Radio-Kritik Ministerpräsident will mehr deutsche Musik

Mit dem Argument der kulturellen Selbstbehauptung fordert Thüringens Regierungschef Mario Voigt (CDU) Änderungen im Rundfunk. Wir fragen unsere Leser nach ihrer Meinung.

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt kritisiert kulturelle Entwicklungen, „die das Globale begünstigen und das Eigene leiser werden lassen“. Foto: picture alliance/dpa/Michael Reichel

Die  Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen-Anhalt, Mario Voigt und Sven Schulze (beide CDU), wollen die privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dazu drängen,  mehr deutschsprachige Musik abzuspielen. Musik spiegele  Sprache, Identität, kulturelles Selbstverständnis wieder. „Sie sagt uns, wer wir sind“,  daher müsse Musik in deutscher Sprache stärker als bisher hör- und sichtbar werden, schreiben die Regierungschefs in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Welt“. Dabei  gehe es nicht um eine Nebensache, sondern um „kulturelle Selbstbehauptung“.

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Sven Schulze (CDU, links), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, und Mario Voigt (CDU, rechts), Ministerpräsident von Thüringen, vor Beginn einer Sitzung des Bundesrates. Foto: picture alliance/dpa/Carsten Koall

Voigt und Schulze begründen ihre Initiative mit dem wachsenden  Anteil  fremdsprachiger Musik im Radio. Nur noch drei Prozent des Liedguts im privaten und zehn Prozent im öffentlich-rechtlichen Radio seien in deutscher Sprache. Dieser Rückgang sei  kein Zufall, sondern folge aus der Geschäftslogik der Sender und sei „Ergebnis von Strukturen, die das Globale begünstigen und das Eigene leiser werden lassen“.

Wie hörbar ist dieses „Wir“ eigentlich noch?

Ein  Appell reiche daher nicht, das Ziel einer höheren Deutsch-Quote zu erreichen. Es soll den beiden Ministerpräsidenten zufolge auch politischer Druck auf die Sender ausgeübt werden:  Zum einen brauche es „Gestaltung: neue Formate, gezielte Förderung, Kooperationsmodelle zwischen Rundfunk, Musikbranche und Festivals.“ Zugleich fordern Voigt und Schulze „eine freiwillige Selbstverpflichtung des Rundfunks, die auf mehr Sichtbarkeit abzielt“.  Man brauche „keine unverbindlichen Absichtserklärungen, sondern konkrete und nachvollziehbare Zielgrößen“, heißt es.  Damit das  kontrolliert werden kann, fordern die CDU-Politiker von den Sendern eine „regelmäßige transparente Offenlegung über die Entwicklung des Anteils deutschsprachiger Musik“. 

Als „Regulierung“ wollen die beiden ihre  Forderungen  dennoch nicht verstanden wissen;   auch um „staatliche Quoten“ gehe es nicht. „Die Rundfunkfreiheit ist ein hohes Gut.“ Zwar räumen die beiden Politiker in, dass die Musik-Konsumentscheidungen heute zunehmend nicht mehr in Radio und Fernsehen, sondern in den Playlists und Algorithmen der Streaming-Plattformen fallen. Radio und TV seien aber „Orte, an denen wir heute anfangen können – weil dort noch Menschen entscheiden“.

Zugleich verweist Voigt auf eine kulturelle Kontinuität, die von der Klassik bis in die Gegenwart reiche: „Doch was einmal galt – Johann Sebastian Bach aus Eisenach, Georg Friedrich Händel aus Halle – gilt heute genauso: Kulturelle Stärke entsteht, wenn Herkunft und Gegenwart zusammenkommen. Von Clueso aus Erfurt bis Tokio Hotel aus Magdeburg. Diese Kontinuität ist keine Nostalgie. Sie ist Argument.“

Wer argumentiere, der Markt entscheide, „der übersieht, dass Marktlogik Bekanntheit belohnt – nicht Talent. Wer nie im Radio und Fernsehen läuft, wird nicht bekannt.“ Daraus leiten Voigt und Schulze  eine gemeinsame Verantwortung von Branche und  Politik ab.
Andere Staaten achten Voigt und Schulze zufolge  bewusster auf ihre kulturelle Präsenz. Frankreich, Kanada oder Australien setzten gezielt auf nationale Inhalte. Denn, so heißt es in dem Beitrag: „Sichtbarkeit entsteht nicht von allein. Sie ist eine Entscheidung.“

Mehr deutschsprachige Musik verdränge keine internationale Qualität. Nur wer eine eigene Stimme habe, könne  im Konzert der Welt gehört werden. „Eine zusätzliche Stimme erweitert den Klang – sie schränkt ihn nicht ein.“ Zu englischsprachiger Musik aus Deutschland äußerten sich die beiden nicht.

Rundfunk bleibt zentraler Hebel bei Musik

Mario Voigt sitzt als Ministerpräsident selber im MDR-Rundfunkrat, dem obersten Gremium der Drei-Länder-Anstalt. In Sachsen-Anhalt stehen im September Landtagswahlen an, bei denen Umfragen zufolge die AfD die  größten Siegeschancen hat.

Clueso und Trompeter Konstantin Döben beim MDR JUMP Bands for Friends in Seifffen. Foto: picture alliance/dpa/MDR Mitteldeutscher Rundfunk/Hagen Wolf

Forderungen nach einem höheren Anteil deutschsprachiger Lieder im Radio gibt es seit den 90er Jahren immer wieder, auch und gerade im MDR-Sendegebiet. So geriet der Sender in die Kritik, als er vor rund 20 Jahren, den Vorlieben der Werbe-Kernzielgruppe der unter 50-Jährigen entsprechend, Schlager zugunsten internationaler Oldies zurückfuhr. Auch Schulzes   Amtsvorgänger Reiner Haseloff (CDU) forderte  bereits eine stärkere Präsenz von heimischer Musik im Radio.

Bei der AfD steht die stärkere Förderung der deutschen Sprache und nationalen Identität in der Kulturpolitik im Wahlprogramm. Der Thüringer AfD-Bundestagsabgeordnete Torben Braga begrüßte Voigts Vorstoß sarkastisch und merkte an: „Was er bloß alles bewegen könnte, wenn er als Mitglied des MDR-Rundfunkrates tatsächlich an den Sitzungen teilnehmen würde"

Thüringens AfD-Vizefraktionschef Jens Cotta legte noch einen auf diesen Spott drauf: "Für alle, die deutsche Musik hören wollen, ohne auf Voigts Quote zu warten: Schlager-Radio Thüringen, Landeswelle Schlagerwelle, Antenne Thüringen Deutsch-Pop — privat, ohne Zwangsgebühr, funktioniert seit Jahren", schrieb Cotta auf "X".