Rennsteiglauf Kult seit 1973

Anke Schleenvoigt
Diese Markierung ist allseits bekannt: Das Rennsteig-R. Foto: dpa/Martin Schutt

Zum 50. Mal startet am Samstag der GutsMuths-Rennsteiglauf durch den Thüringer Wald. Als Zugpferd für den Tourismus ist sein Potenzial aber noch nicht voll ausgeschöpft.

 
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Sie nennen es das schönste Ziel der Welt. Mindestens 17 000 Läufer werden am Samstag das 1800-Seelen-Örtchen Schmiedefeld im Thüringer Wald ansteuern. Hier, in 700 Metern Höhe, enden alle Distanzen des GutsMuths-Rennsteiglaufs – in diesem Jahr zum 50. Mal. Zur Königsdisziplin über fast 74 Kilometer brechen die Läufer bereits im Morgengrauen in Eisenach auf. Der Startschuss für die klassische Marathondistanz fällt in Neuhaus. In Oberhof beginnen Halbmarathon, eine Nordic-Walking-Tour und eine Wanderung.

„Der Mythos Rennsteiglauf lebt“, meint Thüringens Ministerpräsident und Schirmherr Bodo Ramelow (Linke). Eine besondere Herausforderung bei so langen Traditionen sei es, sie im Kern zu erhalten, ohne den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren. Dieser Spagat sei gelungen. Der Rennsteiglauf gehöre zu den zehn größten Laufveranstaltungen in Deutschland und sei der größte Landschaftslauf Mitteleuropas.

Zum runden Geburtstag haben sie sich „ein neues Zielgefühl“ geschenkt, wie die Organisatoren sagen. Wer am Samstag seine Distanz absolviert hat, darf ein über sieben Meter hohes Tor in „R“-Form passieren. Handwerker aus der Region haben es aus Metall und Holz gefertigt. Das „R“ markiert den traditionellen Kammweg auf den Höhen von Thüringer Wald, Thüringer Schiefergebirge und Frankenwald. Vier Studenten aus Jena hatten 1973 die kühne Idee, 100 Kilometer dieses Rennsteigs zu laufen. Am Ende legten sie nicht nur 80 Kilometer zurück, sondern auch den Grundstein für das heutige Großereignis. Sie benannten den Lauf nach Johann Christoph Friedrich GutsMuths, einem Sportpädagogen aus der Region.

Abgesehen vom neuen Tor hält das Team um Gesamtleiter Christopher Gellert an Altbewährtem fest – an Haferschleim und Läuferbier ebenso wie an der Kloßparty. Das Kultrennen lockt jedes Jahr Laufbegeisterte aus ganz Deutschland, vor allem aus Bayern, Sachsen und Brandenburg. Aber auch ausländische Gäste reisen an, die meisten aus der Schweiz und den Niederlanden. Dick steht der Lauf daher seit Langem in den Terminkalendern der Hoteliers. Einige würden für die Zeit extra Personal von anderen Standorten hinzuholen, um den Ansturm zu bewältigen, sagt Dirk Ellinger, Hauptgeschäftsführer des Thüringer Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga).

In Oberhof, Suhl mitsamt des Stadtteils Schmiedefeld, Zella-Mehlis oder Neuhaus am Rennweg – also direkt am Geschehen – ist rund um das Laufereignis kein freies Bett mehr zu finden. Dank Shuttlebussen würden Läufer und Gäste verstärkt auch Unterkünfte in der weiteren Umgebung nutzen, sagt Ellinger. „Wir haben einmal hochgerechnet, dass diese eine Laufveranstaltung ungefähr 20 Millionen Euro Wirtschaftskraft für die Region bringt.“

In der Läuferszene ist die Begeisterung für den Thüringer Wald groß. Bereits zum siebten Mal wurde der Rennsteiglauf zu Europas beliebtestem Landschaftslauf gekürt. Mehr als 1000 Männer und Frauen waren schon mehr als 30 Mal dabei. Für Gänsehaut dürfte bei vielen der Start in der Ski-Arena in Oberhof sorgen – dort, wo im Winter Biathlon-Weltmeister gemacht wurden.

Als „riesigen Imageträger für den Tourismus“ bezeichnet Antonia Sturm, Chefin des Regionalverbunds Thüringer Wald, den Lauf. Touristisch könne ihrer Einschätzung nach aber noch mehr herausgeholt werden. Erstmals hat sie in diesem Jahr die Akteure in der Region im Vorfeld zu einem Treffen eingeladen, mit dem Ziel, den Aufenthalt für die Läufer, aber auch die zahlreichen Gäste noch attraktiver zu gestalten. Allein in Schmiedefeld tummeln sich jedes Jahr rund 50 000 Zuschauer. Sturm hat dafür geworben, ihnen gezielt touristische Angebote zu machen, damit sie auch die Region erkunden und ihren Aufenthalt möglicherweise verlängern.

Als „eine gewachsene Kombination aus Sport, Natur, Ehrenamt und somit Heimatverbundenheit“ bezeichnet die Chefin des Regionalverbunds den Rennsteiglauf. Er vermittle in einem Event „die Vorzüge des Thüringer Waldes für Aktivtouristen“. Die Marke Rennsteiglauf im Tourismus zu stärken, sieht sie als wichtige Aufgabe. Vom Image des Laufs sollen auch Veranstaltungen wie der „Rennsteig-Ride“ profitieren - ein Mountainbike-Rennen, das im September zum siebten Mal im Thüringer Wald ausgetragen wird.

Kritische Stimmen sind vor der Jubiläumsausgabe nicht zu hören. „Im Gegenteil“, sagt Sturm. Der Lauf bringe eine „sehr positive Euphorie“ in die Region. „Beinahe jeder Ort oder ansässige Verein ist in die Organisation eingebunden und schafft somit die einzigartige liebevolle Atmosphäre.“ Auch Dehoga-Chef Ellinger spricht vom „besonderen Spirit“, der durch das „unglaubliche Engagement“ in der Region entstehe: „Ohne die rund 1700 ehrenamtlichen Helfer würde das Ganze nicht funktionieren.“

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