Reise nach Kirgistan Ein richtiges Abenteuer

Axel Bauer

Axel Bauer und Wibke Raßbach aus Schmalkalden waren mit ihren Kindern Selma und Smilla schon in der ganzen Welt unterwegs – in Neuseeland, Finnland, Argentinien, Chile, Polen, Norwegen, Marokko, Georgien ... Diesmal berichten sie von ihren Erlebnissen in Kirgistan.

Flughafenwechsel in Istanbul. „Hier entlang, da vorne ist der Bus.“ „Der weiße Reisebus?“, frage ich. „ Ja, beeilt euch“, höre ich von der türkischen Frau, die uns herzlich, aber sehr bestimmt mit unserem Flughafentransfer hilft. Endlich sind wir wieder auf Reisen. Doch unser Ziel, in Kirgistan durch die weite Bergwelt zu radeln und auf schneebedeckte Bergriesen zu schauen, ist noch in weiter Ferne. Wir sind auf der asiatischen Seite Istanbuls zwischengelandet, wollen weiter nach Bischkek. Unser Weiterflug geht in fünf Stunden, jedoch vom ganz anderen Ende der Millionenmetropole – von der europäischen Seite aus. Vor uns liegen 50 Kilometer „stop and go“ im Stadtverkehr. Irgendwie schaffen wir es zu viert mit drei Fahrradkartons und einem Berg Gepäck in vier Stunden über den Bosporus zu kommen. Bei all der Aufregung haben wir im Bus ein gutes Gespräch mit einem Österreicher, der seine russische Frau besuchen will und drei Tage Flugreise dafür in Kauf nimmt. Die zwei wollen in Wien leben, was auf Grund des Krieges und der Folgen für Russen nicht so einfach ist. Auf der ganzen Reise werden wir viele unterschiedliche Menschen treffen, die den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine widerspiegeln, die uns ihre ganz persönlichen Schicksale erzählen.

Mal richtig weit weg. Smilla (15), unser älteste Tochter, ist nach einem Jahr „Outdoor College“ in Norwegen das Leben draußen gewohnt und fordert uns heraus. „Wir wollen doch nicht schon wieder nach Italien, Frankreich oder so? Wir sollten doch mal ein richtiges Abenteuer angehen!“ Selma (11) runzelt die Stirn. Sie denkt sich wohl: Eine Reise ins Ungewisse? Das wird doch nur anstrengend.

Ehrlich gesagt, nach den Einschränkungen durch Corona, ist es eine Wohltat, einfach über die Möglichkeit in ferne Länder reisen zu können, nachzudenken. Allein schon das schafft ein vertrautes Gefühl von Weite, den Geschmack einer Garküche oder den Gedanken an ein Biwak in den Bergen. Ja, genau, wir reisen nach Kirgistan, um dort auf Reiserädern endlich wieder etwas Abenteuerluft zu schnuppern. Doch das Tien Shan Gebirge ist hoch, die Strecken sind äußerst anspruchsvoll, bei, ich würde sagen, ungewohnter Infrastruktur. Geht das mit Kindern oder besser Jugendlichen? Doch um die Frage zu beantworten, müssen wir es ausprobieren.

Absolute Hitze

Bischkek ist die Hauptstadt der Republik Kirgistan. In den meisten Ecken kommt sie sehr dörflich daher, niedrige Bauten und viel Grün tragen dazu bei. Im Sommer liegt die lähmende Hitze Zentralasiens über der Stadt, das Wetter ist konstant sonnig bei über 40 °C im Schatten. Während wir an den Straßenecken mal das nationale Erfrischungsgetränk Kwas schlürfen oder auf dem faszinierenden Osch-Basar Trockenfrüchte einkaufen, wächst die Überzeugung, höher in die Berge zu den kühleren Temperaturen zu wollen oder besser zu müssen. Die Hitze schlägt aufs Gemüt.

So starten wir mit einer Marschrutka (lokales Sammeltaxi), um 100 Kilometer weiter auf 1300 Metern über Meereshöhe mit den Rädern loszufahren. Der Fahrer verabschiedet sich mit „Doswidania“ und wir stehen schweißnass mitten in der Gluthitze im Nirgendwo. Rundherum sieht die Steinwüste alles andere als erfrischend aus. Das Thermometer am Rad zeigt 46 °C, was ich nicht verrate, um eine Revolte zu vermeiden. Wahrscheinlich war er einfach zu lange in der prallen Sonne?

