Regelschule am Pulverrasen „Je mehr ich erfahre, desto ekliger finde ich es“

red

Im Rahmen eines Projekttages haben sich Mädchen und Jungen der Regelschule am Pulverrasen mit der Zeit des Nationalsozialismus und dem Schicksal von Meininger Kindern an ihrer Schule beschäftigt.

Bei einem Schulprojekt beschäftigten sich Siebtklässler der Schule am Pulverrasen mit der Zeit des Nationalsozialismus,. Auf dem Bild: Maxim Löhnicker, Louis Böhm und Jason Vietsch. Foto: Iris Helbing

Meiningen - „Je mehr ich über diese Zeit erfahre, desto ekliger finde ich sie. Ich kann gar nicht verstehen, was man an der Zeit toll fand“, meinte ein Schüler der 7a der Regelschule am Pulverrasen. Zur Zeit des Nationalsozialismus hieß seine Schule Prinz-Friedrich-Schule. Nicht nur jüdische Kinder mussten sie verlassen, sondern auch deutsche Kinder, die angeblich nicht in die „Volksgemeinschaft“ passten. Dazu gehörten Kinder, die als „schwachsinnig“ oder kriminell galten und Kinder, die körperliche oder geistige Beeinträchtigungen hatten.

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Im Rahmen eines Projekttages haben sich die Schüler der Klasse 7a auf Spurensuche nach dem Schicksal dieser Kinder gemacht. Unterstützt wurden sie von der promovierten Historikerin und Leiterin des Stadtarchivs Meiningen, Iris Helbing.

„Kinder im Nationalsozialismus“ wollten die Schüler den Projekttag nennen. In Vorbereitung des Projekttages wünschten sie sich, mehr über das Leben als Kind und Jugendlicher in der Nazi-Zeit zu erfahren. Schwerpunkt sollten deutsche Kinder und Jugendliche sein, das Alltagsleben im Krieg und die Situation von Kindern, die nicht ins System passten.

Das Stadtarchiv kann dazu reichlich Material liefern. Die Schüler bekamen zu ihrem Projekttag Mappen mit Dokumenten wie zu einem Kriminalfall und stellten so die Biografien von Meininger Kindern zusammen, die es in den Jahren 1933 bis 1945 aufgrund ihrer Herkunft oder Situation nicht einfach hatten. Themen waren unter anderem „Alltag im Nationalsozialismus“, „Bombardierung Meiningens“, „Jüdische Kinder auf der Prinz-Friedrich-Schule“, „Das Schicksal der Else Wolf“.

Erschreckend waren die Themen Zwangssterilisierung und Euthanasie, also die Ermordung von Menschen, die von den Nazis als als Belastung des „gesunden Volkskörpers“ angesehen wurden. Zwei Gruppen beschäftigten sich anhand von Dokumenten aus dem Archiv mit dem Schicksal von Else Schubert, die zwangssterilisiert wurde, weil sie als „debil“ galt. Eine andere Gruppe nahm sich der Familie Wolf an, die den Nazis ein Dorn im Auge war. Der Vater war schon als schwachsinnig eingestuft worden. Die Familie hatte sechs Kinder. Tochter Else musste die Prinz-Friedrich-Schule in der dritten Klasse Richtung Stadtroda verlassen, die Tötungsstelle für Kinder in Thüringen während des Nationalsozialismus.

Im Stadtarchiv verliert sich die Spur von Else. Aber durch weitergehenden Recherchen und eine Verwandte der Familie sind zu dem Fall weitere Dokumente zusammengekommen aus anderen Archiven, die zeigen, wie erbarmungslos das Nazi-Regime gegen Deutsche vorging, die als „asozial“ galten. Else starb im Winter 1944 in Danzig, angeblich an einem plötzlichen Herzstillstand. „Die größte Lüge überhaupt“, kommentierten die Jungs aus der 7a den Fall. Nahe bei Danzig im heutigen Polen hatten die Deutschen das Konzentrationslager Stutthof angelegt. Eine Anfrage zu Else Wolf im Archiv der dortigen heutigen Gedenkstätte läuft.

Die Schicksale gehen den Kindern nahe. Es hätte beinahe jeden treffen können, nicht nur jüdische Kinder. Else Wolfs Bruder war einfach nur „widerspenstig“ und wurde durch den Lehrer Kürschner an das Rasseamt in Weimar gemeldet. Kam jemand nur langsam im Unterricht mit, konnte er als schwachsinnig gemeldet werden. Kinder, deren Eltern den Stempel „asozial“ aufgedrückt bekamen wie bei Familie Wolf, standen unter permanenter Beobachtung. „Wenn die Kinder und Jugendlichen ,Glück’ hatten, wurden sie ,nur’ zwangssterilisiert so wie Else Schubert. Schlimmstenfalls konnte die Meldung an das Rasseamt in Weimar den Tod bedeuten“, berichtete Historikerin Helbing.

Im Januar werden die Schüler der 7a mit einer kleinen Ausstellung an vier Meininger Jugendliche erinnern. Neben Else Schubert und Else Wolf haben sie sich noch mit Eva Mosbacher beschäftigt, die durch den Kindertransport nach Großbritannien kam und dort überlebte, während ihre jüdischen Eltern in Deutschland ermordet wurden. Und auch Paul Oestreicher wird in der Ausstellung eine Rolle spielen, der mit seinen Eltern nach Neuseeland fliehen konnte und heute Meininger Ehrenbürger ist.

Das Schicksal der Else Wolf soll weiter erforscht werden.