Startschuss am Grenzadler Respekt vor dem Birx

, aktualisiert am 21.05.2022 - 12:20 Uhr

Sechs Uhr morgens am Grenzadler. Das Thermometer zeigt 7 Grad an. Helfer treffen die letzten Vorbereitungen. Die ersten Läufer treffen ein. Punkt 7.30 Uhr fällt der Startschuss zum Rennsteiglauf Halbmarathon.

Oberhof - Schnell noch eine Banane und  ein Küsschen für die Ehefrau. „Ich denke mal, ich brauche so etwa  drei Stunden“, ruft Karl-Heinz Voss ihr noch hinterher. Der fast 72-Jährige aus Brandenburg ist zum 39. Mal beim Rennsteiglauf dabei. Dass es diesmal gleich nach dem Start den berühmt-berüchtigten Birxsteig hinauf geht, kann ihn nicht schrecken. Der Senior kennt ihn bereits, egal ob mit Laufschuhen oder Skiern an den Füßen. „Die Ältesten sind die Verrücktesten – positiv gesehen“, kokettiert er mit seinem Alter.

Ein paar jüngere Männer zollen dem Birx durchaus Respekt. Sie beschließen, am Anstieg besser rechts zu laufen. Dann können die Schnelleren ungehindert an ihnen vorbei ziehen.

Was auf ihn zukommt, das weiß Olaf Schilder aus Moers an der holländischen Grenze noch gar nicht zu sagen. Er hat bei einem Gewinnspiel eines Sponsors zwei Startplätze gewonnen und sich spontan entschieden, nach Oberhof zu kommen. Für ihn ist der Halbmarathon eine Art Warm up. Denn tags darauf hat er sich für einen Sechs-Stunden-Lauf eingeschrieben.

Während sich die ersten Teilnehmer am Rennsteiglauf Halbmarathon auf den Start vorbereiten, laufen die letzten Vorbereitungen  der Helfer. Mitglieder des WSV Oberhof bringen Schilder an und weisen die ankommenden Männer und Frauen ein. Damit er pünktlich in Oberhof ist, hat sich Helfer Martin Götze   um 4.30 Uhr in Ruhla auf den Weg gemacht. Nun steht er am Eingang zum Stadion. Dort wird er mit Fragen bombardiert: „Die meisten wollen wissen, wo Toiletten zu finden sind und wo sie ihre Taschen abgeben können.“

Unterdessen treffen weitere Pendelbusse im Minutentakt ein. Auf sie wartet perfektes Laufwetter. Doch bevor es losgeht, wird die Wartezeit zur Zitterpartie.   Die Jacken und langen Hosen bleiben erst mal an. „Ich weiß gar nicht, was unangenehmer ist. Die Kälte oder der Wind“, sagt einer der Männer. Er hofft auf den Wettergott. „Im Radio haben sie 21 Grad angesagt“.  Am Rennsteig wird er diesmal  vergeblich auf solche Temperaturen warten müssen.

Rings um die zehn gelbe Laster, die das Gepäck der Läufer nach Schmiedefeld bringen werden, haben sich Menschentrauben gebildet. Lutz Hopfe und Rüdiger Steinacker kennen  den Ablauf. Sie sind quasi alte Hasen, begleiten  den Rennsteiglauf schon so lange, wie die Deutsche Post als Sponsor die Gepäcktransporte übernimmt. Mehr ist 20 Jahre also bereits. Für sie ist es der letzte Einsatz, denn danach wartet die Rente.  „Um 7 Uhr geht hier der Trubel los. Dann will mit einem Mal jeder seinen Gepäcksack los werden“, wissen sie.

Während die einen noch in Decken oder Rettungsfolien gewickelt sind, suchen die anderen bereits ihren Startblock. Und können nur staunen. Noch ist das Biathlonstadion eine Baustelle. Tags zuvor noch seien schwere Lkw auf dem Gelände unterwegs gewesen, erfahren die Läufer vom Stadionsprecher. Bereits im Juni sollen die Arbeiten hier abgeschlossen sein, verrät Hartmut Schubert, Oberhof-Beauftragten für die Landesregierung. Auch der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow ist angereist. Gerne wäre er mitgewandert, verrät er den Teilnehmern. Denn Wanderer und Nordic Walker machen sich eine Stunde nach den Halbmarathonis auf den Weg nach Schmiedefeld.

Und dann heißt es: Hände hoch zum Schneewalzer und Rennsteiglied. Beide erklingen traditionell vor dem   Startschuss. Bevor  die 4802 Männer und Frauen die 21,4 Kilometer lange Strecke in Angriff nehmen.

Während die Läufer bereits im Wald unterwegs sind, humpelt ein sichtlich enttäuschter Frank Noske aus Sachsen-Anhalt in den Helferbereich. Nach drei Kilometern muss er wegen Kniebeschwerden aufgeben. „Wir sehen uns nächstes Jahr wieder“, kündigt er seine Teilnahme zum 50. Rennsteiglauf an.