Meine drei Mädels und ich fahren tapfer los. Schon bald wird über heißkalte Schauer und überkochende Schädelinnenräume geklagt. Ich würde sagen, die Sache läuft vor den Baum – wenn nicht, ja genau … ein kühles Nass zu finden ist. Am Straßenrand läuft aus einem Rohr Quellwasser, an dem wir uns erfrischen und ausruhen. Unsere Rettung! Zum Abend hin lässt die große Hitze nach und wir fahren das Chong Kemin Tal weiter bergauf.

Frauen- und Männerrollen

Bei Tschannybek werden wir für die Nacht unterkommen. Stefan, ein guter Freund aus Suhl, kennt ihn. Er empfiehlt ihn auch als Organisator einer Passüberquerung zu Pferd. Tschannybek ist um die 45 Jahre alt, trägt die Kappe der Muslime und hat einen langen Bart. Wir wohnen in seiner Unterkunft in einem schönen Zimmer. Sein Garten ist eine ruhige und auch grüne Oase. In einer Höhe von 1800 m ü NN ist es auch nicht so heiß. Smilla beobachtet genau die Tätigkeiten der Familienmitglieder. Es gibt klare Männer- und Frauenaufgaben. Warum, so fragt sie, sind die Rollen der Geschlechter hier so strikt festgelegt? Warum sind die Männer so viel präsenter als die Frauen? Wir diskutieren viel.

„Der Hilfsandré“

Nach einer ersten „Durchfallwelle“ mit zwei Tagen Fasten und Zwangspause, starten wir mit Christina, einer allein reisenden Italienerin, zu Fuß über die Berge Richtig Issyk Kul See. Sie ist richtig nett, erzählt uns von ihrer Tour als Alleinreisende durch den Iran, von der Herzlichkeit und Neugier der Leute dort. Selma und Christina verstehen sich besonders gut und palavern in ihrer gemeinsamen Sprache, Englisch. Mit von der Partie ist Asylbek, unser einheimischer Führer – ebenfalls mit beeindruckendem Bart, ruhig und unaufgeregt. Ich helfe Asylbek beim Aufpacken der Pferde, Zeltaufbauen und Feuermachen. Dabei treibt er mich mit „Dawai! André“ an. (Axel und André ist ja eh fast eins …) Wibke grinst in sich hinein und tauft mich „Hilfsan-dré“. Liebevoll, oder?

Asylbek reitet voraus, mit knapper Leine ein Packpferd mit Ausrüstung unserer sechsköpfigen Karawane hinter sich. Irgendwo abgeschlagen laufen wir mit dem dritten Pferd, auf dem Smilla und Selma abwechselnd reiten. Es ist sehr gutmütig und hat seine eigene Vorstellung von Geschwindigkeit. So tauchen wir in die Gebirgswelt ein, langsam, bedächtig, Flüsse überquerend, auf schmalsten Pfaden, beobachtend, fasziniert. Als ein Gewittersturm losbricht, ist jegliche Idylle vorbei. Außer bei Asylbek, der ruhig auf seinem Pferd sitzt, tief unter dem dicken Regenüberhang eingegraben. Wahrscheinlich könnte er so noch zwei Wochen weiterreiten. Unter unseren gewichtssparenden Outdoorjacken ist es nicht ganz so heimelig. Unsere Rettung ist ein Holzverschlag mit Ofen, in dem wir Essen bekommen und den Regen abwarten. Wir fühlen uns jetzt mittendrin. Ja genau, weit ab der Zivilisation.

Der lange Tag endet am 2500 Meter ü NN hoch gelegenen Bergsee Kel-Kogur, der, tief eingegraben zwischen Berghängen, wie eine dunkle Perle wirkt. Es regnet, doch zum Kochen machen wir ein Feuer, trinken heißen Tee und schauen in die dunkle Nacht.

Allein dieser Tag wirkt wie eine ganze Reise. Vielleicht ein Gefühl wie bei Alex Supertramp (Chris McCandless im Film „Into the Wild“).                           Fortsetzung folgt

 

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