Rennsteiglauf in Neuhaus Erstlingsmarathonis und ein Teilnehmerrekord

Madlen Pfeifer

Wenn tausende Menschen gemeinsam zum Schneewalzer schunkeln, das Rennsteiglied singen und sich in Neuhaus am Rennweg auf die Marathon-Strecke begeben, dann sind Gänsehaut und Kloß im Hals garantiert.

 
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Es sind noch anderthalb Stunden bis zum Start. Am Schulcampus am Apelsberg ist schon längst Leben eingekehrt. Während gut 40 Feuerwehrler bereits seit 6.10 Uhr an ihren Posten zum Straßenabsperren und Verkehrregeln stehen, sind im Massenquartier in der Turnhalle neben dem Grundschulgebäude bereits die letzten Läufer dabei, sich anzuziehen, ihre Sachen zusammenzupacken und in Richtung GutsMuths-Halle aufzubrechen.

Beth Steger ist eine der gut hundert Frauen und Männer, die auf Matten am Boden nebeneinander genächtigt haben. Ein „super Angebot“ nennt sie die Schlafstätte angesichts der nicht allzu üppigen und schnell vergriffenen Übernachtungsmöglichkeiten in Neuhaus. Wenngleich es wohl für die meisten Menschen nicht das bequemste Bett ist, das man sich vor einem Marathon vorstellt, zeigt sich die 43-jährige in Erlangen beheimatete US-Amerikanerin vollends zufrieden. Sie sei ausgeschlafen, fühle sich fit und habe, wie sie augenzwinkernd sagt, mit mehr Schnarchern gerechnet.

Kurz nach 4 Uhr war die Nacht für die ersten im Massenquartier vorbei. Und nicht nur dort. Auch für Carola Halsch klingelte der Wecker in Hessen zu jener Zeit. Um 5 Uhr machte sich die 55-Jährige schließlich auf den Weg von Fulda nach Neuhaus. Manuela Kirchner, Katja Malter und Marco Witter aus Sachsenbrunn konnten dank der nicht allzu weiten Anreise bis 6 Uhr schlafen. Während Halsch aus Fulda das dritte Mal zum Marathon antritt, hat sich das Dreiergespann aus dem Nachbarlandkreis Hildburghausen die Premiere für den 42,26-Kilometerlauf bis zum 50. Jubiläum des Rennsteiglaufes aufgehoben. Und damit sind sie nicht allein. Denn: So allerhand Hände gehen in die Höhe, als Moderator Hans-Peter Müller, besser bekannt als Hans im Glück, in den Minuten vorm Start nachhakt, wer denn das erste Mal dabei sei. „So viele hatten wir noch nie“, lautet sein Resümee.

Über 1000 Thüringer

Ja, das 50. Jubiläum scheint einige motiviert zu haben. Insgesamt sind über die drei verschiedenen Distanzen Athleten aus gut vier Dutzend Nationen unterwegs. In Neuhaus etwa die beiden Gäste aus der Partnerstadt Nueva Helvecia in Uruguay. Was sich beim Blick auf die Teilnehmer aus Deutschland zeigt, ist, dass in allen drei Startorten der Kerndisziplinen Läufer aus allen 16 Bundesländern vertreten sind. Über 1000 Thüringer begeben sich beim Marathon in Neuhaus auf die Strecke. Mehr als 500 sind es aus Sachsen, nahezu 300 aus Bayern, um die 250 aus Brandenburg. Alle anderen Teilnehmerzahlen pro Bundesland liegen darunter und reichen bis zu einer Handvoll Starter aus Bremen. Insgesamt aber darf man sich in Neuhaus freuen, heuer mit 3600 Athleten – wie sie Startortleiter Dieter Greiner beziffert – einen Nachwenderekord verzeichnen zu können.

Der Start am Samstagmorgen rückt immer näher. Hans im Glück begrüßt ein ums andere Mal die Läufer, wünscht einen „Guten Morgen bei herrlichem Wetter“, gibt Infos rund ums Laufgeschehen, hat historische Fakten parat, und moderiert die Lichtethaler Musikanten an, die dann und wann, mal mit, mal ohne ihn ein Liedchen spielen. Vor der Bühne und rings um die GutsMuths-Halle kommen immer mehr Menschen zusammen. Mancher dehnt die Waden, mancher kreist die Hüfte, andere machen noch ein Selfie oder lassen ein Gruppenfoto vorm Start knipsen und wieder andere rutschen die Strümpfe zurecht, zutschen noch ein Energie-Gel aus der Verpackung oder trinken noch einen Kaffee.