Stimmen der Teilnehmer zum Birxsteig

Franziska Hellmann aus  Floh-Seligenthal

Ich bin jetzt zum dritten Mal beim Rennsteiglauf dabei. Dass diesmal der Birxsteig, gleich nach dem  Start  auf uns wartet, finde ich schon aufregend. Das ist mal ne neue Strecke. Aber als ganz normale Freizeitläuferin graut mir  ein  bisschen davor. Denn das Laufen mache ich wirklich nur zum Spaß. Ich bin mit meiner Schwester hier, die extra aus Österreich angereist ist.

Thilo Bennecke aus Berlin

Das heute ist mein zweiter Rennsteiglauf. Vor drei Jahren war ich schon mal hier. Schon damals ist mir aufgefallen, dass die Helfer alle so freundlich sind, alle lächeln, die Stimmung ist super. Das ist mir in toller Erinnerung geblieben. Ganz ehrlich, den Birxsteig kenne ich noch nicht. Aber ich habe dennoch großen Respekt davor. Denn ich schaue mir vor jedem Lauf das Höhenprofil der Strecke an. Aber ich gehe gelassen ran. Einfach laufen lassen und gucken, dass die Oberschenkel mitmachen.

Anja Rudolph aus Erfurt

Heute ist es fast schon kälter als sonst zum Biathlon in Oberhof. Ich bin jetzt zum 13. Mal beim Rennsteiglauf dabei. Und ich freue mich richtig drauf, zum ersten Mal auf der Strecke zu laufen, auf der sonst  die Profis unterwegs sind und wo sie angefeuert werden. Einen Hauch Respekt habe ich durchaus. Wie es sich den Birx hoch laufen lässt, das wird die große Überraschung für mich werden. Zum Training habe ich mir in Erfurt extra so einen ähnlichen Berg gesucht.

Früher gab es Bier statt Schleim für die Läufer

Was dem einen Läufer sein isotonisches Getränk ist, ist dem anderen sein Schleim. Die Helfer am Grenzadler kennen die Vorlieben der Rennsteiglauf-Teilnehmer.

„Beim  ersten Lauf, 1973, da wurden vier oder fünf Hektoliter Bier raus gelassen“, erinnert sich Friedhelm Wagner. Und zwar für die Läufer. „Es gab aber auch Tee.“ Er muss es wissen. Schließlich war er damals dabei, als der Rennsteiglauf ins Leben gerufen wurde. Damals haben die Eltern der jetzigen Helfergruppe aus Oberschönau, die sich Interessengemeinschaft Manfred Gießler nennt, die Versorgung der Teilnehmer übernommen. „Die haben es angefangen und wir machen es weiter. Und so machen es unsere Kinder auch“, sagt eine der Frauen. Selbst Freunde aus Dessau lassen es sich nicht nehmen, jedes Jahr an den Rennsteig  zu kommen und helfend einzugreifen. Egal, was gerade für Oberhof-Wetter herrscht.

Während in der Anfangszeit lediglich Zelte oder Container als Versorgungsstützpunkt  für die Super-Marathonis aufgestellt wurden, geht es heute weitaus bequemer zu. Das neue Funktionsgebäude im Grenzadler dient als  Stützpunkt. Hier können die 25 Helfer bequem alles vorbereiten. Fett- und Wurstbrote werden geschmiert, Zitronen geschnitten, Tee gekocht... Der berühmte Schleim wird fertig geliefert. Aus was es gezaubert wird, dieses  energiehaltige Getränk, das bleibt auch weiterhin ein Geheimnis. Friedhelm Wagner verrät nur so viel: „Es sind auch Himbeeren drin.“

Für 1200 Läufer muss freilich einiges auf den Tischen bereit stehen. Diesmal sind es 300 Liter Tee, 100 Liter Suppe, fünf Kisten Bananen, acht Kisten Äpfel und 80 Liter Schleim. Lange bleiben die Teilnehmer  nicht. Sie meisten wollen ihre Platzierung behalten. Fix was in den Mund schieben und schon geht es weiter. Aber mit den Letzten lässt sich schon mal ein kurzer Plausch machen, freut sich Friedhelm Wagner auf diese besonderen Momente.

Wer so viele Jahre wie er dabei ist, der kennt auch die verrücktesten Helfer-Geschichten. Beispielsweise die mit der Kuh. Mittendrin sei das Tier vor ein paar Jahren mitgelaufen. Wahrscheinlich, so vermuten die Oberschönauer,  sei es an der Struth von ihrer Herde getrennt worden und habe sich dann als Rennsteigläuferin betätigt. Die Helfer hätten sie damals einfach am Grenzadler angepflockt, bis  der Halter am Nachmittag seine Renn-Kuh abgeholt hätte.

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