserer bunt gemischten Trachtengruppe zur Erinnerung und auch zur Freude der Hotelleitung angefertigt.
Überall, wo Platz ist, wird getanzt. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Nach ausgiebiger Frühstückszeit wurden tagsüber verschiedene Ausflüge in die malerischen Region Lombardei durchgeführt und manch regionale Spezialität verkostet. So organisierte und finanzierte jede angereiste Gruppe ihre Erkundungen selbstständig.
Bergamo ist bekannt für seine historische Oberstadt und venezianische Stadtmauer, Kirchen, Theater und Museen. Kulinarisch sind die Polenta, hervorragende Alpenlandkäsesorten und Teigtaschenspezialitäten zu erwähnen. Das berühmte Stracciatella-Eis findet hier seinen Ursprung, wie auch der bekannte Harlekin.
Farbenfroh sind die Trachten, die überall zu sehen waren. Foto: Uwe-Jens Igel
Die Stadt hätte eigentlich als „offizieller“ Ausrichter das passende Festivalflair mit tollen groß angelegten Auftrittsmöglichkeiten zur Eröffnungsfeier und Abschlussveranstaltung, den großen Festzug durch die Altstadt und Kathedralen für einen gemeinschaftlichen Gottesdienst gehabt. Die Verantwortlichen für die Absage des Festivals werden sich jetzt sicherlich insgeheim Gedanken machen. Die heutige Situation in der Welt fordert aber eben auch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und wahrscheinlich war die Stadt Bergamo auch mit weiteren organisatorischen Dingen zunehmend überfordert.
Ein bunter Spaß für alle Generationen. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Viele Gruppen kamen trotzdem, unter anderem aus Finnland, Schweden, Estland, Litauen, Schweiz, Frankreich, Spanien, Portugal, Frankreich, Zypern, Niederlande, Belgien, Polen und Italien mit ihren ausdrucksstarken Beiträgen und Mitmachaktionen. Aus Deutschland reisten zum Beispiel Gruppen aus Gütersloh, Berlin und der Münchener Gegend an.
Klein und Groß gemeinsam. Trachtentanz kennt keine Grenzen. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Aus dem Thüringer Raum reisten einige Europeade-erfahrene Freunde mit Oberbürgermeister Knut Kreuch und dem Bürgerbus Gotha an. Einen kleinen Abstecher aus ihrem Urlaub machten ebenso die jungen Tänzerinnen aus Brotterode/Trusetal und die Schumlacher Musikanten aus dem Südthüringer Lindenberg.
Einige leidenschaftliche Fans wie Marcel Andreß hielten stetig den Kontakt zu den Gruppen aufrecht und Uwe-Jens Igel mit Frau berichteten bereits mehrfach in all den Jahren über diese Events. Weiterhin waren einige benachbarte Trachtenfreunde aus dem unterfränkischen Schweinfurt und Gmünd/Main zur großen Freude dabei.
Da geht die Post ab – mit Musikanten aus aller Herren Länder. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Schätzungsweise hatten sich etwa 1000 Teilnehmer auf den Weg gemacht, um ihre Traditionen mit Gleichgesinnten auszutauschen und in die Welt zu tragen. An den frühen Abenden wurde sich kurzerhand überall in der Stadt in regionaler Tracht oder Vereins-T- Shirts getroffen, um gemeinsam die „Europeadebälle“ ausgelassen zu feiern.
Schon beim Zusehen eine Pracht – Mitmachen war auch möglich. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Von Donnerstag bis Sonntag verspürte man mit lebensfrohen Mitmachtänzen, Gesängen und stimmungsvollen Musikstücken ausgiebig in den Fußgängerzonen, Plätzen und Kneipen den wahren Charakter der sonst so durchorganisierten erlebnisreichen Veranstaltung.
Fachkundiges Publikum, das die gleiche Vorliebe, die für den Trachtentanz, hegt. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Manches benachbarte Restaurant war bereits am Samstag mit der Bierversorgung überfordert und „trockengelegt“. Man spürte sofort, dass es diesmal irgendwie anders werden würde. Dass es immer friedlich, freundschaftlich und fröhlich zuging war ja jedem bekannt, aber jetzt war man noch näher dran, den „Europeadegedanken“ miteinander zu erhalten und weiterhin zu beleben.
Spontan und immer das Hinhören wert: die Musikanten. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Folkloristen mit Herzblut fanden sich zusammen und jeder konnte sofort mit einsteigen und andere Kulturen mit viel Lust auf Neues bei den Begegnungen erfahren. Neue Bekanntschaften endeten vielmals in festen Freundschaften und weiteren Vorhaben.
Solche Bilder bleiben in wundervoller Erinnerung. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Ein gemeinschaftliches Foto von vielen Teilnehmern mit historischem Hintergrund bestärkte zudem den traditionsreichen Gemeinschaftssinn. Es war durch die Absage des Festivals nun keine offizielle Veranstaltung mehr und selbst die Polizei war mit einer unerwarteten Situation konfrontiert. Die Carabinieri beobachteten zunächst die lustigen, farbenfrohen europäischen Trüppchen und fragten hin und wieder nach Auftrittsgenehmigungen. Die Botschaft des friedlichen Daseins und des starken Miteinanders hatte beizeiten enorme Wirkung und man ließ der mitgebrachten Kultur nun freien Lauf. Nur in der historischen Oberstadt sollte bis 22 Uhr Ruhe einkehren. Für viele Einheimische und Touristen war es eine ganz besondere Erfahrung, mittendrin und menschennah dabei zu sein.
Geselliges Miteinander bis spät in die Nacht. Foto: Erika und Uwe-Jens Igel
Im Fazit muss man sagen, dass ein so spontanes, rein privat finanziertes Festival mit unbändiger Lebensfreude, in großer Dankbarkeit und Herzlichkeit mit wachsender Wertschätzung gegenüber eigener und anderer Kultur immer wieder in die Öffentlichkeit getragen und gepflegt werden muss. Alle Teilnehmer und Gruppen werden diese besondere Begegnung als wichtige Lebenserfahrung niemals vergessen – dass so etwas auch ohne groß angelegte Vorbereitungen, Behördengänge und Politik in Kürze so funktionieren kann. Wir zollen allen aufrichtigen Respekt, welche in Bergamo einfach so mitgewirkt haben.
Ein besonderer Dank gilt dem Organisationsteam unserer tollen Reisegruppe um Ruben Heidel, Carla Rühl und Ingrid Enderle, den Tanzleitern sowie allen leidenschaftlichen Musikern und nicht zuletzt dem Busfahrer Bernd für seine sichere Fahrweise und leckere Reiseverpflegung. Die Rückreise wurde uns wiederum durch die Musiker und Sangesfreude an Bord verschönt. Alle werden diese gemeinsame Reise noch sehr lange in positiver Erinnerung behalten.