Drei Startschüsse

Gut 30 Minuten vor 9 Uhr findet sich die Prominenz auf der Bühne ein. Der Neuhäuser Bürgermeister Uwe Scheler richtet ebenso ein paar Worte an die Läufer wie der Vorsitzende der CDU Thüringen Mario Voigt oder der amtierende Landrat Jürgen Köpper. Derweil nehmen die Marathonis allmählich Aufstellung. Wieder – wie schon im Vorjahr – steht etwa Olaf Schäfer aus Berlin in der ersten Reihe. Es ist diesmal sein 20. Rennsteiglauf-Marathon. Daneben macht sich mit Robert Lämmchen ein Neuhäuser startklar für seinen vierten Rennsteig-, aber den ersten Marathonlauf.

Beim Aufwärmen helfen auch in diesem Jahr – wie sollte es anders sein – Hans im Glück und die Lichtethaler mit. Zum Schneewalzer wird ordnungsgemäß geschunkelt und die Arme werden in der Luft hin- und herbewegt. Gänsehautfeeling pur. Zum Rennsteiglied wird geklatscht und beim Auftakt der dritten Strophe, als es heißt, „an silberklaren Bächen“, der Countdown heruntergezählt – bis schließlich punkt 9 Uhr Landrat Köpper den Startschuss abgibt. Fünf Minuten dauert’s, bis sich alle durchs Nadelöhr des Startbogens gedrängt haben. Weitere fünf Minuten, bis Köpper den nächsten Startschuss in den Himmel und damit die Wanderer auf die Strecke schickt.

Mit ein paar Minuten Verspätung geht’s dann kurz nach 9.40 Uhr auch für die dritte Gruppe in Neuhaus los – die des 4,2 Kilometer langen Mini-Marathons. Genauer gesagt für 213 Läufer, die am Ende wieder dort ankommen, wo sie gestartet sind und sich auf ein Mittagessen analog zur Kloßparty am Vorabend freuen können. Danach ist zwar das große Treiben am Neuhäuser Startort vorüber, nicht aber die Arbeit für die insgesamt gut hundert freiwilligen Helfer am Startort rund um Dieter Greiner. Für die gilt es, die Halle und alles ringsherum wieder aufzuräumen und sauber zu machen – bis Sonntagmittag, wo das Objekt wieder an den Landkreis, der es kostenfrei zur Verfügung gestellt hat, übergeben sein muss. Und damit dann auch der Jubiläumsrennsteiglauf so schnell schon wieder Geschichte ist.

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Umfrage: Faszination Rennsteiglauf

Beth Steger (43), Erlangen in Bayern:
Es ist der dritte Rennsteiglauf-Marathon, den ich laufe. Ich habe schon einige Städteläufe mitgemacht, aber der Rennsteiglauf ist etwas Besonderes. Hier gibt’s Natur pur. Man kann die Natur genießen.

Beth Steger. Foto: Carl-Heinz Zitzmann

Sven Kleinert (60), Burgstädt in Sachsen:
Wir sind vom Burgstädter Laufverein eine Gruppe von sechs Mann. Ich selbst bin schon dreimal von Eisenach beim Ultramarathon gestartet und diesmal das dritte Mal beim Marathon hier in Neuhaus. Der Rennsteiglauf ist einfach eine Institution. Das ist einfach eine Ansage, ein super Landschaftslauf.

Sven Kleinert. Foto: Carl-Heinz Zitzmann

Manuela Kirchner (40), Sachsenbrunn in Thüringen:
Nach drei Starts beim Halbmarathon ist das der erste beim Marathon. Zum 50. Rennsteiglauf sollte es etwas Besonderes sein. Und irgendwie habe ich mir gesagt, mit 40 Jahren zum 50. das passt. Als Dreiergespann gehen wir an den Start. Für uns alle ist es der erste Marathon. Wir haben gemeinsam vier Monate dafür trainiert und uns als Ziel gesetzt, den Lauf zu genießen und im Ziel in Schmiedefeld anzukommen.

Manuela Kirchner (rechts) und Katja Malter. Foto: Carl-Heinz Zitzmann

Michael Schulz (59), Dessau in Sachsen-Anhalt
Der Schwiegervater ist ein begeisterter Rennsteigläufer. Er hat uns – meine Frau, ihren Bruder und mich – angesteckt. Seither machen wir ein Familientreffen daraus. Für Schwiegervater Manfred ist es mit 85 Jahren der 43. Lauf – inzwischen seit zwei, drei Jahren als Wanderer. Für meine Frau ist es der achte Marathon-Start, für mich der siebente.

Michael und Ehefrau Kathrin Schulz. Foto: Carl-Heinz Zitzmann

Carola Halsch (55), Fulda in Hessen: Ich bin seit zehn Jahren begeisterte Läuferin. Das erste Mal beim Rennsteiglauf bin ich beim Halbmarathon gestartet, beim zweiten Mal beim Supermarathon und dann mit heute dreimal beim Marathon. Das Feeling ist einfach toll, auch mit den Partys am Abend zuvor und nach dem Lauf. Den Rennsteiglauf lasse ich mir nicht nehmen.

Carola Halsch. Foto: Carl-Heinz Zitzmann

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