Radios aus Sonneberg: Der Radiostrom aus der Petroleumlampe

Werbung für ein RFT-Radio Sonneberg in einer irakischen Zeitung der 1950er Jahre. Foto: Alte Radios und Technik

Ob die Energiewende reibungslos gelingt oder es öfter zu Blackouts – Stromausfällen – kommt, darüber streiten die Experten. Ein Sonneberger Radio hatte dafür schon in den 1950er Jahren die Lösung.

Sonneberg/Bagdad/Ilmenau - Wer erinnert sich nicht daran, dass in der Kindheit öfter mal der Strom ausgefallen ist und die Familie die Kerzen hervorkramen musste. Die Ausfälle sind heute so selten, dass niemand mehr darauf vorbereitet ist. Ob in der nahen Zukunft ohne Kohle-Großkraftwerke öfter mit den sogenannten Blackouts gerechnet werden muss, ist noch eine Streitfrage unter den Energieexperten.

Ein Leben ohne Strom oder ohne sicheren Strom ist für viele Menschen auf der Erde der Normalfall. Im vergangenen Jahrhundert war die Netzdichte mancherorts so gering, dass man von vorneherein auf besondere Lösungen setzte, wie das folgende Beispiel zeigt.

„Ein ganz besonderes Fundstück erreichte uns diese Woche. Eine alte Anzeige von RFT in einer irakischen Zeitung aus dem Jahr 1958“, hieß es kürzlich in der Facebook-Gruppe „Alte Radios und Technik“. Der Werbetext auf dem nebenstehenden Ausriss lautet: „Öl-Radio, Deutschland RFT. Ein weltweites Meisterwerk der Radioindustrie. Die Elektrizität wird aus der Öllampe ohne Störungen zum Radio geleitet. Vier Jahre Garantie vom Hersteller.“

Bei dem Radiogerät dürfte es sich um eine Exportausführung des Sonra Super handeln, vermuten die Freunde historischer Radios. Die Lampe wiederum schmückt kein durchdesignter Lampenschirm, sondern ein Thermoelektrogenerator TGK-3 des russischen Herstellers Metallamp aus Moskau. Eine Ölfüllung reichte für zehn bis 16 Stunden Batteriebetrieb. Die damaligen Röhrenradios hatten einen viel höheren Stromverbrauch als heutige Empfänger – wie bei einer kleinen Glühlampe musste die Radioröhre nämlich mit einer Heizwendel aufgeheizt werden.

Das Prinzip ist aus der Physik bekannt: Wenn zwei unterschiedliche Metalle oder Halbleiter miteinander kontaktiert werden, entsteht ein thermoelektrischer Potenzialunterschied. Am anderen Ende der Paarung kann dann eine elektrische Spannung gemessen werden, wenn die Kontakt- und die Messstelle unterschiedliche Temperaturen aufweist. Um ausreichend hohe Spannungen zu erhalten, werden mehrere zwischen der kalten und der warmen Seite montierte Elemente elektrisch in Reihe geschaltet – was den hübschen Lampenschirm erzeugt.

Herbert Börner aus Ilmenau hat die lange Geschichte dieser Generatoren 2014 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Funkgeschichte“ beschrieben. Nach seinen Recherchen warb eine Firma schon 1925 mit einem Thermoumwandler als Stromquelle an. Es gab zwar einige Vorteile, aber der Wirkungsgrad war noch katastrophal 250 Watt heiße Eingangsleistung reichten für etwa zwei Watt elektrischer Ausgangsleistung. 350 Watt Eingangsleistung erzeugten bescheidene fünf Watt elektrischer Ausgangsleistung. Zudem benötigte das Gerät zehn Minuten Anheizzeit. 1928 tauchte ein anderer Thermoumwandler von einer anderen Firma auf.

Berichte über Thermoumwandler gab es erst wieder in den 1950er Jahren. Bei Philips stellte man nach Börners Recherchen 1957 Versuche zur Stromversorgung von Transistorradios an. „Eine Renaissance der Thermoelektrizität gibt es in den 1940er Jahren in Form des russischen Thermogenerators TGK-3, der auf eine Kerosinlampe montiert wird“, schreibt der deutsch-irakische Autor Achmed Adolf Wolfgang Khammas in seinem „Buch der Synergie“. Während die Flamme an dem einem Pol des Thermoelements für eine Temperatur von rund 570 Grad sorgt, bietet der Kranz an Kühlrippen eine Kältepol-Temperatur von etwa 90 Grad.

Zu der Zeit, als diese Lampe verwendet wird, führt die Sowjetunion die thermoelektrische Energieerzeugung in ihren Fünf-Jahres-Plan ein. Besonders für die kalten Regionen des Landes werden entsprechende Generatoren mit einer Leistung von 200 bis 500 Watt entwickelt, deren Verbrennungswärme aus Brennholz, Benzin oder Kerosin stammt. Unter dem Spitznamen „Partisanenkantinen“ werden während des Zweiten Welt Krieges auf russischer Seite zudem Kochtöpfe eingesetzt, die über das offene Feuer gehängt werden und einen „Stromausgang“ für das konspirative Funkgerät haben, hat Khammas herausgefunden .

Diese Beiträge zum Fortschritt der Thermoelektrizität gehen in erster Linie auf den sowjetischen Physiker Abram Fedorovich Ioffe in Sankt Petersburg zurück, der 1929 ein Buch thermoelektrische Halbleiter-Kühlung schrieb.

1953 stellt die Akademie der Wissenschaften der UdSSR einen thermoelektrischen Kühlschrank mit einem zehn Liter großen Kühlfach vor, und 1955 wird gemeinsam mit dem Leningrader Technologischen Institut der Kälteindustrie das Modell eines Haushaltskühlschranks von 55 Liter Inhalt geschaffen. Ioffes Forschungen und Entwicklungen in den späten 1950er und in den 1960er Jahren führen zu einigen der ersten kommerziellen thermoelektrischen Energieerzeugungs- und -kühlvorrichtungen. „Und auch der TGK-3 wird in den 1950er Jahren erneut zum Betreiben von Radios hergestellt“, heißt es im „Buch der Synergie“.

Im Alltagsgebrauch sind solche Stromerzeuger heute allerdings kaum noch zu finden. Preiswerte Batterien und die geringe Leistungsaufnahme von Rundfunkempfängern haben sie überflüssig gemacht.

Thermoelektrische Generatoren werden aber an ganz anderer Stelle eingesetzt. Man findet sie auch in Radionuklidbatterien, unter anderem für Raumsonden, die wegen zu großer Entfernung von der Sonne nicht mit Solarzellen arbeiten können, oder in abgelegenen Mess-Sonden. Radioaktiver Zerfall künstlich hergestellter Radioisotope erzeugt hier die zum Betrieb erforderliche Wärme. Für den Hausgebrauch ist diese Art von Atomstrom natürlich völlig ungeeignet.

Und was machen Sonneberger Radios mit sowjetischen Lampenstromern im Irak? Am 14. Juli 1958 kam es im Haschemitischen Königreich zu einem Staatsstreich. Es setzte sich eine pro-sozialistische Diktatur durch, die gute Beziehungen zum Ostblock unterhielt.

Liebe Leser, wenn Sie mehr über das abgebildete Radio wissen, dann schreiben Sie eine E-Mail an lokal.sonneberg@freies-wort.de. Wir freuen uns über Erkenntnisse zur Radioproduktion in Südthüringen.

 

Bilder