Rhön Marihuana-Plantage blieb zehn Monate lang unentdeckt

Eine Drogenbande aus Serbien unterhielt zehn Monate lang eine große Cannabis-Plantage im kleinen Rhön-Dorf Willmars. Nun das Urteil gegen den Gärtner vor Ort: Viereinhalb Jahre Haft. Warum flog der illegale Anbau nicht früher auf? Und was ist mit den Hintermännern?

Dorfansicht von Willmars: Cannabis-Anbau im Rhön-Idyll. Foto: Imago

In der Nachbarschaft des Dreiseithofs leben Polizisten, Justizbedienstete und ein Meininger Staatsanwalt. In Willmars (Kreis Rhön-Grabfeld) mit seinen 500 Einwohnern fällt jeder Fremde auf. Trotzdem blieb sie zehn Monate lang unentdeckt, die riesige Cannabis-Plantage in einer Scheune in dem Dorf unmittelbar an der Grenze zur Gemeinde Rhönblick in Schmalkalden-Meiningen. Bei einer zufälligen Streifenfahrt am Abend des 30. November 2021 war Polizisten der typisch süßliche Mariuana-Geruch aufgefallen. Er kam aus einem Abluftrohr. Ein Spezialkommando stürmte das Anwesen – und hob eine professionelle Aufzuchtanlage für Cannabis aus, mit Beleuchtung, Lüftung und Klimatisierung für mehr als 1650 Pflanzen. „Die Stauden waren auf bis zu zwei Meter Höhe gewachsen und beinahe erntereif“, teilte die Polizei damals mit. 50 Kilo getrocknetes Marihuana mit einem Marktwert von einer halben Million Euro hätte das ergeben. Vor Ort wurde ein Mann geschnappt, der sich um die Pflanzen kümmerte. Der 38-Jährige kam von der Toilette, als die Handschellen klickten.

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Nach einem dreimonatigen Prozess am Landgericht Schweinfurt steht nun das Urteil gegen ihn fest: Viereinhalb Jahre Gefängnis wegen Beihilfe zum bandenmäßigen Handel mit Betäubungsmitteln. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann ganz bewusst und auch mit einschlägigen Erfahrungen in den illegalen Drogenanbau eingestiegen war. Auch wenn der Angeklagte vermutlich ein kleiner Fisch der Bande gewesen sei, habe er von Anfang an gewusst, worauf er sich einlasse, so die Kammer in ihrer Urteilsbegründung. Der Anklagte hatte zuvor erklärt, er habe mit einer Tätigkeit in der Landwirtschaft gerechnet und erst vor Ort festgestellt, was genau da angepflanzt wurde. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der 38-Jährige war einst Profifußballer in Serbien und hatte nach Karriereende offenbar aus Geldnot Kontakte zu den mutmaßlichen Drahtziehern der Willmarser Plantage geknüpft. Fünf Hintermänner, alle aus der gleichen serbischen Stadt, hat die Justiz ermittelt, ihre Namen verlas das Schweinfurter Gericht. Sie stehen auch in ihrer Heimat im Verdacht, in Drogengeschäfte verwickelt zu sein, sind aber noch auf freiem Fuß.

Der Besitzer des Dreiseithofs, ein Elektrikermeister aus Hessen, war nach der Erstürmung ebenfalls festgenommen worden. Er hatte das etwas versteckt am Dorfrand liegende Anwesen Ende 2020 für 40 000 Euro gekauft und sich samt Ehefrau und Tochter persönlich bei den Nachbarn vorgestellt. Die waren erfreut über den anscheinend seriösen Neubürger, hatten sie dort doch mehrere Vorbesitzer erlebt, die mit chaotischer Lebensführung für Irritationen im Dorf gesorgt hatten. Auch dass nicht das Wohnhaus, sondern zunächst die beiden Scheunen renoviert wurden, erregte keinen Argwohn in Willmars. Dort ist man durchaus auswärtige Immobilienkäufer gewohnt, die die idyllische Ruhe des abgelegenen Dorfs schätzen und sich dort eines der vielen Fachwerkhäuschen zur Ferienunterkunft umbauen.

„Die verbrennt wieder ein Paar Schuh’“

„Der Mann muss schließlich als Elektrikermeister sein Geld verdienen. Da muss er erst seine Arbeitsstätte herrichten“, zitiert die „Main-Post“ einen der Justizbediensteten in der Nachbarschaft. Dass dann nicht der Eigentümer, sondern jener 38-jährige Serbe ins Haus einzog, machte keinen misstrauisch. Der Mann, wohl ein Helfer, sei still gewesen, habe sich nicht versteckt, man sah ihn beim Einkaufen, wo er freundlich grüßte.

Auch Bürgermeister Reimund Voß, im Hauptberuf Staatsanwalt in Meiningen, ahnte nach eigenen Angaben nichts. „Die Legende lautete ja, es soll saniert werden“, sagte er der „Main-Post“. „Wenn es irgendwie gemuffelt hätte“, ergänzt Voß, „ oder komische Gestalten ein- und ausgegangen wären, wenn etwas in der Richtung zu mir vorgedrungen wäre, hätte ich selbstverständlich nachgeforscht.“ Aber da war nichts. Und so sei er von dem spektakulären Polizeieinsatz voriges Jahr ebenso überrascht worden wie alle anderen Dorfbewohner.

Größere Cannabis-Plantagen auf dem Land werden immer mal wieder entdeckt. Besonders spektakulär war ein Fall in Masserberg (Kreis Hildburghausen) im Sommer 2003 auf einem ehemaligen Militärgelände. Dort gediehen bis zu vier Meter hohe Pflanzen auf einer drei Hektar großen Anbaufläche jahrelang ungestört, es wurde monatlich geerntet. Erst als einem Kripobeamten bei einer privaten Rennsteigwanderung der besondere Duft in die Nase kam, flog der illegale Agrarbetrieb hoch oben im Wald auf.

Auch in Willmars hatten Anwohner schon vor der Razzia Cannabisgeruch wahrgenommen. „Ich hab’ halt gedacht, da kiffen welche“, sagte der „Main-Post“ zufolge einer, der Marihuana aus eigener Erfahrung kennt. Auch die direkte Nachbarin roch immer mal wieder etwas, ordnete das Müffeln aber ganz anders zu: „Ah, die Uschi verbrennt wieder ein Paar Schuh’!“, habe sie damals gedacht.